940 Kopfbälle pro Saison: Was sie im Gehirn von Jugendlichen auslösen
Jugendliche Fußballer gaben im Schnitt 940 Kopfbälle pro Saison an. Eine Studie fand keine messbaren Hirnveränderungen.
Kopfbälle gehören im Jugendfußball zum Spiel. Eine neue Studie zeigt nun, ob eine Saison voller Kopfballduelle messbare Spuren im Gehirn hinterlässt. © Pexels
Kopfbälle gehören zu den heikelsten Themen im Fußball. Frühere Untersuchungen legen nahe, dass ehemalige Profis häufiger an neurodegenerativen Erkrankungen leiden als die Allgemeinbevölkerung, besonders an Demenz. Im Verdacht stehen wiederholte Kopfbälle und andere leichte Stöße gegen den Kopf. Doch was bedeutet das für Jugendliche, die regelmäßig im Verein spielen? Kann schon eine weitere Saison voller Kopfbälle messbare Spuren im Gehirn hinterlassen?
Ein internationales Team um die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Inga Körte vom LMU Klinikum München hat diese Frage untersucht. Das Ergebnis der im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlichten Studie: Nach einer Saison fanden die Wissenschaftler keine Hinweise auf Veränderungen in Gehirnstruktur und Gehirnfunktion. Eine Entwarnung für jahrelanges Kopfballspiel ist das aber nicht.
DFB regelt Kinder-Kopfbälle strenger
Im Kinder- und Jugendfußball hat die Debatte bereits Folgen. Der Deutsche Fußball-Bund verbietet Kopfbälle nicht grundsätzlich. Er setzt aber auf altersgerechte Regeln, neue Spielformen und weniger Kopfballtraining. Kinder sollen später und vorsichtiger an Kopfbälle herangeführt werden.
Für Jugendliche war die Datenlage bisher mager. Viele ältere Untersuchungen waren klein, kurz angelegt oder schwer vergleichbar. Körte sagt dazu: „Die Datenlage bei Kindern und Jugendlichen ist insgesamt recht dünn.“ Die neue REPIMPACT-Studie liefert nun deutlich breitere Daten.
Jugendliche wurden dreimal genau untersucht
An der Untersuchung nahmen 129 männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren teil. 82 von ihnen spielten Fußball, 47 machten kontaktarme Sportarten wie Tennis. Die Teilnehmer kamen aus München, Oslo und Leuven.
Die erste Testreihe fand vor der Saison statt. Weitere Untersuchungen folgten nach Saisonende und rund zwei Monate später. Die Jugendlichen kamen in den Magnetresonanztomografen. Dort wurden Struktur, Funktion und Stoffwechsel des Gehirns erfasst.
Dazu kamen Tests zu Gedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit, Impulskontrolle, Verhalten, Motorik und Gleichgewicht. Außerdem analysierten die Forscher Blutwerte, die Hinweise auf Vorgänge im Gehirn geben können.
Eine Saison zeigte keine klaren Spuren
Nach einer Saison fanden die Forscher keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Fußballspielern und Jugendlichen aus kontaktarmen Sportarten. Das galt für Denken, Verhalten, Gleichgewicht, Hirnvolumen, Dicke der Hirnrinde, weiße Substanz und funktionelle Verbindungen im Gehirn.
Auch die selbst angegebene Zahl der Kopfbälle passte nicht zu messbaren Veränderungen. Innerhalb der Fußballgruppe zeigte sich also kein Muster nach dem Prinzip: mehr Kopfbälle, stärkere Veränderung. Die Jugendlichen berichteten im Schnitt von knapp 940 Kopfbällen pro Saison. Die Unterschiede zwischen den Spielern waren allerdings groß.
Körte fasst den Befund so zusammen: „Wer kompetitiv in diesem Alter Fußball spielt, bei dem zeigt eine weitere Saison Fußball keine wesentlichen Veränderungen des Gehirns.“ Diese Aussage gilt nur für den untersuchten Zeitraum und die untersuchte Gruppe.
Einige Blutwerte bleiben auffällig
Offene Fragen bleiben dennoch. Schon zu Saisonbeginn lagen bei den Fußballspielern einige Werte höher als in der Vergleichsgruppe. Dazu gehörten tNAA, GFAP und NfL. GFAP und NfL gelten als Biomarker, die in der Forschung mit Hirnschädigungen in Verbindung gebracht werden.
Über die Saison hinweg ergab sich daraus jedoch kein klarer Kopfball-Effekt. Beim tNAA näherten sich die Gruppen bis zum Saisonende an. GFAP und NfL entwickelten sich in beiden Gruppen ähnlich. Warum die Fußballspieler zu Beginn höhere Werte hatten, bleibt offen.
Möglich ist ein Zusammenhang mit kurz zurückliegendem Training. Auch körperliche Anpassungen könnten eine Rolle spielen. Denkbar ist zudem, dass frühere Belastungen mitwirken, weil viele Jugendliche schon seit Jahren Fußball spielten.
Warum das keine Langzeit-Entwarnung ist
Die Untersuchung hat klare Grenzen. Die Zahl der Kopfbälle beruhte auf Angaben der Jugendlichen. Solche Schätzungen sind unsicher. Objektive Sensoren waren in dieser Altersgruppe nicht zuverlässig genug.
Außerdem wurden nur männliche Jugendliche aus europäischen Vereins- und Akademiestrukturen untersucht. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht einfach auf Mädchen, jüngere Kinder oder andere Leistungsniveaus übertragen.
Entscheidend ist auch die Dauer. Eine Saison zählt im Fußballalltag viel, für mögliche Veränderungen im Gehirn aber wenig. Krankheiten wie Demenz entstehen über Jahre oder Jahrzehnte. Die Studie sagt deshalb nur, was in diesem Zeitraum messbar war.
Körte warnt vor einer falschen Schlussfolgerung: „Die bisherige weltweite Studienliteratur zeigt, dass häufiges Kopfballspiel langfristig nicht gut für das Gehirn ist.“ Zu den auffälligen Biomarkern sagt sie: „Das muss weiter untersucht werden.“
Größere Studien müssen länger hinschauen
Für den Jugendfußball bedeutet das Ergebnis: Eine weitere Saison Fußball war in dieser Studie nicht mit erkennbaren kurzfristigen Veränderungen in Gehirnstruktur, Gehirnfunktion, Denken, Verhalten oder Gleichgewicht verbunden.
Trotzdem bleiben altersgerechtes Kopfballtraining, gute Technik und Aufmerksamkeit bei Beschwerden wichtig. Die aktuelle Linie im Jugendbereich passt dazu: Kopfbälle nicht dramatisieren, aber die Belastung begrenzen.
Die Forscher fordern größere Untersuchungen über mehrere Jahre. Erst solche Daten können klären, ob häufige Kopfbälle für Jugendliche langfristig Folgen haben.
Kurz zusammengefasst:
- In einer Studie mit 129 männlichen Jugendlichen fanden Forscher nach einer Saison Fußball keine messbaren Veränderungen durch Kopfbälle bei Gehirnstruktur, Gehirnfunktion, Denken, Verhalten oder Gleichgewicht.
- Jugendliche Fußballspieler gaben im Schnitt knapp 940 Kopfbälle pro Saison an; diese Zahl beruht auf Selbstauskünften und zeigte keinen klaren Zusammenhang mit Veränderungen im Gehirn.
- Die Ergebnisse gelten nur für den untersuchten Zeitraum und sind keine Langzeit-Entwarnung, weil häufiges Kopfballspiel über viele Jahre weiter untersucht werden muss.
Übrigens: Auch abseits des Fußballplatzes kann das Gehirn schon früh unter Druck geraten. Eine große Leipziger Studie zeigt, welche Warnzeichen bereits bei jungen Erwachsenen mit der geistigen Leistungsfähigkeit zusammenhängen – mehr dazu in unserem Artikel.
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