Schon 42 Minuten Tageslicht könnten das Demenzrisiko senken

Eine Studie mit 87.577 Erwachsenen verbindet mehr Tageslicht mit geringerem Demenzrisiko. Gemessen wurde per Sensor am Handgelenk.

Helles Tageslicht am Tag hing in der Studie mit einem geringeren Demenzrisiko zusammen. Schon rund 42 Minuten sehr helles Licht pro Tag fielen in der Analyse deutlich auf. © Unsplash

Helles Tageslicht hing in der Studie mit einem geringeren Demenzrisiko zusammen. Schon rund 42 Minuten sehr helles Licht pro Tag fielen in der Analyse deutlich auf. © Unsplash

Helles Licht macht morgens wacher, hebt oft die Stimmung und hilft dem Körper, seinen Tag-Nacht-Rhythmus zu ordnen. Viele Menschen spüren das im Winter, im Büro oder nach langen Tagen in geschlossenen Räumen. Tageslicht könnte nun auch mit dem Demenzrisiko zusammenhängen.

Wie wichtig dieser Alltagsfaktor für das Gehirn sein könnte, zeigt eine große Studie im Fachjournal General Psychiatry. Dafür nutzten Forscher Daten von 87.577 Erwachsenen aus der UK Biobank. Zu Beginn hatte keiner von ihnen Demenz. Im Schnitt waren die Teilnehmer 62 Jahre alt, knapp 57 Prozent waren Frauen.

Sie trugen sieben Tage lang ein Messgerät am Handgelenk. Es zeichnete auf, wie viel Licht sie im Alltag abbekamen und wie viel sie sich bewegten. Danach prüften die Forscher, wer in den folgenden Jahren an Demenz erkrankte. Nach durchschnittlich 8,1 Jahren waren 741 Fälle dokumentiert. Die Lichtmenge beruhte also nicht auf Erinnerungen oder Schätzungen, sondern auf Sensordaten.

Demenz vorbeugen: Tageslicht fällt als möglicher Schutzfaktor auf

Der auffälligste Wert beginnt bei 1000 Lux. Das entspricht etwa der Helligkeit an einem bewölkten Tag im Freien. Wer im Tagesverlauf im Schnitt über diesem Wert lag, hatte ein um 16 Prozent niedrigeres Demenzrisiko als Menschen mit weniger Licht. Die Forscher rechneten dabei viele bekannte Einflussfaktoren heraus, darunter Alter, Geschlecht, Bildung, Bewegung, Ernährung, soziale Isolation, Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und Hörverlust.

Noch stärker fiel der Zusammenhang bei hellerem Licht aus. Mehr als 1,40 Stunden täglich bei mindestens 3000 Lux gingen mit einem um 18 Prozent niedrigeren Risiko einher. Mehr als 0,70 Stunden bei mindestens 5000 Lux hingen mit einem um 17 Prozent niedrigeren Risiko zusammen. 0,70 Stunden entsprechen rund 42 Minuten am Tag. Auch mehr als 0,45 Stunden bei mindestens 7000 Lux lagen bei minus 17 Prozent. „Tageslichtexposition könnte als neuer Indikator für das Demenzrisiko dienen“, sagt Studienautor Hongliang Feng von der Guangzhou Medical University.

Schon 42 Minuten helles Licht fallen stark ins Gewicht

Für den Alltag zählt vor allem der Unterschied zwischen drinnen und draußen. Viele Innenräume erreichen nur etwa 300 bis 500 Lux. Draußen liegt die Helligkeit oft deutlich höher, selbst bei Wolken. Die Werte der Studie passen daher zu einer einfachen Beobachtung: Wer fast den ganzen Tag in Innenräumen verbringt, bekommt meist viel weniger Licht ab, als der Körper bei natürlichem Tagesverlauf erwarten würde.

In einer Vergleichsanalyse schnitt weniger als 42 Minuten sehr helles Tageslicht pro Tag auffällig ab. Dieser Wert sagte das spätere Demenzrisiko stärker voraus als mehrere bekannte Risikofaktoren. Dazu zählten:

  • Alkohol
  • Übergewicht
  • Luftverschmutzung
  • Hörverlust
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Vitamin-D-Supplemente

Demenz vorbeugen heißt auch, den Tag heller zu machen

Dennoch ersetzt Tageslicht keine Bewegung, keine Behandlung von Bluthochdruck und keine medizinische Vorsorge. Die Untersuchung belegt auch nicht, dass Licht Demenz verhindert. Sie beschreibt einen Zusammenhang in einer großen Bevölkerungsgruppe. Dennoch wirkt der Befund relevant, weil er einen messbaren Alltagsfaktor betrifft, der oft unterschätzt wird.

Die Forscher sehen eine mögliche Erklärung im inneren Rhythmus des Körpers. Helles Licht am Tag stellt die innere Uhr. Dieser Rhythmus beeinflusst Schlaf, Aktivität, Hormone und viele Abläufe im Gehirn. In den Daten vermittelten Ruhe-Aktivitäts-Muster und bestimmte Hirnstrukturen einen Teil des Zusammenhangs. Der Vitamin-D-Spiegel erklärte den Effekt dagegen nicht überzeugend.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus könnte dem Gehirn helfen

Ein Hirnareal fiel in der Analyse stärker auf als andere: der Fusiform-Cortex. Er liegt im Schläfen- und Hinterhauptbereich und hilft bei der Verarbeitung visueller Eindrücke. Seine Fläche vermittelte 9,20 Prozent des Zusammenhangs zwischen Tageslicht über 1000 Lux und dem späteren Demenzrisiko. Weitere Hirnregionen lieferten Hinweise, doch viele dieser Befunde brauchen weitere Prüfung.

Auch einzelne Gruppen reagierten in den Daten stärker auf Tageslicht. Menschen mit höherer Lichtbelastung in der Nacht hatten eine Risikoreduktion durch mehr Tageslicht von 30 bis 38 Prozent. Bei Abendtypen betrug sie 31 bis 41 Prozent, bei Trägern der Genvariante APOE ε4 lag sie bei 19 bis 27 Prozent. Diese Variante kann das Risiko für Alzheimer und andere Demenzformen erhöhen.

Licht in der Nacht bleibt in den Daten unauffällig

Licht in der Nacht hing in dieser Auswertung nicht signifikant mit dem Demenzrisiko zusammen. Dieser Befund überrascht, weil Bildschirmlicht, LED-Lampen und schlechter Schlaf häufig gemeinsam diskutiert werden. Die Messmethode setzt dem Ergebnis aber Grenzen. Ein Sensor am Handgelenk erfasst nicht exakt, wie viel Licht tatsächlich ins Auge fällt. Licht vom Smartphone oder von einer Lampe neben dem Bett kann dadurch entgehen.

Dazu kommt ein zeitlicher Abstand. Die Lichtdaten stammen aus den Jahren 2014 bis 2018. Seitdem haben Smartphones, Tablets und LED-Licht den Abend vieler Menschen weiter verändert. Die Autoren halten daher neuere Messungen für nötig.

Die Forscher betonen mehrere Einschränkungen ihrer Studie. So umfasst die UK-Biobank viele Menschen, die gesünder und sozial besser gestellt sind als der Durchschnitt. Eine Woche Lichtmessung bildet zudem nicht jedes langfristige Verhalten ab.

Auch die Schwelle von 1000 Lux lässt sich nicht ohne Weiteres auf alle Bevölkerungsgruppen übertragen. Dennoch gibt die Arbeit einen klaren praktischen Anstoß: Der Unterschied zwischen hellem Tageslicht und gedämpftem Innenraumlicht könnte für die Gehirngesundheit eine wichtige Rolle spielen.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine große Studie mit 87.577 Erwachsenen verbindet mehr helles Tageslicht mit einem geringeren Demenzrisiko.
  • Besonders auffällig war der Wert von rund 42 Minuten sehr hellem Tageslicht pro Tag, der in der Analyse stärker ins Gewicht fiel als mehrere bekannte Risikofaktoren.
  • Die Ergebnisse beweisen nicht, dass Tageslicht Demenz verhindert, stärken aber den Hinweis: Der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus könnte für die Gehirngesundheit wichtiger sein als bisher angenommen.

Übrigens: Nicht nur Tageslicht könnte Hinweise auf das Demenzrisiko liefern, auch Veränderungen am Steuer können früh auffallen. Wenn ältere Menschen seltener fahren, Nachtfahrten meiden oder nur noch bekannte Strecken wählen, kann das ein Warnsignal sein. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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