Wer als Baby weniger Zucker bekam, hatte später 46 Prozent weniger Alzheimer-Risiko

Eine Analyse von 60.394 Briten verbindet weniger Zucker in den ersten 1000 Lebenstagen mit einem deutlich geringeren Alzheimer-Risiko.

Eine zuckerärmere Kindheit könnte noch Jahrzehnte später Spuren hinterlassen: In britischen Daten erkrankten Menschen aus der Zeit der Zuckerrationierung seltener an Alzheimer.

Weniger Zucker in den ersten 1000 Lebenstagen war in einer Analyse von mehr als 60.000 Briten mit einem deutlich geringeren Alzheimer-Risiko im späteren Leben verbunden. © Pexels

Großbritannien, Anfang der 1950er-Jahre: Selbst Jahre nach Kriegsende blieb Zucker rationiert. Für Kinder unter zwei Jahren gab es keine eigene Ration, Süßigkeiten waren entsprechend knapp. Im September 1953 fiel die Beschränkung – und der Zuckerkonsum schoss nach oben. Mehr als 70 Jahre später liefert dieser historische Einschnitt einen erstaunlichen Vergleich: Wer seine ersten 1000 Lebenstage unter der Zuckerrationierung verbrachte, hatte später ein um 46 Prozent niedrigeres Alzheimer-Risiko.

Wissenschaftler werteten dafür Daten von 60.394 Menschen aus der UK Biobank aus. Alle Teilnehmer waren zwischen 1951 und 1956 geboren worden. Wie das Team im Fachjournal npj Aging berichtet, lag auch das Risiko für Demenz insgesamt bei der früh rationierten Gruppe um 27 Prozent niedriger.

Weniger Zucker hängt mit geringerem Alzheimer-Risiko zusammen

Wie deutlich sich die Ernährungsbedingungen damals änderten, zeigen die Verbrauchszahlen. Erwachsene nahmen während der Rationierung im Schnitt rund 41 Gramm Zucker pro Tag zu sich – eine Menge, die ungefähr heutigen Empfehlungen entspricht.

Nach dem Ende der Beschränkung stieg der Wert auf etwa 80 Gramm täglich. Bei Kindern nahm der Süßigkeitenkonsum auf mehr als das Doppelte zu. So entstanden nahezu gleich alte Jahrgänge, deren frühe Ernährung sich deutlich unterschied.

Das Ende der Rationierung schafft einen seltenen Vergleich

Die Wissenschaftler teilten die Teilnehmer danach ein, wann sie der Zuckerrationierung ausgesetzt waren. Eine Gruppe erlebte sie ausschließlich im Mutterleib. Bei einer zweiten Gruppe galt die Beschränkung während der Schwangerschaft und bis zu zwei Jahre nach der Geburt. Eine weitere Gruppe wuchs ohne diese Einschränkung auf.

Besonders deutlich fielen die Unterschiede bei Menschen aus, deren Zuckeraufnahme auch nach der Geburt begrenzt blieb. Eine Beschränkung ausschließlich während der Schwangerschaft war dagegen nur mit wenigen klaren Unterschieden verbunden. Beim Alzheimer-Risiko trat dort kein vergleichbar deutlicher Zusammenhang auf.

Die ersten 1000 Tage könnten besonders wichtig sein

Die ersten 1000 Tage reichen von der Empfängnis bis ungefähr zum zweiten Geburtstag. Studienautor Bing Zhang bezeichnet diesen Zeitraum als „ein kritisches Fenster, in dem sich das Gehirn rasant entwickelt und besonders empfindlich auf Ernährungssignale reagiert“.

Auch andere Erkrankungen traten bei den früh zuckerärmer aufgewachsenen Teilnehmern seltener auf. Ihr Risiko für Depressionen lag um elf Prozent niedriger. Bei Angststörungen betrug der Unterschied 20 Prozent. Für Parkinson fanden die Wissenschaftler dagegen keinen entsprechenden Zusammenhang. Bei Depressionen und Angststörungen nahm der Zusammenhang zu, wenn die Zuckerbeschränkung nach der Geburt länger als sechs Monate anhielt.

Auch im Gehirn finden sich Unterschiede

Ein Teil der Teilnehmer hatte außerdem MRT-Aufnahmen des Gehirns. Darin fanden die Wissenschaftler weitere Unterschiede zwischen den Gruppen. Bei Menschen, die nach der Geburt noch unter Zuckerrationierung lebten, lag das errechnete Gehirnalter im Durchschnitt 0,39 Jahre unter dem biologischen Alter.

Zugleich waren mehrere tiefer liegende Hirnregionen größer. Dazu gehörten der Hippocampus und der Thalamus. Der Hippocampus ist unter anderem für die Bildung und den Abruf von Erinnerungen wichtig. Gerade bei Alzheimer gehört er zu den Hirnregionen, die früh von Veränderungen betroffen sein können.

Alzheimer und Zucker lassen sich nicht auf Ursache und Wirkung reduzieren

Aus den Zahlen folgt allerdings nicht, dass weniger Zucker im Babyalter Alzheimer verhindert. Die Teilnehmer wurden nicht zufällig verschiedenen Ernährungsformen zugeteilt. Stattdessen nutzten die Wissenschaftler das historische Ende der britischen Rationierung als natürliches Experiment.

Auch die tatsächlich verzehrte Zuckermenge einzelner Mütter und Kinder ist unbekannt. Zudem veränderte sich Großbritannien nach dem Krieg auch in vielen anderen Bereichen. Die Berechnungen berücksichtigten unter anderem Geburtsort, soziale und wirtschaftliche Faktoren sowie genetische Unterschiede. Trotzdem lassen sich andere Einflüsse nicht vollständig ausschließen.

Nur 123 Teilnehmer erkrankten an Alzheimer

Auch die absoluten Fallzahlen begrenzen die Aussagekraft. Von den mehr als 60.000 untersuchten Menschen entwickelten während der Nachbeobachtung 307 eine Demenz. Darunter waren 123 Alzheimer-Fälle. Die Angabe von 46 Prozent beschreibt deshalb einen relativen Risikounterschied zwischen den untersuchten Gruppen und keine Wahrscheinlichkeit, mit der ein einzelner Mensch an Alzheimer erkrankt.

Hinzu kommt die Zusammensetzung der UK Biobank. Ihre Teilnehmer sind überwiegend weiß und im Durchschnitt gesünder als die britische Gesamtbevölkerung. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf alle Bevölkerungsgruppen übertragen.

Weniger Zucker nach der Geburt hing am stärksten mit dem Effekt zusammen

Für Bing Zhang könnte ein möglicher Zusammenhang über den Stoffwechsel verlaufen. „Eine hohe Zuckeraufnahme in jungen Jahren begünstigt Insulinresistenz und chronische niedriggradige Entzündungen“, erklärt der Mediziner. Beide Faktoren gelten als mögliche Risikofaktoren für Demenzerkrankungen. Direkt untersucht wurden diese Mechanismen in der Arbeit allerdings nicht.

Auffällig bleibt vor allem der Zeitpunkt. Eine geringere Zuckerbelastung allein im Mutterleib war mit vergleichsweise wenigen Unterschieden verbunden. Erst wenn die Rationierung nach der Geburt weiterbestand, traten die stärkeren Zusammenhänge mit Alzheimer, Demenz und der Hirnstruktur auf.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen mit Zuckerbeschränkung in den ersten 1000 Lebenstagen hatten später ein um 46 Prozent niedrigeres Alzheimer-Risiko.
  • Besonders deutlich war der Zusammenhang, wenn die Zuckerbeschränkung auch nach der Geburt weiterbestand.
  • Die Studie beschreibt einen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass weniger Zucker im Babyalter Alzheimer verhindert.

Übrigens: In München erkennt ein neuer PET-Scanner typische Alzheimer-Ablagerungen im Gehirn – ganz ohne enge Röhre. Warum das auch für neue Therapien wichtig ist, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild © Pexels

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