Niedriger Blutdruck fällt bei Alzheimer stärker auf als Bluthochdruck
Fast 800.000 Erwachsene wurden ausgewertet. Niedriger Blutdruck fiel bei Alzheimer stärker auf als Bluthochdruck.
Niedriger Blutdruck macht sich oft erst bemerkbar, wenn dem Gehirn kurzzeitig Blut, Sauerstoff und Nährstoffe fehlen – eine große Analyse bringt diesen Kreislauf nun mit Alzheimer-Diagnosen in Verbindung. © Unsplash
Beim Aufstehen wird es kurz schwarz vor Augen. Die Beine fühlen sich weich an, der Kopf leer, manchmal rauscht es in den Ohren. Viele kennen solche Momente und tun sie als Kreislaufschwäche ab. Dahinter kann niedriger Blutdruck stecken – und genau dieser Wert fällt in einer großen Alzheimer-Analyse besonders auf.
Die American Heart Association (AHA) berichtet über eine Untersuchung im Journal of the American Heart Association. Ausgewertet wurden Daten von fast 800.000 Erwachsenen aus zwei großen Gesundheitsdatenbanken: der britischen UK Biobank und dem US-Programm All of Us. Mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Risikofaktoren standen dort mit Alzheimer-Diagnosen in Verbindung. Am deutlichsten war der Zusammenhang bei Hypotonie, also niedrigem Blutdruck.
Niedriger Blutdruck fällt besonders deutlich auf
In der UK Biobank hatten Erwachsene mit niedrigem Blutdruck etwa dreimal so häufig eine Alzheimer-Diagnose wie Menschen ohne Hypotonie. Im US-Datensatz All of Us lag der Wert bei fast dem Doppelten. Bluthochdruck zeigte ebenfalls einen Zusammenhang, fiel aber schwächer aus. In beiden Datensätzen hatten Erwachsene mit Hypertonie etwa 1,6-mal so häufig Alzheimer wie Personen ohne Bluthochdruck.
Auch frühere Schlaganfälle und Herzrhythmusstörungen tauchten in der Analyse auffällig auf. Menschen mit Schlaganfall-Vorgeschichte hatten in der UK Biobank ein etwa 1,5-fach höheres Alzheimer-Vorkommen, im All-of-Us-Datensatz lag der Wert bei 1,85. Bei unregelmäßigem Herzschlag zeigte sich in der UK Biobank ein Zusammenhang von etwa 1,5. Herzinfarkte bildeten eine Ausnahme: Sie waren in beiden Datensätzen nicht signifikant mit Alzheimer verbunden.
Biologisch passt der Zusammenhang zur Versorgung des Gehirns. Es braucht ununterbrochen Blut, Sauerstoff und Nährstoffe. Reicht die Durchblutung dauerhaft nicht aus, kann im Gehirn ein Umfeld entstehen, in dem Alzheimer-typische Eiweiße wie Amyloid-Beta und Tau leichter verändern, ablagern oder Schaden anrichten. Niedriger Blutdruck rückt damit als möglicher Faktor für die Alzheimer-Forschung stärker in den Blick.
Warum Experten jetzt genauer auf Hypotonie schauen
Aili Toyli von der Michigan Technological University, Erstautorin der Untersuchung, sagt laut American Heart Association: „Indem wir verschiedene Arten von Herzerkrankungen einzeln untersucht haben, konnten wir erkennen, welche Erwachsenen mit Herzerkrankungen möglicherweise das höchste Risiko für kognitiven Abbau haben.“ Eine gute Herz-Kreislauf-Gesundheit könne deshalb helfen, Alzheimer möglicherweise vorzubeugen.
Toyli sieht vor allem bei niedrigem Blutdruck Nachholbedarf. Bluthochdruck werde seit Jahren intensiv untersucht, Hypotonie dagegen deutlich seltener. „Verglichen mit Bluthochdruck erhält niedriger Blutdruck insgesamt viel weniger Beachtung, was wahrscheinlich zu weniger Daten und weniger Forschungsfokus führt“, sagt Toyli. Weitere Forschung soll nun klären, welche biologischen Wege Herz, Kreislauf und Alzheimer verbinden.
Auch Elisabeth Marsh ordnet die Ergebnisse ein. Sie leitet die wissenschaftliche Stellungnahme „Brain Health Across the Lifespan“ der American Heart Association für 2026 und war nicht an der Untersuchung beteiligt. „Wir wissen seit Langem, dass Bluthochdruck langfristig schädliche Folgen für das Gehirn haben kann“, sagt Marsh.
Die Neurologin ergänzt: „Diese Studie zeigt uns, dass Blutdruck auch dann zum Problem werden kann, wenn er über längere Zeit zu niedrig ist.“ Das Gehirn brauche Blut, um Sauerstoff und Nährstoffe zu erhalten. Es sei daher nicht überraschend, dass niedriger Blutdruck zu Fehlfunktionen im Gehirn führen könne, wenn es nicht bekomme, was es brauche.
Was die Daten leisten – und was nicht
Die Daten zeigen Zusammenhänge in großen Gruppen. Sie liefern keine Diagnose, keine Vorhersage für einzelne Menschen und keinen Beweis, dass niedriger Blutdruck Alzheimer auslöst. Die Forscher erfassten Diagnosen aus Gesundheitsdaten zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Offen bleibt, was zuerst da war: eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, ein Risikofaktor oder Alzheimer. Elektronische Gesundheitsakten können zudem Lücken enthalten. Manche Erkrankungen bleiben unerkannt oder werden über Abrechnungscodes nicht genau genug erfasst.
Bluthochdruck wirkt in Gruppen unterschiedlich
Bei Schwarzen und Menschen mit hispanischer oder lateinamerikanischer Herkunft traten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder entsprechende Risikofaktoren häufiger gemeinsam mit Alzheimer auf als bei weißen Erwachsenen. Besonders stark war dieser Unterschied bei Bluthochdruck. Als mögliche Gründe nennt die American Heart Association Unterschiede bei Blutdruckkontrolle, Behandlung und Zugang zur medizinischen Versorgung. Eine biologische Ursache lässt sich daraus nicht ableiten.
Die UK Biobank umfasst mehr als 502.000 Erwachsene, überwiegend europäischer Abstammung. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 57 Jahren. Rund 94 Prozent bezeichneten sich selbst als weiß. Aus dem US-Programm All of Us kamen mehr als 287.000 Erwachsene hinzu. Dort lag das Durchschnittsalter bei etwa 58 Jahren. Etwa 53 Prozent bezeichneten sich als weiß, rund 20 Prozent als schwarz und fast 17 Prozent als hispanisch oder lateinamerikanisch.
Forscher finden gemeinsame Spuren in Herz und Gehirn
Untersucht wurden zehn Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Risikofaktoren: Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, Brustschmerzen, Herzinfarkt, Lungenembolie, unregelmäßiger Herzschlag, Herzinsuffizienz, chronisch rheumatische Herzerkrankung, chronisch ischämische Herzerkrankung und Schlaganfall. Alter, Rauchen, körperliche Aktivität und Typ-2-Diabetes flossen ebenfalls in die Auswertung ein.
Die Wissenschaftler fanden außerdem Hinweise auf gemeinsame biologische Wurzeln. Bestimmte Stellen im Erbgut standen sowohl mit Herz-Kreislauf-Merkmalen als auch mit Alzheimer in Verbindung. Die American Heart Association betont aber, dass weitere Forschung nötig bleibt.
Kurz zusammengefasst:
- Niedriger Blutdruck fiel in einer Analyse von fast 800.000 Erwachsenen stärker mit Alzheimer-Diagnosen zusammen als Bluthochdruck.
- Die Daten beweisen nicht, dass niedriger Blutdruck Alzheimer verursacht; sie zeigen einen statistischen Zusammenhang in zwei großen Gesundheitsdatenbanken.
- Medizinisch zählt nicht nur der Messwert: Niedriger Blutdruck wird vor allem relevant, wenn Schwindel, Schwäche, Ohnmacht oder Stürze dazukommen.
Übrigens: Während niedriger Blutdruck die Versorgung des Gehirns belasten kann, finden Forscher in alternden Nervenzellen eine weitere frühe Alzheimer-Spur: oxidativer Stress bremst dort den inneren Reinigungsdienst aus. Warum sich diese molekulare Blockade im Tiermodell wieder lösen ließ, mehr dazu in unserem Artikel.
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