Karies bei Kindern: Warum plötzlich ein Pinsel den Bohrer ersetzen kann

Eine Flüssigkeit statt Bohrer und Spritze: In einer Phase-III-Studie stoppte sie Karies bei mehr als jeder zweiten behandelten Stelle.

Eine Flüssigkeit kann Karies bei kleinen Kindern ohne Bohren stoppen. In einer großen Studie wirkte sie bei mehr als jeder zweiten Kariesstelle.

Die neue Behandlung gegen Karies bei Kindern kommt ohne Bohren und Spritze aus. © Magnific

Ein kleines Loch im Milchzahn – und das Kind hat Angst vor Bohrer und Spritze, die Eltern vor Tränen und Schmerzen. Schreitet die Karies fort, drohen zudem Infektionen – und bei sehr kleinen Kindern kann eine Behandlung am Ende sogar unter Sedierung oder Vollnarkose nötig werden.

Dabei könnte es bei bestimmten Kariesstellen viel einfacher gehen: Eine Flüssigkeit wird nur wenige Sekunden auf den Zahn gepinselt. In einer großen Studie stoppte sie den Zahnverfall bei mehr als jeder zweiten behandelten Stelle – ohne Bohren und ohne Spritze.

Zehn Sekunden Behandlung stoppen mehr als jede zweite Kariesstelle

Bei der Flüssigkeit handelt es sich um 38-prozentiges Silberdiaminfluorid, kurz SDF. Ein Team unter Leitung der University of Michigan hat 830 Kinder im Alter von zwölf bis 71 Monaten untersucht. Alle hatten schwere frühkindliche Karies und mindestens eine offene Stelle, die bis ins Dentin reichte. 414 Kinder erhielten SDF, 416 ein Placebo. Insgesamt flossen 1.987 kariöse Stellen in die Auswertung ein. Die Kinder waren stark betroffen: Im Durchschnitt waren etwa elf ihrer 20 Milchzähne kariös, bereits gefüllt oder fehlten.

Die Behandlung selbst ist denkbar einfach. Die Stelle wird gereinigt und getrocknet. Danach streicht der Zahnarzt SDF etwa zehn Sekunden lang auf die Karies. Nach sechs Monaten waren 54,0 Prozent dieser Stellen inaktiv. In der Placebogruppe waren es 22,5 Prozent. Bereits nach drei Monaten lagen die Werte bei 57,5 und 18,8 Prozent. Nach acht Monaten waren 50,2 Prozent der SDF-Stellen gestoppt, unter Placebo 17,4 Prozent.

Schon eine Anwendung wirkt über Monate

Für den wichtigsten Messpunkt nach sechs Monaten hatte eine einzige Anwendung ausgereicht. Erst bei diesem Termin erhielten die Kinder SDF erneut. Zwei Monate später lag die Quote gestoppter Stellen bei 50,2 Prozent. Einen zusätzlichen Anstieg nach der zweiten Behandlung konnten die Forscher innerhalb dieses Zeitraums nicht feststellen.

Silberdiaminfluorid lässt ein bereits entstandenes Loch allerdings nicht verschwinden. Die Substanz härtet kariöses Gewebe, fördert dessen Remineralisierung und hemmt Mikroorganismen. So kann der aktive Zahnverfall zum Stillstand kommen. Bei einer klassischen Füllung entfernt der Zahnarzt dagegen erkrankte Zahnsubstanz und verschließt anschließend das Loch.

Ohne Bohren gegen Karies: Die dunkle Verfärbung bleibt sichtbar

Die Methode hat einen auffälligen Nachteil: SDF färbt kariöses Zahngewebe dauerhaft dunkel bis schwarz. An sichtbaren Frontzähnen kann das kosmetisch stören.

Zu den dokumentierten Beschwerden und Auffälligkeiten gehörten unter anderem Zahnschmerzen, Abszesse, Fieber, Erbrechen, Husten, Ohr- und Atemwegsinfektionen, Magen-Darm-Beschwerden, allergische Reaktionen sowie Verfärbungen im und außerhalb des Mundes. Viele dieser Befunde standen nicht zwingend mit der Behandlung in Zusammenhang.

Am häufigsten traten Zahnschmerzen auf: bei 15,0 Prozent der Kinder in der SDF-Gruppe und 12,3 Prozent unter Placebo. Abszesse wurden bei 8,5 beziehungsweise 8,2 Prozent dokumentiert. Auffällig waren vor allem Verfärbungen außerhalb des Mundes: Sie traten bei 2,4 Prozent der mit SDF behandelten Kinder auf, in der Placebogruppe dagegen bei keinem Kind.

Studienleiterin Margherita Fontana von der University of Michigan bezeichnet die Methode dennoch als „eine sehr wirksame und sichere Behandlung – selbst bei Kindern im Alter von nur einem Jahr“.

Bei Schmerzen und Infektionen reicht die Flüssigkeit nicht

Die Ergebnisse gelten allerdings nicht für jede Form von Karies. Kinder mit kariesbedingten Zahnschmerzen, freiliegendem Zahnnerv oder Anzeichen einer Infektion waren ausgeschlossen. Dazu gehörten etwa Abszesse oder Schwellungen. SDF eignet sich daher für bestimmte offene Kariesstellen, bevor solche Komplikationen auftreten. Eine zahnärztliche Untersuchung bleibt nötig.

Auch zur Langzeitwirkung liefert die Untersuchung noch keine Antwort. Die Kinder wurden acht Monate begleitet. 584 der ursprünglich 830 Teilnehmer absolvierten die gesamte Nachbeobachtung. Ein Teil der Ausfälle hing mit der Corona-Pandemie zusammen. Ob eine einzelne Anwendung den Zahnverfall über Jahre zuverlässig stoppt, lässt sich daraus nicht ableiten.

Große Studie könnte SDF aus der Nische holen

Silberdiaminfluorid ist keine neue Erfindung. In verschiedenen Ländern kommt die Substanz seit Jahrzehnten gegen Karies zum Einsatz. In den USA ist SDF seit 2014 zur Behandlung empfindlicher Zähne zugelassen. Gegen Karies wird es dort bislang außerhalb dieser offiziellen Zulassung eingesetzt.

Die Untersuchung liefert nun Phase-III-Daten für einen möglichen Zulassungsantrag zur Kariesarretierung. Finanziert wurde die Forschung vom National Institute of Dental and Craniofacial Research der US-Gesundheitsbehörde NIH. Das verwendete SDF-Produkt stellte der Hersteller Elevate Oral Care bereit. Fontana resümiert: „Wenn wir wollen, dass mehr Kinder und Familien von dieser Behandlung profitieren, brauchen wir belastbare Belege dafür, dass sie sowohl wirksam als auch sicher ist.“

Kurz zusammengefasst:

  • Silberdiaminfluorid kann Karies bei kleinen Kindern ohne Bohren stoppen: Nach sechs Monaten waren 54 Prozent der behandelten Kariesstellen inaktiv, unter Placebo 22,5 Prozent.
  • Die Anwendung dauert nur wenige Sekunden pro Zahn: Die Flüssigkeit wird direkt auf die kariöse Stelle gestrichen und kann so aufwendigere Behandlungen bei geeigneten Fällen vermeiden.
  • Die Methode eignet sich nicht für jede Karies: Bei Schmerzen, freiliegendem Zahnnerv oder Infektionen reicht SDF nicht aus; zudem verfärbt sich das behandelte kariöse Gewebe dauerhaft dunkel.

Übrigens: Selbst beruhigend gemeinte Worte beim Arzt können Folgen haben: Wird ein Symptom als „normal“ bezeichnet, verfolgen Patienten eine Behandlung teils seltener weiter. Eine Studie mit 9.371 Teilnehmern beschreibt diesen Effekt als „Normalitätsparadox“. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Magnific

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