Je weiter Menschen vom Krankenhaus entfernt leben, desto seltener werden Krankheitsausbrüche erfasst
Bei Infektionskrankheiten zählt die Entfernung zum Krankenhaus: Pro zusätzlicher Fahrstunde wurden 32 Prozent weniger Ausbrüche erfasst.
Je weiter der Weg zur nächsten Klinik, desto größer das Risiko, dass ein Krankheitsausbruch unentdeckt bleibt. © Pexels
Je weiter Menschen von einem Krankenhaus entfernt leben, desto seltener scheint dort eine Infektionskrankheit auszubrechen. Eine zusätzliche Stunde Fahrzeit macht dabei einen erstaunlichen Unterschied: Im Schnitt wurden 32 Prozent weniger Ausbrüche registriert. Das klingt zunächst fast so, als würde Entfernung vor Krankheiten schützen.
Natürlich tut sie das nicht. Viel wahrscheinlicher ist etwas anderes: Wo Ärzte, Labore und Diagnostik weit weg sind, bleiben Krankheiten häufiger unentdeckt. Die vermeintlich geringere Gefahr entsteht dann nicht durch weniger Infektionen, sondern durch weniger Sichtbarkeit.
Für diese Analyse hat ein internationales Forschungsteam 58.319 dokumentierte Ausbruchsereignisse von 32 Infektionskrankheiten in 169 Ländern zusammengetragen. Beteiligt waren unter anderem Wissenschaftler der University of Florida (UF). Veröffentlicht wurde die Arbeit in Nature. Die ausgewerteten Daten reichen von 1910 bis 2022, der größte Teil stammt jedoch aus der jüngeren Vergangenheit.
Warum bei Infektionskrankheiten die Entfernung zum Krankenhaus zählt
Für ihre Auswertung bezogen die Wissenschaftler 16 mögliche Einflussfaktoren ein. Sie prüften unter anderem:
- Waldflächen, zerschnittene Landschaften und Viehdichte
- Landwirtschaft, Entwaldung und andere Veränderungen der Landnutzung
- langfristige Veränderungen von Temperatur und Niederschlag
- Urbanisierung und die Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen
Dabei fiel ein Muster besonders auf: Dokumentierte Ausbrüche konzentrierten sich auffällig häufig auf Städte und Gebiete nahe medizinischer Versorgung. Das gilt sogar für Krankheiten, die typischerweise in ländlichen Regionen auftreten. Die Nähe zu Kliniken, Laboren und Diagnostik beeinflusst offenbar stark, welche Infektionen überhaupt in den offiziellen Daten landen.
Abgelegene Regionen bleiben leichter unsichtbar
In vielen Regionen, in denen die untersuchten Krankheiten vorkommen können, ist der Weg zur medizinischen Versorgung erheblich weiter als an bekannten Ausbruchsorten. Bei den Vergleichsgebieten lagen im Mittel 23 Prozent mehr als zwei Stunden von der nächsten Gesundheitseinrichtung entfernt. Je nach Krankheit schwankte dieser Anteil zwischen zwei und 38 Prozent.
Selbst diese Angaben dürften die tatsächliche Entfernung oft unterschätzen. Berechnet wurde die motorisierte Fahrzeit. Schlechte Straßen, fehlende Fahrzeuge oder hohe Fahrtkosten können aus zwei Stunden schnell deutlich mehr machen. In manchen Teilen der Welt dauert der Weg zu einer medizinischen Einrichtung sogar länger als einen Tag.
Fehlende Diagnostik lässt seltene Infektionen verschwinden
Entfernung allein ist dabei nur ein Teil des Problems. Kleine Kliniken in abgelegenen Regionen verfügen häufig nicht über Labore, die seltene Erreger sicher bestimmen können. Ein ungewöhnlicher Krankheitsfall wird dann womöglich als bekannte Infektion behandelt oder überhaupt nicht diagnostiziert.
Gerade bei gefährlichen, aber selten auftretenden Erregern entstehen so große Lücken. Für einige von Fledermäusen übertragene Viren gibt es besonders wenige belastbare Ausbruchsdaten. Frühere Untersuchungen kamen sogar zu dem Ergebnis, dass möglicherweise bis zur Hälfte aller Ebola-Ausbrüche nie erkannt wurde.
Wälder und zerschnittene Landschaften erhöhen teils das Risiko
Medizinische Versorgung erklärt allerdings nicht die gesamte Verteilung der Ausbrüche. Häufiger traten sie auch dort auf, wo Menschen und Nutztiere unmittelbar neben Wäldern und stark zerschnittenen natürlichen Lebensräumen leben. Solche Übergangszonen bringen Wildtiere, Nutztiere und Menschen häufiger miteinander in Kontakt.
Besonders ausgeprägt waren diese Zusammenhänge bei Krankheiten, die Mücken, Zecken oder andere Gliederfüßer übertragen. Dazu zählen etwa Dengue und Lyme-Borreliose. Bei mehreren vektor- und wasserübertragenen Krankheiten spielte außerdem eine langfristige Abnahme der Niederschläge eine Rolle.
Entwaldung erklärt Ausbrüche nicht pauschal
Abholzung gilt oft als möglicher Treiber neuer Infektionskrankheiten, weil dabei Lebensräume verändert werden und so Kontaktzonen entstehen. In der großen Vergleichsanalyse zeigte sich dieser Zusammenhang aber nur bei einem Teil der Erreger. Von 29 untersuchten Krankheiten reagierten lediglich sechs deutlich auf Waldverlust. Bei zwei nahm das Ausbruchsrisiko zu, bei vier ging es zurück.
Auch höhere Temperaturen wirkten nicht überall gleich. Nur bei fünf von 28 Krankheiten fanden die Wissenschaftler einen klaren Zusammenhang mit langfristiger Erwärmung. Bei drei stieg das Risiko, bei zwei sank es. Entscheidend ist also, um welchen Erreger es geht, welche Tiere ihn übertragen und unter welchen Bedingungen Menschen mit ihm in Kontakt kommen.
Mücken und Zecken reagieren besonders auf Umweltveränderungen
Bei Krankheiten, die über Mücken oder Zecken zum Menschen gelangen, ähnelten sich die Muster deutlich stärker. Fragmentierte Landschaften, Waldnähe und langfristige Veränderungen des Niederschlags tauchten bei mehreren dieser Erkrankungen gemeinsam auf.
Ganz anders sah es bei direkt übertragenen Zoonosen wie Ebola, MERS oder Mpox aus. Hier fanden die Wissenschaftler nur wenige gemeinsame Umweltfaktoren. Die Wege vom Tier zum Menschen unterscheiden sich stark: mal über Jagd, mal über Viehhaltung, Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Wildtieren.
Kliniken entscheiden mit, welche Ausbrüche überhaupt sichtbar werden
„Ausbrüche durch Erregerübertritte haben mehrere Ursachen und werden vom sozioökologischen System geprägt“, sagt Mitautorin Sadie Ryan von der University of Florida. Deshalb seien integrierte One-Health-Ansätze für Überwachung und Gegenmaßnahmen nötig. „Es gibt keine einzelne Interventionsstrategie.“
Für abgelegene Regionen ergibt sich daraus ein sehr konkretes Problem. Ohne erreichbare Kliniken, gute Diagnostik und funktionierende Meldesysteme können Infektionen lange unter dem Radar bleiben. Je später ein ungewöhnlicher Erreger erkannt wird, desto mehr Zeit hat er, sich auszubreiten. Bessere medizinische Versorgung schützt deshalb nicht nur einzelne Patienten – sie erhöht auch die Chance, einen Ausbruch zu entdecken, bevor daraus eine größere Epidemie wird.
Kurz zusammengefasst:
- Je weiter Menschen von medizinischer Versorgung entfernt leben, desto seltener werden Krankheitsausbrüche erfasst; pro zusätzlicher Stunde Fahrzeit sank die registrierte Zahl im typischen Fall um 32 Prozent.
- Ein Grund dürfte sein, dass abgelegene Regionen schlechter überwacht sind und seltene Infektionen ohne erreichbare Kliniken, Labore und Diagnostik häufiger unentdeckt bleiben.
- Umweltfaktoren wie Waldverlust, Erwärmung oder Landschaftsveränderungen beeinflussen das Ausbruchsrisiko ebenfalls, allerdings je nach Krankheit sehr unterschiedlich – eine einfache Ursache für alle Infektionskrankheiten gibt es nicht.
Übrigens: Abholzung kann das Risiko bestimmter Infektionskrankheiten erhöhen, weil Menschen und Wildtiere häufiger aufeinandertreffen. In Panama zeigt sich das bei der Chagas-Krankheit besonders deutlich – mehr dazu in unserem Artikel.
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