Placebo-Effekt kann tatsächlich Schmerzen lindern – das Gehirn nutzt dafür mehrere Wege
Der Placebo-Effekt kann Schmerzen messbar lindern. Zuvor erlebte Entlastung verändert das Gehirn stärker als beruhigende Worte allein.
Ein gutes Gespräch kann vielleicht kein Wunder, aber tatsächlich schmerzlindernd wirken: Die Studie der Uni Duisburg-Essen bestätigt den Placebo-Effekt von verbaler Ankündigung in Verbindung mit schmerzentlastender Erfahrung. © Unsplash
Eine Tablette enthält keinen Wirkstoff, dennoch lässt der Schmerz nach. Der Placebo-Effekt ist ein erstaunliches Phänomen: Offenbar können Erwartungen und Erfahrungen Schmerzen messbar verändern. Dahinter steckt aber kein einzelner Schalter im Gehirn. Beruhigende Worte und eine zuvor erlebte Linderung nutzen verschiedene neuronale Wege. Besonders stark fällt der Placebo-Effekt aus, wenn beides zusammenkommt.
Das internationale Placebo Imaging Consortium unter Leitung der Universitätsmedizin Essen veröffentlichte die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung im Fachjournal Nature Communications. Die Teilnehmer einer Testreihe mit 409 gesunden Erwachsenen erwarteten weniger Schmerzen durch vorherige mündliche Ankündigung und erfuhren diese Entlastung auch spürbar. Zudem wurden im MRT die Gehirne der Testpersonen während des Versuchs bildgebend ausgewertet. Der Placebo-Effekt ist damit keine bloße Einbildung, er verändert die Verarbeitung realer Schmerzreize.
Wie der Placebo-Effekt entsteht
Placebo-Effekte entstehen durch die bloße Erwartung, dass eine Behandlung den Schmerz verringert. Diese Erwartung lässt sich allein durch eine entsprechende Aussage wecken. Sie kann aber zusätzlich durch eine konkrete Erfahrung verstärkt werden. Dabei erleben die Testpersonen während einer sogenannten Lernphase tatsächlich weniger Schmerz und verbinden diese Entlastung dann später mit der vermeintlichen, also einer Placebo-Behandlung.
Während fünf Untersuchungen bekamen 147 Personen im Versuch der Universität Duisburg-Essen ausschließlich verbale Hinweise. In elf Untersuchungen mit 268 Personen kam noch eine schmerzreduzierende Konditionierung hinzu. Dafür senkten die Versuchsleiter vorübergehend den Schmerzreiz, während die Teilnehmer eine vermeintliche Behandlung erhielten.
In der Kontrolluntersuchung blieb der Schmerzreiz gleich stark. Jede Person durchlief eine Placebo- und eine Kontrollbedingung. MRT-Aufnahmen zeichneten parallel die Reaktionen im Gehirn auf. Die Prüfung möglicher Verzerrungen ergab ein insgesamt geringes Risiko, konnte solche Einflüsse aber nicht vollständig ausschließen.
Gehirn dämpft Schmerzen über mehrere Wege
Beide Methoden veränderten die Aktivität in ähnlichen Hirnregionen. Bestimmte Bereiche im Stirn- und Scheitellappen reagierten stärker. Sie unterstützen Aufmerksamkeit, Erwartungen und die körpereigene Kontrolle von Schmerzsignalen. Zugleich nahm die Aktivität in der Inselrinde, im Putamen und in Teilen der sensorischen Hirnrinde ab. Diese Gebiete verarbeiten körperliche Reize und deren unangenehme Qualität. Je stärker ihre Aktivität sank, desto größer fiel meist die berichtete Schmerzlinderung aus.
Jede vorherige Erfahrung hinterließ jeweils ein eigenes Muster im Gehirn der Teilnehmer. Sie band zusätzliche Bereiche des Stirnhirns ein und bremste die Verarbeitung des Schmerzreizes deutlicher. Auch der ventromediale präfrontale Cortex und der Schweifkern waren stärker beteiligt. Diese Regionen verknüpfen Erfahrungen mit Erwartungen und bewerten mögliche Ergebnisse.
Zudem passte eine bekannte neurologische Schmerzsignatur bei der kombinierten Methode gut zu den Angaben der Teilnehmer. „Unterschiedliche Methoden zur Erzeugung von Placebo-Effekten hinterlassen jeweils charakteristische Spuren im Gehirn“, resümiert Erstautor und Wissenschaftler an der Universitätsmedizin Essen, Prof. Tamas Spisak.
Bereits erlebte Linderung verstärkt den Placebo-Effekt
Der Unterschied erschien auch in den Schmerzangaben. Verbale Hinweise senkten die Bewertung im Mittel um 9,2 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100. Mit zusätzlicher Konditionierung waren es 12,2 Punkte. Die Linderung fiel damit rund ein Drittel stärker aus. Auch die standardisierte Effektstärke war nahezu doppelt so hoch. Diese beschreibt, wie stark sich zwei Gruppen oder Bedingungen unterscheiden – unabhängig davon, welche Skala verwendet wurde. Nach der statistischen Korrektur für Alter, Geschlecht, Ausgangsschmerz und Unterschiede zwischen den Untersuchungen schrumpfte der Abstand allerdings auf 1,34 Punkte. Die absoluten Werte schwankten zudem merklich zwischen den einzelnen Datensätzen.
Eine mögliche Erklärung liegt in der Verlässlichkeit der Erwartung. Ein Satz wie „Diese Creme lindert den Schmerz“ bleibt abstrakt. Eine unmittelbar erlebte Entlastung liefert dem Gehirn dagegen eine konkrete Vorlage. Spätere Reize werden stärker an dieser Erfahrung gemessen. Mehrere übereinstimmende Hinweise erhöhen offenbar die Sicherheit dieser inneren Vorhersage. Die Reaktionen fielen bei der kombinierten Methode außerdem weniger unterschiedlich aus. Eine rein verbale Ankündigung ließ mehr Raum für persönliche Erfahrungen, Zweifel und eigene Vorstellungen.
Placebo-Effekte ergänzen Therapien, ersetzen sie aber nicht
Für Schmerzpatienten lassen sich aus den Ergebnissen der Placebo-Studie noch keine direkten Behandlungsempfehlungen ableiten. Die Daten stammen von gesunden Erwachsenen unter kontrollierten Laborbedingungen. Die Versuche prüften künstlich ausgelöste Schmerzen, keine chronischen Beschwerden oder akute Schmerzen nach einer Operation.
Zudem verglichen die Untersuchungen nicht beide Methoden innerhalb derselben Gruppen und damit bei den selben Personen. Das Forschungsteam führte Daten verschiedener Labore zusammen und glich Unterschiede statistisch an.
Zusammenhänge zwischen einzelnen Hirnregionen und der Schmerzlinderung belegen außerdem noch keine eindeutige Ursache. Die beteiligten Gehirnareale könnten einen Teil des Effekts vermitteln, doch dafür sind gezielte Folgeversuche nötig.
Auch das Ausmaß des zusätzlichen Effekts bei vorheriger Konditionierung verlangt Zurückhaltung. Die drei Punkte Unterschied lagen unter jenen Werten, die Patienten gewöhnlich als klinisch bedeutsame Verbesserung wahrnehmen. Die Ergebnisse sprechen daher weder für wirkstofffreie Präparate im Alltag noch gegen bewährte Schmerzmittel.
Medizinisch interessant bleibt aber der Einfluss des Behandlungskontexts. Worte, frühere schmerzlindernde Erfahrungen und Abläufe können die Wirkung einer Therapie positiv mitprägen. „Künftig könnte uns dieses Wissen dabei helfen, gezieltere Strategien zu entwickeln, um die körpereigenen schmerzlindernden Systeme zu unterstützen und Behandlungsergebnisse zu verbessern“, sagt Neurologin Ulrike Bingel, Seniorautorin der Studie und Sprecherin des Placebo-Sonderforschungsbereiches SFB/TRR 289 – Treatment Expectation des Uniklinikums Essen.
Kurz zusammengefasst:
- Der Placebo-Effekt kann Schmerzen messbar lindern, weil Erwartungen die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Gehirn verändern.
- Verbale Hinweise wirken, doch eine zuvor erlebte Schmerzlinderung verstärkt den Effekt und aktiviert andere neuronale Mechanismen.
- Die Ergebnisse stammen aus Laborstudien mit gesunden Erwachsenen und liefern noch keine direkte Empfehlung für die Behandlung von Schmerzpatienten.
Übrigens: Der Placebo-Effekt in Verbindung mit verbaler Anleitung kann auch PMS-Beschwerden lindern, obwohl die Patientinnen wissen, dass die genommenen Tabletten keinen Wirkstoff enthalten. Besonders stark fiel der Effekt nach einem erklärenden Gespräch aus – mehr dazu in unserem Artikel.
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