Wer Dialekt spricht, trainiert sein Gehirn – Forscher finden sichtbare Unterschiede

Eine Marburger Hirnstudie legt nahe: Dialekt zu sprechen fordert Sprachregionen im Gehirn ähnlich wie Zweisprachigkeit.

Dialekt ist mehr als regionale Färbung: In der Marburger Studie zeigten Dialektsprecher Unterschiede in Hirnregionen, die Laute verarbeiten und beim Wechsel zwischen Sprachformen helfen. © Pexels

Dialekt ist mehr als regionale Färbung: In der Marburger Studie zeigten Dialektsprecher Unterschiede in Hirnregionen, die Laute verarbeiten und beim Wechsel zwischen Sprachformen helfen. © Pexels

„I red hoid, wia ma da Schnabl gwachsen is.“ Dialekt klingt nach Heimat, Familie und Kindheit – galt aber lange als schlechtes Deutsch. Eine neue Studie der Philipps-Universität Marburg zeichnet nun ein anderes Bild: Wer sicher zwischen Mundart und Hochdeutsch wechselt, trainiert sein Sprachnetzwerk und hat dort messbar andere Hirnstrukturen als Menschen, die nur Standarddeutsch sprechen.

Veröffentlicht wurde die Arbeit im Fachjournal Scientific Reports. Das Team um den Phonetiker und Neurolinguisten Prof. Dr. Mathias Scharinger und den Dialektologen Prof Dr. Jürgen E. Schmidt untersuchte 49 Erwachsene mit hochauflösender Magnetresonanztomografie (MRT). Verglichen wurden 26 dialektsprechende Personen aus Nordhessen mit 23 Personen ohne hessischen Dialekt. Alter, Geschlecht und Bildungsstand waren in beiden Gruppen ähnlich.

Dialekt fordert das Gehirn

Die Forscher arbeiteten nicht nur mit Selbstauskünften, sie prüften die Dialektkompetenz mit einem Lauttest, der am Deutschen Sprachatlas entwickelt wurde. Dabei ging es um den „ai“-Laut in Wörtern wie „Bein“ oder „Eis“. Im Hochdeutschen klingen solche Wörter heute gleich aufgebaut. In vielen Dialekten haben sich ältere Lautunterschiede aber erhalten.

Je nach Ort kann „Bein“ im Dialekt etwa wie „Been“, „Bään“, „Baan“ oder „Boan“ klingen. Wer einen Basisdialekt sicher spricht, muss solche Formen kennen und richtig zuordnen. Der Test verlangt daher mehr als ein bisschen regionale Aussprache. Er prüft, ob jemand zwischen zwei sprachlichen Systemen wechseln kann: Hochdeutsch auf der einen Seite, Mundart auf der anderen.

Im Dialekt steckt ein eigenes Sprachsystem

Die Dialektgruppe erkannte und bildete die regionalen Lautformen deutlich sicherer als die Vergleichsgruppe. Auch das Sprachprofil unterschied sich klar: Personen ohne Dialektkompetenz waren viel stärker auf Standarddeutsch festgelegt. Je besser jemand im Dialekttest abschnitt, desto geringer war diese einseitige Orientierung am Hochdeutschen.

Bei den Hirnaufnahmen achteten die Forscher auf zwei Merkmale: das Volumen der grauen Substanz und die Dicke der Großhirnrinde. Die graue Substanz enthält viele Nervenzellkörper und spielt bei der Verarbeitung von Informationen eine wichtige Rolle. Die kortikale Dicke beschreibt die Stärke der Großhirnrinde in bestimmten Bereichen.

Das sind die wichtigsten Befunde der Forscher:

  • Dialektsprechende hatten mehr graue Substanz in beiden mittleren Schläfenlappen.
  • Auch der beidseitige Inselkortex fiel bei ihnen größer aus.
  • Im rechten orbitofrontalen Kortex war die Großhirnrinde dicker.
  • Diese Regionen hängen mit Lautverarbeitung, Sprachkontrolle und Umschalten zwischen Sprachformen zusammen.

Warum Dialekt dem Gehirn Arbeit macht

Die mittleren Schläfenlappen helfen dabei, Laute und Bedeutungen zu verarbeiten. Der Inselkortex unterstützt unter anderem Artikulation, Sprachplanung und Konfliktlösung. Der rechte orbitofrontale Bereich steht mit flexibler Kontrolle und Auswahlprozessen in Verbindung. Das passt zu Menschen, die im Alltag zwischen Mundart und Hochdeutsch wechseln.

Die Autoren fassen den Kern ihrer Ergebnisse vorsichtig zusammen: „Die Befunde deuten darauf hin, dass Dialektkompetenz die Hirnstruktur auf ähnliche Weise formen kann wie Zweisprachigkeit.“ Dialekt wird also nicht mit einer Fremdsprache gleichgesetzt. Er kann das Gehirn aber in ähnlichen Netzwerken beanspruchen.

Dialekt macht nicht automatisch schlauer

Die Untersuchung liefert keinen Beleg dafür, dass Dialekt allgemein intelligenter macht. Die Testpersonen absolvierten mehrere kognitive Aufgaben. Beim Sprachverstehen im Lärm, beim Eriksen-Flanker-Test und bei der Zahlenspanne vorwärts fanden die Forscher keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Beim Stroop-Test gab es nur einen Trend zugunsten der Dialektsprechenden.

Der Befund bleibt trotzdem. Er betrifft nicht eine allgemeine Denkfähigkeit, sondern das sprachliche Training. Wer Dialekt beherrscht, muss je nach Situation passende Lautformen, Wörter und Bedeutungen auswählen. Zu Hause kann Mundart die natürliche Wahl sein. In Schule, Amt, Universität oder Beruf dominiert meist Hochdeutsch. Dieses Umschalten läuft oft unbewusst, fordert aber das Sprachnetzwerk.

Forscher widersprechen alten Dialekt-Vorurteilen

Dialekt galt in vielen Familien und Schulen lange als Makel. Kinder sollten „ordentlich“ Hochdeutsch sprechen, Mundart wirkte schnell altmodisch oder wenig gebildet. Die Daten aus Nordhessen legen eine andere Sicht nahe: Ein sicher beherrschter Dialekt ist kein kaputtes Hochdeutsch, sondern eine zusätzliche sprachliche Fähigkeit.

„Dialektkompetenz scheint demnach Folgen für Hirnstruktur und Hirnplastizität zu haben“, schreiben die Autoren. In ihrer Schlussfolgerung heißt es außerdem: „Die Fähigkeit, neben einer Standardsprache auch einen Dialekt zu beherrschen, hat Auswirkungen auf das kortikale Sprachnetzwerk.“

Damit bekommt die alte Abwertung regionaler Sprache wissenschaftlichen Gegenwind. Dialekt bleibt Heimat, Klang und Identität. Er ist aber offenbar auch Training für ein Gehirn, das sprachlich flexibel arbeiten muss.

Kurz zusammengefasst:

  • Dialekt ist kein „falsches Hochdeutsch“, sondern eine eigene sprachliche Fähigkeit: Wer Dialekt und Standardsprache beherrscht, wechselt zwischen zwei Sprachformen.
  • Eine Marburger Studie fand bei Dialektsprechenden Unterschiede in Hirnregionen für Lautverarbeitung, Sprachkontrolle und sprachliches Umschalten.
  • Die Studie belegt nicht, dass Dialekt allgemein schlauer macht, aber sie zeigt: Dialekt kann das Gehirn ähnlich fordern wie Zweisprachigkeit.

Übrigens: Manche KI-Modelle bewerten Dialekte deutlich negativer als Hochdeutsch. Sie empfinden Mundart häufiger als „ungebildet“ oder „ländlich“ – mit möglichen Folgen für Schule, Bewerbung und Beruf. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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