Mehr Klimasorgen durch Enkel? Studie stellt eine verbreitete Annahme auf den Kopf

Eine britische Langzeitstudie zeigt: Die Geburt eines Enkelkindes verstärkt die Klimasorgen von Großeltern nicht messbar.

Die Beziehung von Großeltern und Enkel schafft eine Verbindung zwischen den Generationen. Eine neue Langzeitstudie legt nahe, dass die Geburt eines Enkelkindes die Klimasorgen der Großeltern im Durchschnitt dennoch kaum verändert. © Pexels

Die Beziehung von Großeltern und Enkel schafft eine Verbindung zwischen den Generationen. Eine neue Langzeitstudie legt nahe, dass die Geburt eines Enkelkindes die Klimasorgen der Großeltern im Durchschnitt dennoch kaum verändert. © Pexels

Wer erlebt, wie eine neue Generation in die eigene Familie hineinwächst, könnte stärker darüber nachdenken, welche Welt sie einmal vorfinden wird. Enkelkinder und der persönliche Bezug zur übernächsten Generation verändern den Blick auf die Zukunft? Überraschenderweise nicht. Eine britische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen nach der Geburt eines Enkelkindes im Durchschnitt nicht besorgter auf die Folgen des Klimawandels blicken als zuvor.

Im Fachjournal European Economic Review erläutern Lieke Voorintholt, Gerard van den Berg und Adriaan Soetevent, ob Menschen nach der Geburt eines Enkelkindes mehr Klimasorgen haben als zuvor. Die Grundlage der Veröffentlichung bildet die Langzeitbefragung „Understanding Society“, bei der dieselben Menschen über Jahre hinweg wiederholt befragt werden. Für die Analyse kamen 6.216 Personen zwischen 40 und 79 Jahren infrage, die mindestens ein Kind ab 14 Jahren hatten. 562 von ihnen wurden zwischen den beiden ausgewerteten Befragungszeiträumen erstmals Großeltern. Gefragt wurde unter anderem, wie stark die Teilnehmer der Aussage zustimmen, die Folgen des Klimawandels lägen zu weit in der Zukunft, um sie wirklich zu beunruhigen.

Trotz Nachwuchs kein besorgter Blick aufs Klima

Der naheliegende Gedanke: Wer ein Enkelkind hat, denkt stärker an die Welt in 20, 30 oder 50 Jahren und sorgt sich mehr um den Klimawandel. Die Daten stützen diese Erwartung im Durchschnitt jedoch nicht. Lieke Voorintholt fasst das Ergebnis in der Mitteilung der Universität Trier so zusammen: „Wir konnten nicht feststellen, dass die Geburt von Enkelkindern im Durchschnitt dazu führt, dass sich die Großeltern mehr um den Klimawandel sorgen.“ In den statistischen Modellen fiel der zu Effekt klein aus und war nicht belastbar. Auch ein zweites Verfahren, das mögliche Verzerrungen anders berücksichtigt, kam in dieselbe Richtung. Die Autoren fanden damit keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass der Übergang zur Großelternschaft die Klimasorgen im Durchschnitt erhöht.

Auffällig ist dabei: Im Allgemeinen nahmen Klimasorgen zwischen den Erhebungszeiträumen 2012 bis 2014 und 2018 bis 2020 durchaus zu. Der durchschnittliche Wert stieg um rund 0,23 Punkte auf einer Fünf-Punkte-Skala. Dieser Anstieg ließ sich aber nicht speziell auf neue Enkel zurückführen.

Jüngere Großeltern reagieren möglicherweise anders

Ganz gleichförmig war das Bild allerdings nicht. Bei vergleichsweise jüngeren Menschen, die im Beobachtungszeitraum Großeltern wurden, deutete sich ein leichter Anstieg der Klimasorgen an. In einem Modell lag er im Mittel bei 0,13 Punkten. Bei älteren Großeltern fand sich dieser Effekt nicht. Die Wissenschaftler behandeln den Unterschied ausdrücklich vorsichtig: Ein weiteres Analyseverfahren bestätigte das Muster nicht. Zudem steigt bei solchen Untergruppenanalysen die Gefahr zufälliger Treffer. Deshalb gilt der Altersunterschied bislang nur als Hinweis.

Auch Geschlecht, Bildungsniveau, sozialer Hintergrund oder die Häufigkeit des Kontakts zu den eigenen Kindern lieferten keine belastbare Erklärung für unterschiedliche Reaktionen. Ebenso wenig ließ sich erkennen, dass Betreuung der Enkel oder deren Alter die Klimasorgen systematisch verschoben. Die Ergebnisse sprechen damit gegen die einfache Annahme, Großelternschaft allein verändere automatisch den Blick auf langfristige Umweltprobleme.

Wie die Frage die Antwort beeinflussen kann

Eine Einschränkung der Studienergebnisse steckt in der Art der Messung. Erfasst wurde vor allem die Zustimmung zu einem einzigen Satz: Die Folgen des Klimawandels seien zu weit in der Zukunft, um „mich“ wirklich zu sorgen. Schon kleine Änderungen der Formulierung könnte die Antwort beeinflussen. Die Autoren verweisen auf ein weiteres Experiment, bei dem „mich sorgen“ durch die allgemeinere Formulierung „sich sorgen“ ersetzt wurde. Daraufhin fielen die berichteten Sorgen höher aus, besonders bei älteren Befragten.

Hinzu kommt: Möglicherweise verändert sich der Blick auf kommende Generationen schon, bevor das erste Enkelkind geboren wird – etwa wenn die eigenen Kinder erwachsen sind und eine Familiengründung absehbar wird. Ob der persönliche Bezug zu Enkeln generell zu schwach ist, um Klimasorgen zu beeinflussen, lässt sich aus der Studie dagegen nicht ableiten. Auch bleibt die Übertragbarkeit auf Deutschland offen. Eine ähnliche Untersuchung mit dem Sozio-oekonomischen Panel wäre grundsätzlich möglich, doch die passende Stichprobe wäre nach Angaben der Autoren dafür zu klein.

Für die Klimakommunikation hat der Befund eine praktische Bedeutung. Botschaften wie „für unsere Kinder und Enkel“ sind weit verbreitet. Die Autoren bezweifeln auf der Grundlage ihrer Befunde, dass allein der Verweis auf kommende Generationen genügt, um bei älteren Menschen dauerhaft stärkere Unterstützung für Klimaschutz auszulösen.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine britische Langzeitstudie mit 6.216 Personen fand keinen belastbaren Hinweis darauf, dass die Geburt eines Enkelkindes die Klimasorgen der Großeltern verstärkt.
  • Auch Nähe und Kontakt zu den eigenen Kindern oder die Betreuung der Enkel brachten keine stärkeren Veränderungen. Möglich ist jedoch, dass sich Einstellungen schon vor der Geburt eines Enkelkindes verschieben.
  • Die Ergebnisse sprechen gegen die einfache Annahme, dass der persönliche Bezug zur nächsten Generation genügt, um ältere Menschen stärker für Klimafolgen zu sensibilisieren.

Übrigens: Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Sommer nicht nur heißer, sondern auch länger werden: Seit 1979 hat sich die Hitzewellensaison weltweit um rund 39 Tage verlängert. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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