In der „Engagement-Falle“: Menschen mit ADHS kommen schwerer von Kurzvideos los

Eine Studie der TU Graz zeigt: Menschen mit ADHS verlieren bei Kurzvideos häufiger das Zeitgefühl und können schwerer aufhören.

Nur noch ein Video – und plötzlich ist eine Stunde vergangen: Menschen mit ADHS verlieren beim Scrollen häufiger das Zeitgefühl und finden schwerer ein Ende. Symbolbild: © Pexels

Nur noch ein Video – und plötzlich ist eine Stunde vergangen: Menschen mit ADHS verlieren beim Scrollen häufiger das Zeitgefühl und finden schwerer ein Ende. © Pexels

Eigentlich sollte es nur ein kurzer Blick aufs Handy werden. Doch aus wenigen Videos wird eine halbe Stunde, manchmal noch mehr. Besonders Menschen mit ADHS fällt es schwer, den endlosen Strom aus Kurzvideos zu unterbrechen. Das zeigt eine Untersuchung der TU Graz mit 302 Teilnehmern. Sie verlieren beim Scrollen häufiger das Zeitgefühl, bleiben länger als geplant und bereuen anschließend die verbrachte Zeit.

Dabei liegt der Unterschied nicht daran, dass Menschen mit ADHS die Videos interessanter finden. Die Empfehlungen von TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts wurden von den untersuchten Gruppen als ähnlich passend zu ihren Interessen bewertet. Trotzdem hatten Teilnehmer mit ADHS deutlich größere Schwierigkeiten, die Nutzung bewusst zu beenden.

Menschen mit ADHS fällt das Aufhören deutlich schwerer

Für ihre Untersuchung befragten die Wissenschaftler um Elisabeth Lex vom Institute of Human-Centred Computing insgesamt 302 Erwachsene zwischen 18 und 73 Jahren. 65 Teilnehmer gaben eine medizinisch diagnostizierte ADHS an, weitere 85 bezeichneten sich selbst als betroffen. Die Vergleichsgruppe bestand aus 152 Menschen ohne ADHS.

Die Teilnehmer bewerteten ihre Erfahrungen mit Kurzvideos auf einer siebenstufigen Skala. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Bei der Frage, wie schwer es ihnen fällt, mit dem Anschauen aufzuhören, lag der Median in beiden ADHS-Gruppen bei fünf Punkten. In der Gruppe ohne ADHS waren es lediglich drei Punkte.

Auch bei der Wahrnehmung der verstrichenen Zeit und der Fähigkeit, die Nutzung wie geplant zu beenden, waren die Unterschiede statistisch signifikant.

Warum der endlose Videostream zum Problem wird

Kurzvideo-Plattformen zeigen automatisch immer neue Inhalte. Ihre Empfehlungssysteme berücksichtigen unter anderem, welche Videos lange angeschaut, erneut abgespielt oder besonders schnell übersprungen werden.

Dadurch entsteht ein fortlaufender Strom personalisierter Unterhaltung. Einen natürlichen Endpunkt gibt es kaum. Nutzer müssen selbst entscheiden, wann sie das nächste Video nicht mehr anschauen wollen.

Gerade bei ADHS kann das schwierig werden. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung geht häufig mit Problemen bei der Impulskontrolle, Selbstregulation und Zeitwahrnehmung einher.

Die Wissenschaftler bezeichnen das Zusammenspiel aus attraktiven Empfehlungen und Schwierigkeiten beim bewussten Aufhören als „Engagement-Falle“.

Nach dem Scrollen folgen häufiger Reue und Schuldgefühle

Die Schwierigkeiten beschränken sich nicht auf die Zeit vor dem Bildschirm. Menschen mit ADHS berichteten auch häufiger über negative Gefühle nach längeren Videositzungen.

Besonders deutlich zeigten sich drei Probleme:

  • Zeitblindheit: Betroffene bemerken häufig nicht, wie viel Zeit beim Anschauen vergangen ist.
  • Verdrängte Aufgaben: Sie bleiben länger online als beabsichtigt und verschieben andere geplante Tätigkeiten.
  • Emotionale Belastung: Nach der Nutzung treten häufiger Frustration, Reue und Schuldgefühle auf.

Zudem berichteten Teilnehmer mit ADHS häufiger, dass ihre Stimmung nach längeren Sitzungen schlechter war als zuvor. Die entsprechenden Gruppenunterschiede waren statistisch signifikant.

Allerdings beruhen die Ergebnisse auf Selbstauskünften. Die Wissenschaftler erfassten weder die tatsächliche Bildschirmzeit noch die konkreten Empfehlungen der Plattformen. Ein unmittelbarer ursächlicher Effekt der Algorithmen lässt sich daraus deshalb nicht beweisen.

Feste Videolimits könnten beim Aufhören helfen

Die Wissenschaftler untersuchten außerdem, welche Veränderungen an den Plattformen die Teilnehmer begrüßen würden. Besonders positiv bewertet wurden Funktionen, die einen bewussten Abschluss der Nutzung erleichtern.

Dazu gehören eine feste Höchstzahl an Videos pro Sitzung, verpflichtende Pausen und eine dauerhaft sichtbare Zeitanzeige. Auch die Möglichkeit, jedes weitere Video manuell starten zu müssen, wurde untersucht.

Solche Funktionen könnten äußere Stoppsignale schaffen und damit die Anforderungen an die eigene Selbstkontrolle verringern.

Ob sie tatsächlich helfen, wurde allerdings nicht praktisch getestet. Die Teilnehmer bewerteten lediglich beschriebene Konzepte.

Die Studie erscheint als angenommener Konferenzbeitrag zur ACM ASSETS 2026. Sie verdeutlicht, dass die Gestaltung digitaler Plattformen für Menschen mit ADHS mit besonderen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Wie stark technische Änderungen diese Belastung reduzieren, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen mit ADHS haben größere Schwierigkeiten, Kurzvideos zu beenden, weil ihnen die Selbstregulation und das Zeitgefühl beim endlosen Scrollen häufiger Probleme bereiten.
  • Eine Studie der TU Graz mit 302 Teilnehmern zeigt, dass Menschen mit ADHS häufiger länger als geplant Videos anschauen und anschließend Reue, Frustration oder Schuldgefühle empfinden.
  • Feste Videolimits, sichtbare Zeitanzeigen und regelmäßige Pausen könnten helfen, die Nutzung besser zu kontrollieren, ihre Wirksamkeit wurde bislang jedoch nicht praktisch untersucht.

Übrigens: Nicht nur Menschen mit ADHS haben Probleme mit Social Media – eine schwedische Langzeitstudie mit mehr als 8.300 Kindern zeigt, dass eine stärkere Nutzung sozialer Netzwerke mit zunehmender Unaufmerksamkeit verbunden ist. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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