Moore in den Alpen in Gefahr – 86 Prozent zeigen Spuren menschlicher Eingriffe
Straßen, Entwässerungsgräben und Landwirtschaft setzen den Mooren in den Alpen zu. Eine neue Studie zeigt, wie verbreitet solche Eingriffe sind – und warum amtliche Karten den tatsächlichen Zustand nicht mehr ausreichend abbilden.
Moore in den Alpen speichern große Mengen Kohlenstoff und bieten seltenen Arten Lebensraum. Doch Entwässerung, landwirtschaftliche Nutzung und zunehmender Baumbewuchs gefährden diese empfindlichen Ökosysteme. © Simon Drollinger
Moore sind wertvolle natürliche Klimaschützer. Als sogenannte Kohlenstoffsenken speichern ihre nassen Böden große Mengen an Kohlendioxid. Doch selbst in abgelegenen Regionen der Alpen sind die Feuchtgebiete vielerorts menschlichen Eingriffen ausgesetzt. Straßen durchschneiden empfindliche Ökosysteme, Entwässerungsgräben leiten Wasser ab, Bäume breiten sich auf offenen Flächen aus. Wie verbreitet menschliche Eingriffe inzwischen sind, offenbart eine aktuelle Untersuchung: An 86,1 Prozent der 590 untersuchten Moorstandorte fanden sich sichtbare Hinweise auf Störungen.
Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Göttingen wertete dafür Satellitenbilder und Geländedaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Communications Earth & Environment. Besonders auffällig waren Unterschiede zu amtlichen Moorkarten: Auf Satellitenbildern erkannte das Modell viele Moorflächen nur teilweise wieder, obwohl sie in amtlichen Karten noch viel größer verzeichnet sind. Häufig betraf das Gebiete mit sichtbaren Eingriffen oder verändertem Pflanzenbewuchs.
Menschliche Eingriffe beeinträchtigen die Ökosysteme
Am häufigsten fanden die Wissenschaftler Hinweise auf Straßen, Gebäude oder andere Infrastruktur. Solche Eingriffe waren an 59 Prozent der untersuchten Standorte erkennbar. Bei 46,4 Prozent entdeckten sie Entwässerungsgräben. Landwirtschaftliche Nutzung, darunter gemähte Flächen und Weidespuren, betraf 26,6 Prozent. Auf 16,8 Prozent der Standorte bedeckten Bäume mindestens 30 Prozent der Moorfläche. Oft kamen mehrere dieser Veränderungen zusammen.
Für die empfindlichen Lebensräume können solche Eingriffe weitreichende Folgen haben. Moore entstehen nur dort, wo der Boden dauerhaft nass bleibt. Abgestorbene Pflanzen zersetzen sich unter diesen Bedingungen sehr langsam. So sammelt sich über lange Zeit Torf an, der große Mengen Kohlenstoff bindet. Sinkt der Wasserspiegel, beispielsweise durch Entwässerung, gelangt mehr Sauerstoff in den Boden. Der Torf kann sich schneller zersetzen und setzt dabei klimaschädliches Kohlendioxid frei.
Satellitenbilder zeigen das Schrumpfen der Moore
Wie stark sich die Landschaft verändert hat, lässt sich am Beispiel eines Moores in Österreich Nahe Salzburg nachvollziehen. Amtliche Karten weisen dort eine Fläche von 15,5 Hektar aus. Das Satellitenmodell erkannte allerdings nur einen kleinen Teil davon als Moor. Luftbilder aus den Jahren 2007 bis 2024 zeigen neue Straßen und ein wachsendes Netz von Entwässerungsgräben. Im Jahr 2007 wirkte die Fläche noch weitgehend ungestört.
„Wir dachten vorerst, das Modell läge falsch. Doch dann fanden wir heraus, dass diese ‚zu kleinen‘ Moore meist auf Flächen mit sichtbaren Störungen wie etwa neuen Drainagegräben oder Wegen lagen“, erklärt Erstautor Marian Schönauer von der Mendel-Universität im tschechischen Brünn laut einer Mitteilung der Universität Göttingen. Eine kleinere vom Modell ausgewiesene Fläche bedeutet im Übrigen nicht, dass der nicht erkannte Moorboden verschwunden ist. Auch ein veränderter Bewuchs kann die satellitengestützte Erkennung erschweren.
Pflanzenbewuchs erschwert Erkennung für Satelliten
Vor allem zunehmender Baumbewuchs und landwirtschaftliche Nutzung gingen mit größeren Abweichungen zwischen amtlichen Karten und Satellitendaten einher. An Standorten mit sichtbaren Störungen übersah das Modell durchschnittlich 60 Prozent der kartierten Moorfläche. Bei Flächen ohne solche Hinweise waren es 43,4 Prozent. Besonders kleine Moore ließen sich zudem schlechter erkennen. Entwässerungsgräben und Infrastruktur hatten für sich genommen keinen statistisch nachweisbaren Einfluss auf die Fehlerquote.
Die Forscher kombinierten optische Satellitendaten, Radaraufnahmen und Informationen zur Geländeform aus den Jahren 2019 bis 2023. Den größten Beitrag zur Erkennung lieferten optische Aufnahmen des europäischen Satelliten Sentinel-2. Anhand der Lichtreflexion lassen sich Unterschiede im Pflanzenbewuchs feststellen. Gerade bei dicht bewachsenen oder kleinen Mooren stößt dieses Verfahren jedoch an Grenzen. Für zuverlässige Aussagen über ihren tatsächlichen Zustand bleiben Untersuchungen vor Ort notwendig.
Naturschutz braucht genaue Bestandsaufnahmen
Problematisch sind unvollständige oder veraltete Karten vor allem für den Naturschutz. Fehlen valide Informationen über veränderte Moorflächen, lassen sich Schutzmaßnahmen schwerer planen. Besonders gefährdete Gebiete könnten übersehen werden. Umgekehrt lieferte das satellitengestützte Modell auch Hinweise auf mögliche Moorflächen, die bislang gar nicht in offiziellen Karten auftauchen. Solche „Verdachtsflächen“ müssen dann vor Ort überprüft werden.
„Alpine Moore sind kleine Lebensräume mit großer ökologischer Bedeutung: Sie speichern langfristig Kohlenstoff, regulieren den Wasserhaushalt und bieten spezialisierten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum“, erklärt Simon Drollinger von der Universität Göttingen. Die Wissenschaftler empfehlen deshalb, die Bestände regelmäßig mithilfe von Satellitendaten zu kontrollieren. Auffällige Standorte könnten anschließend gezielt untersucht werden, um Entwässerung, Veränderungen der Vegetation und mögliche Schäden genauer zu erfassen.
Kurz zusammengefasst:
- Moore sind wichtige Klimaschützer: Ihre nassen Böden speichern über Jahrtausende große Mengen an Kohlenstoff und bieten seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
- Die Moore in den Alpen stehen unter Druck: An 86,1 Prozent der 590 untersuchten Standorte fanden Forscher Hinweise auf Eingriffe ins Ökosystem wie Straßen, Entwässerungsgräben oder landwirtschaftliche Nutzung.
- Amtliche Moorkarten stellten sich häufig als veraltet heraus: Satelliten zeigten viele Moorflächen kleiner als bisher erfasst, doch nur Untersuchungen vor Ort können klären, wie stark sie tatsächlich geschädigt sind.
Übrigens: Viele Moore in den Alpen leiden unter menschlichen Eingriffen. Über ein gezieltes Wassermanagement gibt es dennoch Hoffnung für bereits entwässerte Flächen: Ein höherer Wasserstand kann ihren CO₂-Ausstoß deutlich senken, ohne die landwirtschaftliche Nutzung vollständig aufgeben zu müssen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Simon Drollinger
