Jungen unterschätzen den Wert von Fleiß – Studie mit 750.000 Schülern zeigt die Folgen
Eine Studie mit 750.000 Jugendlichen zeigt: Jungen halten schulischen Fleiß seltener für wichtig als Mädchen, besonders in reichen Ländern.
Schulerfolg hängt auch von der Einstellung zum Lernen ab: Besonders beim Lesen geraten Jungen gegenüber Mädchen ins Hintertreffen. © Unsplash
Warum schneiden Jungen in der Schule häufig schlechter ab als Mädchen? An mangelnder Begabung liegt es offenbar nicht. Vielmehr könnte ihre Einstellung zum Lernen eine Rolle spielen. Eine internationale Untersuchung mit mehr als 750.000 Jugendlichen legt nahe, dass Jungen schulische Anstrengung seltener für wichtig halten als Mädchen. Besonders überraschend: In wohlhabenden und vergleichsweise geschlechtergerechten Ländern fällt dieser Unterschied besonders groß aus.
Die französische Wissenschaftlerin Clotilde Napp untersuchte dafür PISA-Daten von 15-Jährigen aus 61 Ländern. Die Erhebungen stammen aus den Jahren 2012 und 2018. Wie sie im Fachjournal PNAS Nexus berichtet, bewerteten Mädchen in sämtlichen untersuchten Ländern schulischen Fleiß positiver als Jungen. Besonders eng hing diese Einstellung mit den Leistungen beim Lesen zusammen. Auch bei der späteren Beteiligung an Hochschulbildung fanden sich entsprechende Unterschiede.
Der Unterschied betrifft Jungen aus allen sozialen Schichten
Ob wohlhabende Familie oder geringes Einkommen, ob mit beiden Elternteilen aufgewachsen oder nur mit einem: Die Einstellung zur schulischen Anstrengung unterschied sich zwischen den Geschlechtern nahezu überall. Auch das Bildungsniveau der Eltern und eine wiederholte Klassenstufe änderten daran wenig.
Besonders weit lagen die Antworten in Norwegen auseinander. Dort betrug der Abstand zwischen Mädchen und Jungen 0,36 Standardabweichungen, in Südkorea lediglich 0,05. Im Durchschnitt aller Länder waren es 0,20. Diese Werte beschreiben Unterschiede in den Einstellungen. Wie viel Zeit die Jugendlichen tatsächlich mit Lernen verbrachten, lässt sich daraus nicht ableiten.
In reichen Ländern unterscheiden sich Jungen und Mädchen stärker
Zwischen dem wirtschaftlichen Entwicklungsstand eines Landes und den Einstellungen zum Lernen bestand ein auffälliger Zusammenhang. Auch in Gesellschaften mit vergleichsweise hoher Geschlechtergleichstellung waren die Unterschiede häufig größer. Besonders ausgeprägt waren sie in den nordischen Ländern und in Teilen des Nahen Ostens und Zentralasiens.
Für den Vergleich berücksichtigte Napp unter anderem das Bruttoinlandsprodukt, den Entwicklungsindex der Vereinten Nationen und die soziale Lage der Schüler. Am geringsten waren die Unterschiede in Ost- und Südostasien sowie Lateinamerika. Welche gesellschaftlichen Bedingungen diese regionalen Unterschiede verursachen, bleibt offen.
Jungen schneiden beim Lesen besonders häufig schlechter ab
Wie stark die Einstellung zum Lernen mit den schulischen Leistungen zusammenhängt, lässt sich vor allem beim Lesen erkennen. Jugendliche, die Anstrengung höher bewerteten, erreichten durchschnittlich bessere Ergebnisse. Der Zusammenhang bestand auch in Mathematik und Naturwissenschaften, fiel dort allerdings schwächer aus.
In Ländern mit größeren Unterschieden bei der Einstellung zum Fleiß waren Jungen häufiger unter den leistungsschwächeren Schülern vertreten. Besonders beim Lesen blieben sie gegenüber Mädchen zurück. Dabei war der Zusammenhang zwischen einer positiven Einstellung zur Anstrengung und den Leseleistungen bei Jungen stärker als bei Mädchen.
An Hochschulen fehlen zunehmend junge Männer
Die unterschiedlichen Einstellungen gingen auch mit den Bildungswegen nach der Schule einher. Unter den 19- bis 22-Jährigen in der Hochschulbildung lag der Männeranteil laut den ausgewerteten OECD-Daten im Länderdurchschnitt bei 44 Prozent. Südkorea war das einzige Land im Vergleich, in dem Männer nicht unterrepräsentiert waren.
Besonders auffällig war die geringere Beteiligung junger Männer in geistes- und kulturwissenschaftlichen Studiengängen. Für mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Fächer ließ sich dagegen kein entsprechender statistisch signifikanter Zusammenhang feststellen.
Die internationalen Ergebnisse lassen sich in drei Beobachtungen zusammenfassen:
- Lesen: Größere Unterschiede bei der Einstellung zur Anstrengung gingen mit einem stärkeren Leistungsrückstand der Jungen einher.
- Hochschulbildung: In Ländern mit größeren Einstellungsunterschieden waren junge Männer unter den Studierenden seltener vertreten.
- Studienfächer: Besonders betroffen waren Geistes- und Kulturwissenschaften, nicht jedoch die mathematisch-technischen Fachrichtungen.
Mädchen erfahren häufiger Unterstützung beim Lernen
Auch die Eltern unterscheiden sich offenbar in ihrem Umgang mit schulischen Leistungen. Mädchen stimmten in sämtlichen untersuchten Ländern häufiger ausdrücklich der Aussage zu, dass ihre Eltern ihre schulischen Anstrengungen und Erfolge unterstützen. In Ländern mit größeren Unterschieden bei dieser wahrgenommenen Unterstützung war auch der Abstand bei der Einstellung zum Fleiß tendenziell größer.
Hinzu kommt das Selbstbild der Jugendlichen. Mädchen äußerten häufiger die Sorge, bei schulischen Misserfolgen möglicherweise nicht genügend Talent zu besitzen. Gleichzeitig hielten Jugendliche Anstrengung eher für sinnvoll, wenn sie davon überzeugt waren, ihre Fähigkeiten durch Lernen verbessern zu können. In der Psychologie heißt diese Überzeugung Growth Mindset, also die Vorstellung, dass Intelligenz und Fähigkeiten nicht unveränderlich sind.
Geschlechterklischees bremsen möglicherweise den schulischen Ehrgeiz
Eine mögliche Erklärung liegt in traditionellen Vorstellungen über Begabung. Jungen wird häufiger natürliche Intelligenz zugeschrieben, Mädchen dagegen Fleiß und Gewissenhaftigkeit. Wer sich für besonders talentiert hält, könnte glauben, weniger üben zu müssen. Wer hingegen an den eigenen Fähigkeiten zweifelt, versucht möglicherweise, diesen vermeintlichen Nachteil durch größere Anstrengung auszugleichen.
Auch gesellschaftliche Geschlechterbilder könnten das Verhalten beeinflussen. In Ländern, in denen Beruf und Karriere stärker Männern und familiäre Aufgaben eher Frauen zugeschrieben wurden, unterschieden sich die Einstellungen von Jungen und Mädchen zum schulischen Fleiß stärker. Ähnliche Zusammenhänge fanden sich dort, wo Fürsorglichkeit stärker als weibliche Eigenschaft galt.
Übung und Anstrengung könnten Jungen stärker motivieren
Napp hält es deshalb für sinnvoll, Jungen stärker zu vermitteln, dass schulischer Erfolg durch Lernen und Übung entsteht. Auch männliche Vorbilder, die sich offen für Bildung und gesellschaftlich als weiblich geltende Studienfächer interessieren, könnten traditionelle Vorstellungen verändern.
Ob solche Maßnahmen tatsächlich bessere Leistungen bewirken, ist allerdings nicht geklärt. Die ausgewerteten Daten erfassen persönliche Einstellungen und statistische Zusammenhänge, keine direkten Ursachen. Ebenso denkbar ist, dass wiederholte schulische Misserfolge die Bereitschaft verringern, sich weiterhin anzustrengen. Die Untersuchung berücksichtigt zudem ausschließlich 15-Jährige. Für jüngere Kinder oder ältere Schüler lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres übertragen.
Kurz zusammengefasst:
- Jungen halten schulische Anstrengung seltener für wichtig als Mädchen. Das ergab eine Untersuchung mit mehr als 750.000 Jugendlichen aus 61 Ländern.
- Besonders in wohlhabenden Ländern sind die Unterschiede groß. Dort gehen sie häufig mit schlechteren Schulleistungen von Jungen, vor allem beim Lesen, und einer geringeren Beteiligung an Hochschulbildung einher.
- Traditionelle Geschlechterrollen könnten die Einstellung zum Lernen beeinflussen. Jungen wird häufiger natürliche Begabung zugeschrieben, Mädchen eher Fleiß und Gewissenhaftigkeit – ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch nicht bewiesen.
Übrigens: Fehlende Lernmotivation beschäftigt auch Deutschlands Lehrkräfte – laut Schulbarometer 2026 nennen 46 Prozent das Schülerverhalten als größte berufliche Belastung. Warum Konflikte, Konzentrationsprobleme und mangelnder Lernwille den Unterricht zunehmend erschweren, mehr dazu in unserem Artikel.
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