Elterngene beeinflussen Schulnoten von Kindern – auch ohne Vererbung
Eine neue Genanalyse zeigt: Schulnoten von Kindern hängen auch mit nicht vererbten Genen der Eltern und dem Familienumfeld zusammen.
Nicht nur Fleiß und Unterricht beeinflussen Schulnoten. Laut Studie können auch Gene der Eltern mitwirken, die Kinder selbst gar nicht geerbt haben. © Unsplash
Wenn Kinder eine schlechte Note mit nach Hause bringen, suchen Familien schnell nach Gründen. Wurde zu wenig gelernt? Hat die Unterstützung gefehlt? Eine neue Studie zeigt nun: Schulische Leistung entsteht aus mehr als Fleiß, Begabung und Unterricht. Auch Elterngene können die Schulnoten von Kindern beeinflussen – selbst dann, wenn das Kind bestimmte Genvarianten gar nicht geerbt hat.
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Fachjournal Cell Genomics. Dafür wertete ein Team des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) und des norwegischen Volksgesundheitsinstituts Daten von mehr als 30.000 Familien aus. Von jeder Familie lagen genetische Informationen von Mutter, Vater und Kind vor. Die Forscher untersuchten, wie Körpergröße, Body-Mass-Index und Schulleistungen im Alter von etwa zehn Jahren zusammenhängen.
Warum Elterngene die Schulnoten von Kindern indirekt beeinflussen können
Eltern vererben ihren Kindern nicht nur Gene. Die genetische Ausstattung von Mutter und Vater kann auch beeinflussen, wie sie leben, erziehen und welches Umfeld sie zu Hause schaffen. Dazu gehören Bildungswege, Gewohnheiten, Routinen, Stress, Ernährung, Erwartungen und der Umgang mit Lernen. Solche Faktoren entstehen nicht allein aus freier Entscheidung. Auch die Veranlagung der Eltern kann mitbestimmen, wie ein Zuhause aussieht.
In der Fachsprache heißt dieser indirekte Einfluss „Genetic Nurture“, also genetisch beeinflusste Fürsorge oder Umgebung. Dahinter steht ein wichtiger Gedanke: Manche Genvarianten landen nicht im Erbgut des Kindes. Trotzdem können sie wirken, weil sie das Verhalten oder die Lebensumstände der Eltern beeinflussen. Beim Kind kommen sie dann über Alltag, Förderung und Familienklima an.
Nicht vererbte Gene wirken über den Alltag weiter
„Indirekte genetische Effekte und Parent-of-Origin-Effekte sind unterschiedliche Phänomene, die erklären können, wie Gene Merkmale jenseits des Standardmodells des direkten DNA-Einflusses einer Person formen“, sagt Matthew Robinson, Professor am ISTA. Er leitete die Arbeit gemeinsam mit Ilse Krätschmer sowie Alexandra Havdahl vom norwegischen FHI.
Die Forscher trennten mehrere Wege genetischer Wirkung voneinander. Sie prüften, welcher Teil eines Merkmals mit der eigenen DNA des Kindes zusammenhängt. Dazu kam der Anteil, der über die DNA der Eltern vermittelt wird. Außerdem analysierte das Team, ob ein Genabschnitt von der Mutter oder vom Vater stammt. Auch ähnliche Partnerwahl floss ein, weil zum Beispiel große Menschen häufiger große Partner wählen.
Was Elterngene, Kinder und Schulnoten über Herkunft und Förderung verraten
Die eigene DNA des Kindes hatte bei Körpergröße, BMI und Schulleistung den stärksten genetischen Anteil. Dennoch blieb damit ein wichtiger Teil der Erklärung offen. Indirekte elterliche Einflüsse und Herkunftseffekte der Gene erreichten zusammen eine ähnliche Größenordnung. Ohne diese Ebene wirkt der Einfluss von Genen zu einseitig.
Für Schulnoten heißt das: Leistung entsteht aus mehreren Quellen. Begabung, Lernzeit und Motivation spielen hinein. Aber auch das Umfeld zu Hause kann die Entwicklung stark beeinflussen. Bei Schulleistung und BMI fiel der Einfluss der Umgebung besonders deutlich aus. Hilfreich ist dabei eine klare Trennung:
- Die eigene DNA des Kindes kann Fähigkeiten und Merkmale direkt beeinflussen.
- Die DNA der Eltern kann indirekt wirken, wenn sie Alltag, Bildung, Gesundheit oder Unterstützung verändert.

Gene und Erziehung hängen eng zusammen
„Das deutet darauf hin, dass dieselben Loci die Merkmale eines Kindes zweifach formen: sowohl über die Gene, die es selbst trägt, als auch über das Umfeld, das die Eltern schaffen“, sagt Krätschmer. Loci sind Stellen im Erbgut, an denen bestimmte Varianten liegen.
Damit wird die Grenze zwischen Veranlagung und Umwelt unschärfer. Ein genetischer Abschnitt kann im Kind selbst wirken. Derselbe Abschnitt kann auch über die Eltern wirken, wenn er deren Verhalten oder Lebensumstände beeinflusst. Für Bildung, Gesundheit und Familienpolitik ist das relevant. Wer Kinder unterstützen will, muss deshalb auch die Bedingungen im Elternhaus ernst nehmen.
Schulnoten entstehen nicht nur im Klassenzimmer
Der neue Ansatz kann auch bei Krankheiten helfen. „Letztlich erlaubt uns unsere Methode, festzustellen, ob ein genetischer Effekt nur mit der DNA eines Elternteils und nicht mit der eigenen DNA des Kindes zusammenhängt“, erklärt Krätschmer. Das könnte bei psychischen Störungen oder Stoffwechselkrankheiten nützlich werden.
Für Therapiemöglichkeiten bedeutet das: Wirkt ein Gen direkt im Körper eines Menschen, könnte es eher für neue Medikamente interessant sein. Wirkt ein Gen dagegen nur indirekt – etwa über das Verhalten oder das Umfeld der Eltern –, hilft eher eine Veränderung der Lebensbedingungen.
Kurz zusammengefasst:
- Schulnoten von Kindern entstehen nicht nur durch Fleiß, Begabung oder Unterricht, sondern hängen auch mit dem familiären Umfeld zusammen.
- Eine neue Studie zeigt, dass sogar Gene der Eltern mitwirken können, die Kinder gar nicht geerbt haben; dennoch prägen sie Alltag, Förderung und Erziehung.
- Für Bildung und Gesundheit bedeutet das: Kinder brauchen gute Bedingungen zu Hause und in der Schule, weil Gene und Umfeld eng zusammenwirken.
Übrigens: Nicht nur Elterngene und das eigene Zuhause können Schulnoten von Kindern beeinflussen, auch der Schulbeginn spielt offenbar eine messbare Rolle. Eine Schweizer Studie zeigt, dass Jugendliche bei flexiblem Start länger schlafen und in Mathe sowie Englisch besser abschneiden. Mehr dazu in unserem Artikel.
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