Lehrer überlastet: Was in deutschen Klassenzimmern schiefläuft

Fast jede zweite Lehrkraft nennt Schülerverhalten als größte Belastung. Das Schulbarometer 2026 zeigt, warum Lehrer überfordert sind.

Lehrer vor Schulklasse

Lehrkräfte müssen im Klassenzimmer heute mehr als reinen Fachunterricht leisten. Laut Schulbarometer belasten vor allem Verhalten, fehlende Motivation und Konflikte den Schulalltag. © Pexels

Probleme entstehen in der Schule oft schon, bevor der Unterricht überhaupt beginnt. Ein Streit auf dem Flur, ein verletzender Spruch, Aufruhr im Klassenraum. Viele Lehrkräfte müssen zuerst Ruhe herstellen oder schlichten, bevor sie überhaupt mit Mathe oder Deutsch anfangen können. Das aktuelle Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung für das Jahr 2026 unterstreicht die Zustände mit deutlichen Zahlen und steigender Tendenz.

46 Prozent der Lehrkräfte nennen das Verhalten von Schülern als größte berufliche Belastung. 2024 lag der Wert noch bei 35 Prozent, 2025 waren es 42 Prozent. Es geht um schwieriges Sozialverhalten, fehlenden Lernwillen, psychische Belastungen und Konzentrationsprobleme.

Wenn Beleidigungen und Schläge zum Schulalltag gehören

Auch das aktuelle Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer dokumentiert eindrucksvoll, wie sich der Schulalltag für Lehrkräfte und Schüler derzeit anfühlt. Dort sieht mehr als die Hälfte der Lehrkräfte Gewalt an Schulen als großes oder sehr großes Problem. Schüler berichten von alltäglichem Mobbing und Gewalt. Vor allem die Antworten der Neuntklässler fallen deutlich aus: 63 Prozent berichteten von Beleidigungen. 49 Prozent sagten, Mitschüler hätten sie lächerlich gemacht oder vor anderen bloßgestellt. 26 Prozent gaben an, ausgegrenzt oder gemobbt worden zu sein. Jeder vierte Schüler berichtete von Schlägen, Tritten oder Boxhieben. Vier Prozent sagten sogar, sie seien verprügelt worden.

Die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch denkt deshalb darüber nach, „Schulpsychologen an jede Schule zu geben“. Sie bezeichnet die Ergebnisse dieser Studie als deutliches Warnsignal: „Wenn fast zwei Drittel der Lehrkräfte von einer Zunahme von Gewalt berichten und 80 Prozent beobachten, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren, dann dürfen wir das nicht als normalen Schulalltag akzeptieren.“ Schule müsse ein Ort des Lernens, des Respekts und der Sicherheit sein.

Schwieriges Sozialverhalten belastet den Schulalltag

Das Schulbarometer 2026 stellt das Schülerverhalten für Lehrerinnen und Lehrer klar vor andere Sorgen des Schulalltags. Die Heterogenität in den Klassen folgt mit 34 Prozent. Arbeitsbelastung und Zeitmangel nennen 27 Prozent der Lehrkräfte als belastend. Bildungspolitik und Bürokratie kommen auf 22 Prozent. Eltern und Personalmangel liegen dahinter.

Die Robert Bosch Stiftung betrachtet mehrere Aspekte des Verhaltens von Schülern. Besonders häufig erwähnen Lehrkräfte das schlechte Sozialverhalten. 25 Prozent berichten davon als Belastung. 13 Prozent nennen mangelnde Motivation und fehlenden Lernwillen als Problem. Sieben Prozent sprechen psychische Probleme oder Belastungen an. Jeweils fünf Prozent nennen Konzentrationsprobleme, Gewalt, Mobbing und problematische Mediennutzung oder den negativen Einfluss sozialer Medien.

Haupt-, Real- und Gesamtschulen trifft es am härtesten

Die Probleme verteilen sich nicht gleichmäßig auf alle Schulformen. An Haupt-, Real- und Gesamtschulen nennen 55 Prozent der Lehrkräfte das Verhalten der Schüler als Herausforderung. An beruflichen Schulen sind es 53 Prozent. Auch Förder- und Sonderschulen liegen mit 47 Prozent hoch.

An Gymnasien fällt der Wert niedriger aus. Dort berichten aber immer noch 43 Prozent von solchen Schwierigkeiten. An Grundschulen sind es 33 Prozent. Jede Schulform erlebt also ihre eigene Belastungen.

Es braucht mehr als guten Fachunterricht

Viele Lehrkräfte stehen mit der veränderten Situation vor Aufgaben, die weit über ihr Fachwissen hinausgehen. Sie sollen in den Kindern die Fähigkeit fördern, Rücksicht zu nehmen. Die Kinder sollen lernen, Frust auszuhalten. Sie sollen Regeln akzeptieren und Konflikte lösen. Gleichzeitig sollen die Kinder sich organisieren, zuhören und konzentrieren. Doch 29 Prozent der Lehrkräfte sagen, ihnen fehle für die Vermittlung das nötige Wissen oder Können.

Diese überfachlichen Kompetenzen wie Empathie, Kooperation, Selbstregulation und kritisches Denken würden viele Lehrkräfte gerne mithilfe von Fortbildungen erwerben: 82 Prozent sehen für sich hierin Bedarf.

Schulbarometer 2026: Lehrer werden mit Problemen allein gelassen

Mehr als ein Drittel der befragten Lehrerinnen und Lehrer fühlt sich bei der Förderung solcher überfachlicher Fähigkeiten jedoch nicht ausreichend unterstützt. 36 Prozent geben an, dass ihre Schule diese Aufgabe nicht aktiv mitgestaltet. Damit landet viel Verantwortung im Klassenzimmer. Dort steht aber meist nur eine Lehrkraft vor 20 bis 30 Schülern.

Katharina Thoren, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung, beschreibt die Lage so: „Lehrkräfte leisten heute weit mehr als reinen Fachunterricht – und damit dürfen wir sie nicht allein lassen“. Sie fordert mehr Fachleute an Schulen. Dazu zählen Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, Verwaltungskräfte und IT-Spezialisten.

Demokratiebildung bringt viele Lehrkräfte in Unsicherheit

Auch die Demokratiebildung fordert das Lehrpersonal an Schulen heraus. „Schule ist der Ort, an dem junge Menschen Demokratie nicht nur lernen, sondern auch erleben“, so Thoren. Doch 48 Prozent der Lehrkräfte finden, ihre Schule müsse in diesem Bereich mehr tun. An Schulen in sozial schwierigen Lagen liegt der Anteil bei 54 Prozent. Als Gründe nennen Lehrkräfte vor allem fehlende Zeit, fehlendes Fachwissen und unzureichendes Material.

Dazu kommt Unsicherheit über das richtige Verhalten bezüglich politischer Aussagen im Unterricht. 18 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot gehemmt. 27 Prozent glauben, sie dürften die eigene politische Meinung grundsätzlich nicht äußern. Dabei haben Lehrkräfte laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sogar die gesetzliche Pflicht, demokratische Werte wie Menschenrechte und Toleranz zu vermitteln.

Das Neutralitätsgebot für Lehrkräfte in Deutschland verbiete lediglich politische Indoktrination. Gerade bei schwierigen Themen sei es laut GEW wichtig, alle Perspektiven zu beleuchten, gleichzeitig aber eine klare Haltung gegen Antisemitismus und Rassismus, Gewaltverherrlichung und menschenverachtende Äußerungen zu zeigen.

KI hilft im Alltag, löst aber nicht die Probleme

Während Klassenführung schwieriger wird, zieht Künstliche Intelligenz als Unterstützung für den Unterricht ins Lehrerzimmer ein. 25 Prozent der Lehrkräfte nutzen KI mehrmals pro Woche. Ein Jahr zuvor waren es elf Prozent. Mehr als die Hälfte arbeitet zumindest mehrmals im Monat damit.

Die Tools helfen Lehrerinnen und Lehrern vor allem bei der Vorbereitung. 64 Prozent nutzen KI zum Erstellen von Aufgaben. 58 Prozent verwenden sie für die Unterrichtsplanung. 33 Prozent setzen sie bei Kommunikation ein. Trotzdem wünschen sich 52 Prozent Fortbildungen zur Nutzung von KI. Die Programme sparen Zeit, lösen aber keine Konflikte im Klassenzimmer.

Viele Lehrkräfte mögen ihren Beruf und denken trotzdem ans Gehen

Die berufliche Zufriedenheit im Lehrberuf bleibt hoch. 83 Prozent der Lehrkräfte sind mit ihrem Beruf zufrieden. Dennoch würde etwas mehr als ein Viertel den Beruf wechseln, wenn sich eine Möglichkeit böte – ein scheinbarer Widerspruch, der sich durch die folgenden Umfragewerte erklärt. Viele Lehrkräfte sehen sich emotional belastet. 24 Prozent fühlen sich mehrmals pro Woche erschöpft. Zwölf Prozent berichten sogar von täglicher Erschöpfung.

Besonders häufig denken Lehrkräfte an Grundschulen sowie an Haupt-, Real- und Gesamtschulen über einen Berufswechsel nach – in jenen Schulformen also, wo sich viele Aufgaben bündeln, für die Schulen bislang zu wenig Personal und zu wenig Zeit haben.

Kurz zusammengefasst:

  • Fast jede zweite Lehrkraft nennt das Verhalten von Schülern laut Schulbarometer 2026 als größte Belastung im Berufsalltag.
  • Besonders schwierig sind schlechtes Sozialverhalten der Schüler, fehlende Motivation, Konzentrationsprobleme und psychische Belastungen.
  • Viele Lehrkräfte mögen ihren Beruf, brauchen aber mehr Unterstützung durch Schulsozialarbeit, Psychologie und Fortbildungen.

Übrigens: Während Lehrkräfte immer häufiger über schwieriges Verhalten im Klassenzimmer berichten, stehen auch viele Schüler selbst unter massivem Druck. Laut dem letzten Schulbarometer gilt inzwischen jeder Vierte als stark psychisch belastet, viele kämpfen mit Leistungsdruck, Mobbing und fehlender Unterstützung. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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