Autismus bei Frauen: Warum die Diagnosen seit Corona stark steigen

Seit Corona erhalten deutlich mehr Mädchen und Frauen eine Autismusdiagnose. Wahrscheinlich tritt Autismus nicht häufiger auf, sondern wird bei ihnen heute seltener übersehen.

Autismus bei Frauen bleibt oft lange unerkannt: Viele Betroffene erhalten erst im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Diagnose. © Polina Zimmerman/Pexels

Autismus bei Frauen bleibt oft lange unerkannt: Viele Betroffene erhalten erst im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Diagnose. © Pexels

Viele Mädchen und Frauen verbringen Jahre mit Reizüberflutung, sozialer Erschöpfung oder dem Gefühl, im Alltag ständig eine Rolle spielen zu müssen. Eine Erklärung erhalten sie oft erst spät. Seit der Corona-Pandemie steigt die Zahl der Autismusdiagnosen bei weiblichen Personen deutlich. Besonders stark fällt der Zuwachs bei Jugendlichen aus.

Das bedeutet wahrscheinlich nicht, dass Autismus plötzlich häufiger auftritt. Vielmehr erkennen Ärzte und Psychologen heute Merkmale, die bei Mädchen und Frauen lange übersehen wurden. Darauf deuten Gesundheitsdaten von 171.134 Menschen aus den USA hin. Forscher der Saint Louis University werteten die Jahre 2016 bis 2024 aus. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal JAMA Network Open.

Autismus bei Frauen wird häufiger erkannt

Die Analyse erfasste die erste Autismusdiagnose, die in einem großen US-Gesundheitssystem dokumentiert wurde. Alle einbezogenen Personen hatten dort in jedem Jahr mindestens einen medizinischen Kontakt. Manche könnten bereits zuvor an anderer Stelle diagnostiziert worden sein. Die Daten beschreiben deshalb neue Einträge im untersuchten System und nicht die tatsächliche Häufigkeit von Autismus in der Bevölkerung.

Bei Mädchen und Frauen blieb die Diagnoserate bis 2020 zunächst weitgehend stabil. Danach stieg sie durchschnittlich um 19 Prozent pro Jahr. 2016 erhielten 284 weibliche Personen eine neu dokumentierte Diagnose. 2024 waren es 513. Der Anteil innerhalb der weiblichen Studiengruppe wuchs von 0,26 auf 0,47 Prozent und hat sich damit beinahe verdoppelt.

Bei Jungen und Männern sinkt die Rate

Bei männlichen Personen verlief die Entwicklung anders. Ihre jährliche Diagnoserate sank zwischen 2016 und 2024 durchschnittlich um 3,8 Prozent. Der Zuwachs in der Gesamtgruppe beruhte daher vor allem auf neuen Diagnosen bei Mädchen und Frauen.

Die Autoren sprechen von einer „zunehmenden Erkennung weiblicher Personen mit Autismus-Spektrum-Störung“. Der Befund beschreibt keine plötzlich veränderte biologische Häufigkeit. Wahrscheinlicher ist, dass Fachleute heute Ausprägungen erfassen, die früher seltener zu einer Diagnose führten.

Bei Jugendlichen steigen die Zahlen besonders stark

Am deutlichsten nahm die Diagnoserate bei weiblichen Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren zu. Von 2020 bis 2024 stieg sie durchschnittlich um 22,3 Prozent pro Jahr. Bei Mädchen bis neun Jahre lag der jährliche Zuwachs bei 17,4 Prozent. Unter gleichaltrigen Jungen sank die Rate dagegen um zwei Prozent.

Dieser Unterschied spricht gegen einen allgemeinen sprunghaften Anstieg von Autismus. Betroffen sind vor allem Gruppen, deren Merkmale in der Vergangenheit häufiger übersehen wurden. Besonders belastbar ist der Befund bei Mädchen und weiblichen Jugendlichen. Bei erwachsenen Frauen stieg die Rate zwar rechnerisch um acht Prozent pro Jahr. Dieser Wert war statistisch jedoch nicht eindeutig.

Manche Mädchen verbergen ihre Schwierigkeiten

Viele Diagnosemodelle orientierten sich lange an Merkmalen, die häufig bei Jungen beobachtet wurden. Mädchen wirken dagegen teilweise sozial angepasster. Einige beobachten andere sehr genau, übernehmen deren Verhalten oder bereiten Gespräche innerlich vor. Fachleute sprechen von Camouflaging oder Masking.

Autistische Schwierigkeiten verschwinden dadurch nicht. Sie fallen im Alltag lediglich weniger auf. Manche Mädchen halten sich an feste soziale Regeln oder orientieren sich stark an einzelnen Freundinnen. Solche Strategien kosten Kraft und können zu erheblicher Erschöpfung führen.

Höhere Anforderungen machen Merkmale sichtbar

In der Grundschule reichen diese Anpassungen mitunter noch aus. Später werden Freundschaften komplexer, Gruppen wechseln häufiger und unausgesprochene Erwartungen gewinnen an Bedeutung. Früh erlernte Strategien funktionieren dann oft nicht mehr zuverlässig. Das könnte erklären, warum die Diagnoserate im Jugendalter so stark ansteigt. Die Studie hat diesen Mechanismus allerdings nicht direkt untersucht.

Auch das Diagnosealter spricht für eine verzögerte Erkennung. Weibliche Personen waren bei ihrer Diagnose im Durchschnitt 15,7 Jahre alt. Bei männlichen Personen lag das Alter bei 12,3 Jahren. Mädchen erhielten ihre Diagnose damit durchschnittlich 3,4 Jahre später.

Eine späte Diagnose verzögert Unterstützung

Mehrere Jahre ohne passende Erklärung können Schule, Ausbildung und Alltag erschweren. Reizüberflutung, soziale Erschöpfung oder Probleme mit Veränderungen bleiben dann häufig ohne klare Einordnung. Auch geeignete Hilfen beginnen später.

Manche Frauen erhalten zunächst andere Diagnosen, etwa eine Angststörung, Depression oder ADHS. Die US-Auswertung erfasste solche früheren Diagnosen jedoch nicht. Sie kann daher nicht klären, wie oft Autismus zuvor falsch eingeordnet oder vollständig übersehen wurde.

Corona verstärkte wohl einen älteren Trend

Das Jahr 2020 wirkte zunächst wie ein Wendepunkt. Während der Pandemie fielen Vorsorgeuntersuchungen, Schulbeobachtungen und Beratungstermine aus. Später wurden viele Untersuchungen nachgeholt. Auch Videosprechstunden könnten den Zugang zur Diagnostik erleichtert haben.

Die Forscher wiederholten ihre Berechnung jedoch ohne die Daten aus dem Jahr 2020. Der Anstieg bei weiblichen Personen blieb bestehen. Der statistische Wendepunkt verschob sich sogar auf 2018. Die Entwicklung begann daher möglicherweise schon vor Corona. Einen Zusammenhang zwischen einer Infektion und der Entstehung von Autismus untersuchte die Arbeit nicht.

Die Ergebnisse gelten nicht automatisch für Deutschland

Die Daten stammen aus einem Gesundheitssystem in Illinois, Missouri, Oklahoma und Wisconsin. Rund 82 Prozent der untersuchten Personen waren weiß. Zudem mussten sie über neun Jahre regelmäßig medizinische Leistungen genutzt haben. Menschen ohne stabile Versorgung dürften deshalb seltener vertreten sein.

Die Diagnosen wurden außerdem über Abrechnungscodes ermittelt. Eine nachträgliche Prüfung aller Krankenakten fand nicht statt. Die Ergebnisse lassen sich daher weder auf die gesamte US-Bevölkerung noch ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.

Kurz zusammengefasst:

  • Seit Corona steigen die Autismusdiagnosen besonders bei Mädchen und weiblichen Jugendlichen deutlich an.
  • Wahrscheinlich ist Autismus nicht plötzlich häufiger, sondern wird bei Frauen heute besser erkannt als früher.
  • Weibliche Betroffene erhalten ihre Diagnose im Durchschnitt später, weil ihre Merkmale oft weniger auffällig sind oder lange verdeckt bleiben.

Übrigens: Während Autismus bei Frauen lange übersehen wurde, gilt der Darm oft zu Unrecht als mögliche Ursache – belastbare Belege für einen Einfluss des Mikrobioms fehlen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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