Wer mehr leistet, darf mehr haben? 65.000 Menschen zeigen, wo für uns Ungleichheit fair wird

Menschen akzeptieren Einkommensunterschiede eher, wenn sie auf Leistung statt auf Glück beruhen, zeigt eine Studie mit 65.000 Menschen.

Wer bekommt wie viel – und warum? Eine weltweite Untersuchung zeigt, dass Menschen Einkommensunterschiede eher akzeptieren, wenn sie auf Leistung statt auf Glück beruhen. © Pexels

Wer bekommt wie viel – und warum? Eine weltweite Untersuchung zeigt, dass Menschen Einkommensunterschiede eher akzeptieren, wenn sie auf Leistung statt auf Glück beruhen. © Pexels

Zwei Menschen erledigen dieselbe Arbeit, doch am Ende bekommt einer mehr Geld dafür als der andere. Macht es einen Unterschied, ob er besser gearbeitet oder einfach Glück gehabt hat? Für die Bewertung von sozialer Ungleichheit beim Einkommen zählt offenbar vor allem, wie der finanzielle Vorsprung zustande kam. Weltweit akzeptieren Menschen eine ungleiche Verteilung eher, wenn sie auf Leistung beruht. Kommt sie durch Zufall zustande, wächst dagegen der Wunsch nach einer gerechteren Verteilung. Eine Rolle für die Akzeptanz spielen allerdings auch die eigene Herkunft und Systemzugehörigkeit.

Zu diesem Ergebnis kommen Ingvild Almås von der Universität Zürich und ihre norwegischen Kollegen in einer internationalen Untersuchung. Mehr als 65.000 Menschen aus 60 Ländern nahmen daran teil. Die Stichprobe deckt rund 85 Prozent der Weltbevölkerung ab. Die Daten dafür stammen aus dem Gallup World Poll von 2018. Neben Befragungen gehörte auch ein Experiment dazu, bei dem die Entscheidungen der Teilnehmer echte finanzielle Folgen für andere Menschen hatten.

Leistung gilt als „guter“ Grund für Ungleichheit

Dafür betrachteten die Teilnehmer zwei Personen, die über eine Online-Arbeitsplattform dieselbe Aufgabe erledigt hatten. Eine Person erhielt zusätzliches Geld, die andere nichts. In einer Variante entschied der Zufall über den Bonus. In einer anderen bekam die produktivere Person das zusätzliche Geld. Die Teilnehmer konnten die Verteilung anschließend unverändert lassen, einen Teil umverteilen oder beide Einkommen einander angleichen.

Der Unterschied fiel groß aus. Wenn Leistung über das zusätzliche Einkommen entschied, stieg die von den Teilnehmern zugelassene Ungleichheit im Schnitt um 85 Prozent gegenüber der Zufallsvariante. Dabei handelt es sich nicht um den Anteil der Menschen, die grundsätzlich Ungleichheit befürworteten. „Menschen halten ein verschiedenes Ausmaß an Ungleichheit für akzeptabel und haben auch unterschiedliche Rechtfertigungen dafür“, erklärt Almås das Ergebnis.

Weltweit lassen sich dabei drei größere Gruppen erkennen. Rund 37 Prozent ordnen die Autoren einem leistungsorientierten Gerechtigkeitsverständnis zu: Unterschiede gelten eher als fair, wenn sie verdient wurden. Ebenfalls rund 37 Prozent akzeptieren grundsätzlich, dass Menschen behalten, was ihnen zufällt. Etwa 27 Prozent bevorzugen dagegen eine gleichmäßigere Verteilung – unabhängig davon, ob Leistung oder Glück zuvor den Unterschied geschaffen hatten.

Selbst wenn Umverteilung Geld kostet, bleibt Gerechtigkeit wichtig

Auch die möglichen Nachteile einer Umverteilung änderten die Entscheidungen erstaunlich wenig. In einer Variante ging bei jeder Umverteilung sogar die Hälfte des übertragenen Geldes verloren. Trotzdem akzeptierten die Teilnehmer dadurch nur 14 Prozent mehr Ungleichheit. Ob die Unterschiede durch Leistung oder durch Glück entstanden waren, beeinflusste ihre Entscheidung etwa sechsmal stärker.

Ein weiteres Experiment mit 1.517 Teilnehmern aus den USA kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Diesmal mussten die Beobachter entscheiden, ob sie Geld zwischen zwei anderen Personen umverteilen – und dabei selbst einen kleinen Preis zahlen:

  • Wer nichts umverteilte, behielt 1 US-Dollar.
  • Wer teilweise umverteilte, verlor 10 Cent.
  • Wer die Einkommen vollständig anglich, verlor 20 Cent.

So konnten die Autoren prüfen, ob Menschen ihre Fairnessvorstellungen ändern, sobald Umverteilung sie selbst etwas kostet.

Tatsächlich ließen die Teilnehmer bei eigenen Kosten etwas mehr Ungleichheit bestehen. Der Effekt blieb aber deutlich kleiner als der Unterschied zwischen leistungsbedingter und glücksbedingter Ungleichheit. Entscheidend war also weiterhin vor allem die Frage, wie die Ungleichheit entstanden war: durch Leistung oder durch Zufall.

In China wird zufällige Verteilung von Einkommen öfter akzeptiert

Auch zwischen den Ländern unterschieden sich die Vorstellungen von Fairness deutlich. Besonders stark lehnten Teilnehmer in Kanada, Norwegen und Ägypten Ungleichheit ab, wenn sie allein durch Zufall entstanden war. In China, Uganda und Indien wurde eine solche Verteilung dagegen deutlich häufiger akzeptiert.

Auffällig waren vor allem China und Indien. Dort spielte es vergleichsweise wenig eine Rolle, ob jemand seinen finanziellen Vorteil durch Leistung oder durch Glück erhalten hatte.

In wohlhabenden, eher individualistisch geprägten und demokratischen Ländern war ein leistungsorientiertes Fairnessverständnis häufiger verbreitet. Besonders hoch war der Anteil in:

  • Kanada: 70 Prozent
  • Australien: 68 Prozent
  • Italien: 65 Prozent

In China gehörten dagegen 71 Prozent zu der Gruppe, die Einkommensunterschiede eher akzeptierte – unabhängig davon, wie sie entstanden waren.

Die Unterschiede zwischen den Ländern hingen in der Auswertung auch mit kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren zusammen.

Herkunft des Wohlstands spielt große Rolle für die Akzeptanz von Unterschieden

Auch der Blick auf reale Vermögensunterschiede passt zu diesem Muster. Weltweit hielten 65,7 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Ungleichheit im eigenen Land für unfair. 74,3 Prozent fanden, die Regierung solle die Unterschiede zwischen Arm und Reich verringern.

Allerdings hing die Bewertung stark davon ab, wie Menschen Wohlstand erklärten. Wer Reichtum eher als Ergebnis von Leistung verstand, empfand bestehende Ungleichheit seltener als ungerecht.

„Ungleichheit ist ein wichtiges globales Thema“, sagt Almås. Entscheidend sei auch die Frage, wie wirtschaftliche Unterschiede moralisch gerechtfertigt werden. In der Auswertung spielte dabei die Herkunft des Wohlstands eine größere Rolle als mögliche wirtschaftliche Nachteile einer Umverteilung.

Weltweit führten deutlich mehr Menschen wirtschaftliche Unterschiede auf Glück als auf Leistung zurück. 46,4 Prozent nannten Glück als wichtigen Grund dafür, warum manche Menschen reicher sind als andere. Harte Arbeit oder besondere Fähigkeiten hielten dagegen 30,1 Prozent für eine wichtige Ursache.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen akzeptieren soziale Ungleichheit beim Einkommen deutlich eher, wenn finanzielle Vorteile durch Leistung statt durch Zufall entstehen.
  • Die Herkunft der Ungleichheit beeinflusst Fairnessurteile wesentlich stärker als mögliche wirtschaftliche oder persönliche Kosten einer Umverteilung.
  • Die Vorstellungen unterscheiden sich stark zwischen Ländern: In wohlhabenden westlichen Gesellschaften ist ein leistungsorientiertes Fairnessverständnis häufiger, während zufallsbedingte Ungleichheit etwa in China und Indien eher akzeptiert wird.

Übrigens: Das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung vereint einen enormen Teil des Vermögenszuwachses auf sich, während die ärmere Hälfte kaum profitiert. Das World Inequality Lab und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz warnen deshalb vor Folgen für sozialen Zusammenhalt und Demokratie. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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