Essstörungen bei Jugendlichen: Neue Studie räumt mit großem Vorurteil auf

Essstörungen bei Jugendlichen betreffen nicht nur wohlhabende Familien: Eine neue Auswertung zeigt ein höheres Risiko bei sozial benachteiligten Teenagern.

Ob einem das eigene Spiegelbild gefällt, kann mit der sozialen Herkunft zusammenhängen: Eine neue Auswertung legt nahe, dass Essstörungen bei Jugendlichen häufig mit sozialer Benachteiligung einhergehen. © Pexels

Ob einem das eigene Spiegelbild gefällt, kann mit der sozialen Herkunft zusammenhängen: Eine neue Auswertung legt nahe, dass Essstörungen bei Jugendlichen häufig mit sozialer Benachteiligung einhergehen. © Pexels

Das Thema Essstörungen bei Jugendlichen begleitet ein hartnäckiges Klischee: betroffen seien vor allem Mädchen aus wohlhabenden und gut ausgebildeten Familien. Dass in der Realität nicht nur Königstöchter, Hollywood-Schauspielerinnen oder überhaupt nur junge Frauen darunter leiden, wird dabei übersehen. Das Vorurteil wird durch soziale Medien und Berichterstattung oft noch gestützt. Eine neue Auswertung widerspricht diesem Bild nun aus wissenschaftlicher Sicht.

Forscher des University College London und des Kopenhagener Universitätsklinikums haben herausgefunden, dass Jugendliche aus Haushalten mit niedrigerem Einkommen oder geringerem Bildungsniveau der Eltern häufiger Symptome eines gestörten Essverhaltens aufweisen. Die untersuchten Auffälligkeiten betreffen zum Beispiel stark eingeschränktes Essen, Fasten, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder einen ausgeprägten Wunsch, dünner zu werden.

Die Arbeit erschien im International Journal of Eating Disorders. Berücksichtigt wurden für die Auswertung 51 Fachartikel aus westlichen Ländern, darunter Europa, Nordamerika sowie Australien und Neuseeland. Die untersuchten Stichproben stammten aus der Allgemeinbevölkerung und nicht aus spezialisierten Kliniken. Das reduziert einen möglichen Verzerrungseffekt: Menschen mit wenig Geld erhalten bei Essstörungen seltener eine Diagnose oder Behandlung.

Einkommen und Bildung spielen entscheidende Rolle

Besonders auffällig war der Zusammenhang mit dem Einkommen der Familie. In rund zwei Dritteln der Untersuchungen traten Symptome gestörten Essverhaltens häufiger bei Jugendlichen aus Haushalten mit niedrigerem Einkommen auf. Keine der ausgewerteten Arbeiten fand den umgekehrten Zusammenhang. Vor allem Binge-Eating, wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, tauchte häufiger in finanziell schlechter gestellten Familien auf. Andere soziale Merkmale lieferten dagegen deutlich uneinheitlichere Ergebnisse.

Auch die Bildung der Eltern hängt mit dem Risiko einer Essstörung zusammen. Für diesen Faktor konnten die Autoren elf Studien statistisch auswerten. Jugendliche mit höher gebildeten Eltern hatten eine um rund 20 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für entsprechende Symptome. Zugleich unterschieden sich die einzelnen Untersuchungen merklich voneinander, weshalb das Ergebnis nicht als einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung verstanden werden darf.

Essstörungen bei Jugendlichen werden leicht übersehen

Das verbreitete Bild von der „Krankheit der Wohlhabenden“ kann praktische Folgen haben. Ärztinnen, Ärzte oder Beratungsstellen könnten bei Jugendlichen aus finanziell belasteten Familien seltener an eine Essstörung denken. Menschen aus niedrigeren Einkommensgruppen stoßen zudem häufiger auf Hürden im Gesundheitssystem. Dazu zählen Kosten, weite Wege und die Sorge vor Benachteiligung. Selbst wenn ein Arztkontakt stattfindet, erhalten sie laut den ausgewerteten Vorarbeiten seltener eine entsprechende Diagnose.

Nora Trompeter vom Institut für Kindergesundheit, UCL Great Ormond Street, warnt deshalb davor, Essstörungen als reines Problem des Wohlstands zu betrachten. „Unsere Auswertung macht klar, dass dies nicht das ganze Bild ist“, sagt die Seniorautorin. Jugendliche aus Haushalten mit geringerem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau der Eltern zeigten viel häufiger auffälliges Essverhalten. Prävention und Behandlung müssten deshalb auch Familien erreichen, die finanziell oder sozial unter Druck stehen.

Wie soziale Benachteiligung und Essstörung zusammenhängen

Die Autoren nennen mehrere plausible Wege. Einer davon ist unsichere Lebensmittelversorgung. Wer nicht zuverlässig Zugang zu ausreichend Essen hat, erlebt häufiger Phasen von Einschränkung und anschließend übermäßigem Essen. Solche Wechsel können Verhaltensmustern ähneln, die auch bei Essstörungen wie dem Binge Eating auftreten. Manche ältere Untersuchungen bringen Ernährungsunsicherheit außerdem mit Fasten, Erbrechen und anderen problematischen Strategien zur Gewichtskontrolle in Verbindung.

Hinzu kommt familiärer Stress. Finanzielle Sorgen, unsichere Beschäftigung und begrenzte Ressourcen belasten Eltern und Kinder. Chronischer Stress der Eltern steht mit emotionalen Problemen und Verhaltensauffälligkeit bei Kindern in Verbindung, was wiederum das Risiko für problematisches Essverhalten erhöhen könnte. Die aktuelle Arbeit prüfte diese Mechanismen allerdings nicht direkt. Sie beschreibt zunächst Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Symptomen. Warum soziale Benachteiligung und Essstörungssymptome zusammenhängen, lässt sich aus den Daten dennoch nicht abschließend ableiten.

Die Daten haben allerdings Grenzen

Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres global auf Jugendliche übertragen. Die meisten Stichproben bestanden überwiegend aus weißen oder europäischen Teilnehmern. Jugendliche aus Ländern wie Afrika, Asien und Südamerika blieben außen vor.

Zudem erfassten die einzelnen Untersuchungen Einkommen, Bildung und soziale Lage sehr unterschiedlich. Für mehrere Faktoren war deshalb keine gemeinsame statistische Auswertung möglich. Die Autoren selbst bezeichnen Teile ihrer Ergebnisse als vorläufig.

Auch bei den Essstörungen ging es häufig nicht um ärztlich bestätigte Diagnosen. Viele Arbeiten erfassten Symptome mit Fragebögen, darunter Körperunzufriedenheit, Diäten, Essanfälle oder starken Schlankheitswunsch. Klinische Diagnosen kamen deutlich seltener vor. Trompeter fordert deshalb vor allem einen breiteren Blick auf mögliche Betroffene: „Essstörungen unterscheiden nicht nach Einkommen oder Bildung.“ Falsche Vorstellungen könnten dazu führen, dass gerade Jugendliche mit hohem Unterstützungsbedarf zu spät erkannt und behandelt werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Essstörungen bei Jugendlichen kommen in allen sozialen Schichten vor, treten laut der Auswertung aber häufiger bei Jugendlichen aus Familien mit niedrigerem Einkommen oder geringerem Bildungsniveau auf.
  • Besonders deutlich war der Zusammenhang beim Bildungsniveau der Eltern: Jugendliche mit höher gebildeten Eltern hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit für Symptome gestörten Essverhaltens.
  • Die Ergebnisse belegen keine direkte Ursache, sprechen aber dafür, soziale Benachteiligung bei Früherkennung, Prävention und Behandlung von Essstörungen stärker zu berücksichtigen.

Übrigens: Nicht nur soziale Benachteiligung kann Essstörungen bei Jugendlichen begünstigen – auch frühe Kommentare über Aussehen und Körper prägen, wie Kinder sich selbst wahrnehmen. Selbst gut gemeinte Komplimente können dabei mehr auslösen, als Erwachsene vermuten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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