Alzheimer und Ernährung könnten zusammenhängen: Besonders ein Risikogen beeinflusst, wie stark ungesundes Essen dem Gehirn schadet

Eine australische Langzeitstudie legt nahe: Bei Menschen mit Alzheimer-Risikogen könnte westliche Ernährung mit schnellerem Aufmerksamkeitsverlust zusammenhängen.

Pommes auf dem Teller sind für Menschen mit Risikogen im Erbgut nicht gut: Bei APOE-ε4-Trägern könnte eine westliche Ernährung dem alternden Gehirn stärker zusetzen als bislang gedacht. © Pexels

Pommes auf dem Teller sind für Menschen mit Risikogen im Erbgut nicht gut: Bei APOE-ε4-Trägern könnte eine westliche Ernährung dem alternden Gehirn stärker zusetzen als bislang gedacht. © Pexels

Wie stark lässt sich das eigene Demenzrisiko durch den Lebensstil beeinflussen – und spielt die genetische Veranlagung dabei eine Rolle? Pommes, Pizza, Wurst und Süßigkeiten setzen möglicherweise nicht dem alternden Gehirn eines jeden Menschen gleich stark zu. Damit rückt ein Faktor ins Spiel, den niemand verändern kann: die genetische Ausstattung. Menschen mit einer bestimmten Genvariante verloren über mehrere Jahre schneller an Aufmerksamkeit, wenn ihre Ernährung stark westlich geprägt war. Bei Menschen ohne diese Variante fand sich dieser Zusammenhang nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Murdoch University und weiterer australischer Forschungseinrichtungen im Fachjournal Nutrients.

Grundlage der Studie waren Daten von 185 älteren Erwachsenen aus Perth. Sie waren zu Beginn durchschnittlich 70,6 Jahre alt und hatten keine diagnostizierte Demenz. 57 Teilnehmer trugen mindestens eine Kopie des APOE-ε4-Allels. Diese Genvariante gilt als stärkster verbreiteter genetischer Risikofaktor für Alzheimer.

Pommes, Pizza und Fleisch werden für manche zum Risikofaktor

Die Teilnehmer machten für die Untersuchung Angaben zu ihren Essgewohnheiten. Daraus ermittelten die Wissenschaftler zwei typische Ernährungsmuster. Zur westlich geprägten Kost gehörten vor allem rotes und verarbeitetes Fleisch, Pommes, Süßigkeiten, Weißmehlprodukte, Kartoffeln, Bier, Fleischpasteten und Pizza. Das zweite Muster bestand eher aus Gemüse, Obst, Blattgemüse, Knoblauch und Vollkornprodukten.

Über 90 Monate prüften die Wissenschaftler verschiedene geistige Fähigkeiten der Teilnehmer. Dazu gehörten Sprache, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen wie planvolles Handeln. Der auffällige Befund: Bei APOE-ε4-Trägern hing eine stärkere Orientierung an der westlichen Kost mit einem schnelleren Nachlassen der Aufmerksamkeit zusammen. Für Teilnehmer ohne diese Genvariante ergab sich kein statistisch belastbarer Zusammenhang.

Aufmerksamkeitsfähigkeit nur bei Risikogen-Trägern beeinträchtigt

Warum ausgerechnet die Aufmerksamkeitsfähigkeit betroffen sein könnte, lässt sich mit den Daten nicht klären. Die Autoren nennen mögliche biologische Wege wie Entzündungsprozesse, oxidativen Stress und Insulinresistenz. Frühere Arbeiten bringen derartige Vorgänge mit Veränderungen im präfrontalen Kortex in Verbindung – der Hirnregion, die die Aufmerksamkeit steuert. Die Untersuchung erfasste allerdings keine entsprechenden Biomarker, deshalb bleiben diese Mechanismen mögliche Erklärungen und kein nachgewiesener Wirkweg.

Wie vorsichtig der Befund behandelt werden muss, macht eine zusätzliche Berechnung deutlich. Zu Beginn lagen 19 Teilnehmer unter einem bestimmten Grenzwert im Montreal Cognitive Assessment, kurz MoCA. Dieser Test erkennt Hinweise auf bereits vorhandene leichte kognitive Probleme. Nachdem die Forscher die Personen mit solchen Symptomen aus der Analyse entfernt hatten, war der Zusammenhang zwischen westlicher Ernährung und schnellerem Aufmerksamkeitsverlust bei APOE-ε4-Trägern nicht mehr statistisch signifikant.

Zusammenhang von kognitiver Einschränkung und Ernährung ist komplex

Als einen der interessantesten Befunde bezeichnet Studienleiterin Carolina Blagojevic Castro von der Murdoch University jedoch, „dass der Zusammenhang mit dem kognitiven Abbau nicht in der gesamten Gruppe auftrat, sondern speziell bei APOE-ε4-Trägern.“ Damit spreche die Untersuchung gegen die simple Vorstellung, nach der dieselbe Ernährung bei jedem alternden Gehirn dieselben Folgen haben muss.

Auch jene als gesund eingestufte Ernährung lieferte keinen eindeutigen Gegenbeweis. Viel Gemüse, Obst und Vollkorn hing in dieser Untersuchung nicht statistisch belastbar mit einem langsameren geistigen Abbau zusammen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine gesunde Ernährung keinen Nutzen für das Gehirn hat. Die Autoren weisen ausdrücklich auf die geringe statistische Aussagekraft hin. Sie bewerten dieses Ergebnis als offen und nicht als Beleg für einen fehlenden Effekt.

Veranlagung und Lebensstil spielen eine Rolle beim geistigen Altern

Die relativ kleine Stichprobe könnte den beobachteten Ernährungseffekt zusätzlich verfälschen. Nur 57 Personen gehörten zur APOE-ε4-Gruppe, und bis zum letzten Untersuchungstermin lagen lediglich Daten von 36 Teilnehmern vor. Die Autoren bezeichnen ihre nach Genstatus getrennten Analysen daher als statistisch schwach abgesichert. Der beobachtete Effekt könne in seiner Größe überschätzt sein.

Für individuelle Ernährungsempfehlungen anhand eines Gentests reichen die Ergebnisse der Untersuchung nicht aus. Blagojevic Castro bezeichnet das, was wir essen, als kleinen Teil eines viel größeren Bildes, wenn es um das gesunde Alterns des Gehirns geht. Doch bevor konkrete Empfehlungen nach genetischem Risiko ausgesprochen werden können, brauche es noch weitere Forschung. Die Daten liefern bislang vor allem Hinweise darauf, dass genetische Veranlagung und Lebensstil beim geistigen Altern möglicherweise stärker zusammenspielen als bisher angenommen.

Kurz zusammengefasst:

  • Westlich geprägte Ernährung mit viel verarbeitetem Fleisch, Pommes, Süßigkeiten und Weißmehlprodukten war bei älteren Menschen mit dem Alzheimer-Risikogen APOE ε4 mit einem schnelleren Nachlassen der Aufmerksamkeitsfähigkeit verbunden.
  • Bei Menschen ohne diese Genvariante fand sich dieser Zusammenhang nicht; auch bei einer pflanzenbetonten Ernährung ließ sich in dieser Untersuchung kein klarer Schutz vor kognitivem Abbau nachweisen.
  • Die Ergebnisse stammen aus einer kleinen Beobachtungsstudie und erlauben keine individuellen Ernährungsempfehlungen, beispielsweise nach einem Gentest. Sie liefern aber Hinweise darauf, dass Alzheimer, Ernährung und genetische Veranlagung zusammenwirken könnten.

Übrigens: Um Krankheiten wie Alzheimer künftig besser behandeln zu können, suchen Forscher nach neuen Angriffspunkten für Therapien. So könnten bestimmte Proteine, die Energie, Ionen und Stoffwechselprodukte
in Nervenzellen transportieren, als Prinzip für neue Medikamente dienen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert