Nachtblindheit trotz unauffälliger Netzhaut – neue Erbkrankheit entdeckt

Nachtblindheit kann trotz normaler Sehschärfe lange unentdeckt bleiben. Forscher finden nun eine seltene erbliche Ursache.

Beim Autofahren in der Dämmerung oder bei Nacht kann sich die seltene Netzhauterkrankung bemerkbar machen: Die Sehschärfe bleibt normal, während die Anpassung an Dunkelheit bereits gestört ist. © Unsplash

Beim Autofahren in der Dämmerung oder bei Nacht kann sich die seltene Netzhauterkrankung bemerkbar machen: Die Sehschärfe bleibt normal, während die Anpassung an Dunkelheit bereits gestört ist. © Unsplash

Beim Sehtest scheint alles in Ordnung. Die Buchstaben auf der Tafel sind scharf, auch die Netzhaut sieht noch gesund aus. Doch sobald es dunkel wird, braucht das Auge plötzlich deutlich länger, um sich anzupassen. Dieses ungewöhnliche Muster führte Forscher auf die Spur einer bislang unbekannten erblichen Netzhauterkrankung.

Ein internationales Team unter Federführung des Universitätsklinikums Bonn und der Universität Bonn fand eine seltene Veränderung im Gen EFEMP1. Sie beeinträchtigt vor allem die Stäbchen – jene Sinneszellen, die uns in der Dämmerung und nachts sehen lassen. Besonders bemerkenswert: Ihre Funktion kann bereits deutlich gestört sein, obwohl Ärzte noch keine sichtbaren Schäden an der Netzhaut erkennen.

Für die Studie, die im Fachjournal JAMA Ophthalmology erschien, untersuchten die Forscher drei nicht miteinander verwandte Familien aus den USA, der Schweiz und Tschechien. Die Erkrankung trat vergleichsweise spät auf und folgte einem auffälligen Muster: Vor allem die äußeren Bereiche der Netzhaut verloren an Funktion, während die Makula im Zentrum lange relativ gut erhalten blieb.

Nachtblindheit bleibt trotz normaler Sehschärfe lange verborgen

Wie früh sich die neue Erkrankung funktionell bemerkbar machen kann, ließ sich in einer der Familien besonders gut beobachten. Fünf Angehörige zwischen 50 und 58 Jahren wurden untersucht. Vier trugen die EFEMP1-Variante. Bei allen vier erholte sich das Nachtsehen nach hellem Licht ungewöhnlich langsam. Der einzige Angehörige ohne die Variante zeigte diese Auffälligkeit nicht.

Noch deutlicher wurde das Muster bei einem Betroffenen, dessen Netzhaut an den untersuchten Stellen äußerlich noch intakt erschien. Je weiter die Forscher vom Zentrum der Netzhaut nach außen gingen, desto stärker verzögerte sich die Dunkeladaptation:

  • bei 8 Grad um 4,6 Minuten,
  • bei 15 Grad um 7,5 Minuten,
  • bei 30 Grad um 10,2 Minuten,
  • bei 46 Grad ließ sich selbst innerhalb von 60 Minuten keine Erholung der Stäbchen mehr messen.

Damit nahm die Störung zur Netzhautperipherie deutlich zu.

Dunkeladaptation könnte die Erkrankung besonders früh verraten

„Einer der auffälligsten Befunde ist, dass die Netzhautfunktionsstörung eindeutig der sichtbaren strukturellen Degeneration vorausgeht“, sagt Artur V. Cideciyan von der University of Pennsylvania.

Das könnte für die Früherkennung entscheidend sein. Bei mehreren Genträgern war die Zellschicht mit den Fotorezeptoren in den untersuchten Bereichen noch erhalten. Trotzdem brauchten ihre Stäbchen deutlich länger, um sich nach hellem Licht wieder an Dunkelheit anzupassen. In der ersten Familie lagen die Verzögerungen bei Messungen weiter außen auf der Netzhaut zwischen 4,0 und 10,5 Minuten.

Die Autoren sehen darin einen möglichen Zeitraum, in dem die Erkrankung funktionell bereits nachweisbar ist, bevor größere Mengen an Fotorezeptoren verloren gegangen sind. Ob sich daraus eines Tages tatsächlich ein therapeutisches Zeitfenster ergibt, ist allerdings noch offen.

Dieselbe Genfamilie – aber ein fast umgekehrtes Krankheitsbild

Das Gen EFEMP1 war Augenärzten bereits bekannt. Eine andere Variante dieses Gens, p.Arg345Trp, verursacht die sogenannte Doyne-Waben-Retinopathie oder Malattia Leventinese. Diese Erkrankung betrifft vor allem den zentralen Bereich der Netzhaut rund um die Makula.

Bei p.Arg140Trp verteilt sich die Schädigung nahezu umgekehrt. Die Probleme beginnen überwiegend weiter außen, während die Makula und damit das zentrale scharfe Sehen lange vergleichsweise gut erhalten bleiben können. Genau dieser Gegensatz half den Forschern, die neue Form von bereits bekannten EFEMP1-Erkrankungen abzugrenzen.

Auch der Beginn unterschied sich zwischen den Betroffenen. In einer Familie trat die Nachtblindheit erst in den 50er-Jahren auf und ging später mit einem fortschreitenden Verlust des Gesichtsfelds einher. Bei zwei weiteren Genträgern begannen die Beschwerden mit etwa 40 beziehungsweise 55 Jahren. Bei einem 69-Jährigen war die Netzhaut bereits großflächig geschädigt, während im Zentrum noch eine kleine erhaltene Makula-Insel übrig war.

Verändertes Protein bleibt stärker in den Zellen hängen

Auch im Labor fanden die Forscher Hinweise darauf, was die Genvariante in den Zellen verändert. EFEMP1 liefert normalerweise den Bauplan für ein Protein, das von den Zellen abgegeben wird und zur Umgebung zwischen den Zellen gehört.

Die Variante p.Arg140Trp störte diesen Ablauf. Mehr von dem veränderten Protein blieb innerhalb der Zellen zurück. Gleichzeitig bildete es häufiger größere Proteinverbände und wurde schlechter nach außen abgegeben. Die Versuche sprechen dafür, dass die Mutation die normale Faltung und das Zusammenspiel der Proteinmoleküle verändert. Wie daraus schließlich das besondere Schadensmuster in der Netzhaut entsteht, ist noch ungeklärt.

„Was diese Entdeckung ermöglichte, war die Zusammenführung von Beobachtungen, die für sich genommen leicht als zufällige genetische Variation hätten interpretiert werden können“, sagt Erstautorin Chloe M. Stanton von der Universität Edinburgh.

Wie groß die Bedeutung der neu beschriebenen Erkrankung ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Die Fallserie umfasst lediglich drei nicht miteinander verwandte Familien. Größere Untersuchungen müssen nun klären, wie häufig die Variante tatsächlich zu Erkrankungen führt, wie unterschiedlich diese verlaufen und ob sich aus der frühen Funktionsstörung eines Tages eine Möglichkeit für eine Behandlung ableiten lässt.

Kurz zusammengefasst:

  • Nachtblindheit kann bei einer seltenen erblichen Netzhauterkrankung auftreten, obwohl Sehschärfe und Augenhintergrund zunächst unauffällig bleiben.
  • Die Stäbchen verlieren ihre Funktion offenbar früher als Netzhautzellen sichtbar geschädigt werden.
  • Ursache ist die seltene EFEMP1-Variante p.Arg140Trp – bisher wurde sie nur bei drei nicht miteinander verwandten Familien untersucht.

Übrigens: Bei einer anderen Netzhauterkrankung konnten Wissenschaftler bereits verlorenes Sehen teilweise zurückbringen. Ein nur zwei Millimeter großes Implantat half Menschen mit fortgeschrittener Makuladegeneration wieder beim Lesen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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