Otrovertiert: Warum manche Menschen nicht dazugehören wollen

Nicht einsam, aber gern unabhängig: Otrovertierte fühlen sich in Gruppen selten zu Hause. Ob sie einen eigenen Persönlichkeitstyp bilden, ist offen.

Otrovertierte Menschen können Nähe genießen, ohne sich einer festen Gruppe zugehörig zu fühlen. © Pexels

Otrovertierte Menschen können Nähe genießen, ohne sich einer festen Gruppe zugehörig zu fühlen. © Pexels

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Seit Jahrtausenden sichern Gruppen Nahrung, Schutz und Überleben. Umso ungewöhnlicher wirken Menschen, die Nähe mögen, Freundschaften pflegen und trotzdem keiner Clique, Partei oder Gemeinschaft angehören möchten. Sie sind nicht zwingend schüchtern oder einsam. Oft fehlt ihnen schlicht das Bedürfnis, ihre Identität aus einer Gruppe abzuleiten.

Sie können freundlich, empathisch und kontaktfreudig sein. Trotzdem bewahren sie eine innere Distanz zu festen Gemeinschaften. Der New Yorker Psychiater Rami Kaminski nennt solche Menschen „otrovertiert“. Das Kunstwort verbindet das spanische „otro“ für „anders“ mit einer Endung, die eine innere Ausrichtung beschreibt. Bekannt wurde die Idee durch sein Buch „Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“, über das DIE WELT berichtet. Kaminski versteht diese Haltung nicht als Störung, sondern als Form persönlicher Unabhängigkeit. Wissenschaftlich bestätigt ist Otroversion als eigener Persönlichkeitstyp bislang allerdings nicht.

Warum Nähe nicht automatisch Zugehörigkeit bedeutet

Kaminski führt seine Überlegungen auf einen Patienten zurück, der ihm besonders in Erinnerung blieb. Der 18-Jährige hatte bereits mehrere Jahre in psychiatrischen Kliniken verbracht. Ärzte hatten bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Zuvor vermutete ein Schulpsychologe Autismus. Im Gespräch erlebte Kaminski den jungen Mann jedoch als aufmerksam, freundlich und geistig rege. Er interessierte sich für Science-Fiction, Modellflugzeuge und alte Radios.

Die Eltern berichteten, ihr Sohn ziehe sich häufig in sein Zimmer zurück. Dort bastelte er stundenlang allein. Kaminski deutete dieses Verhalten nicht als krankhafte Isolation. Der Jugendliche habe vor allem Ruhe und Abstand zu Gleichaltrigen gebraucht. Nach Darstellung des Psychiaters wurden die Medikamente abgesetzt. Später begann der junge Mann eine Ausbildung und leitete schließlich eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung.

Ein Rückzug wurde jahrelang als Krankheit gedeutet

Der Fall prägte Kaminskis weitere Arbeit. Er beschäftigte sich fortan verstärkt mit Menschen, die soziale Kontakte mögen, sich aber nicht selbstverständlich einer Gemeinschaft zuordnen. Ihnen fehlt nach seiner Beschreibung kein Einfühlungsvermögen. Viele können gut zuhören, Freundschaften pflegen und Nähe zulassen. An Gruppendynamiken, gemeinsamen Identitäten oder dem Gefühl eines „Wir“ haben sie jedoch wenig Interesse.

Damit grenzt Kaminski Otroversion von Introversion ab. Introvertierte Menschen benötigen häufig Erholung nach sozialen Kontakten und bevorzugen eine reizärmere Umgebung. Otrovertierte können dagegen durchaus gesellig auftreten. Ihr Abstand betrifft vor allem die Zugehörigkeit. Sie möchten nicht Teil eines Vereins, einer Clique, einer politischen Bewegung oder einer anderen festen Gemeinschaft werden.

Otrovertiert ist bislang kein anerkannter Persönlichkeitstyp

Solche Beschreibungen reichen jedoch nicht aus, um einen neuen Persönlichkeitstyp wissenschaftlich zu belegen. Eva Asselmann, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University Potsdam, ordnet den Begriff zurückhaltend ein. „Wissenschaftlich betrachtet ist Otroversion bislang kein validiertes Persönlichkeitskonstrukt“, sagt sie laut WELT.

Es gibt bisher keinen anerkannten Test und keine größeren Untersuchungen, die Otroversion als eigenständige Eigenschaft bestätigen. Mehrere bekannte Merkmale könnten sich darin überschneiden. Dazu gehören geringe Extraversion, hohe Offenheit, ein starkes Autonomiebedürfnis oder bestimmte Bindungsmuster. Im Big-Five-Modell ließe sich Otroversion daher eher als Kombination mehrerer Eigenschaften verstehen.

Ein neuer Name trifft ein bekanntes Lebensgefühl

Trotz der fehlenden wissenschaftlichen Bestätigung findet der Begriff große Aufmerksamkeit. Viele Menschen erkennen darin ein Gefühl, das sie seit Jahren begleitet. Sie sind sozial eingebunden, haben Freunde und kommen im Alltag gut zurecht. Dennoch empfinden sie keine feste Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Kaminskis Begriff liefert dafür eine einfache Bezeichnung.

Auch Bestsellerautorin Susanne Kaloff erkannte sich in der Beschreibung wieder. In der Brigitte schrieb sie: „Ich habe, bis auf eine einzige Ausnahme, immer nur zu mir gehört.“ Gruppen hätten sie nie angezogen. Vielmehr seien sie für sie oft mit Unbehagen verbunden gewesen. Solche Erfahrungen kennen Menschen, die weder einsam noch sozial ängstlich sind, aber dennoch lieber außerhalb fester Gemeinschaften bleiben.

Soziale Netzwerke erhöhen den Druck zur Zugehörigkeit

Asselmann erklärt die starke Resonanz mit einer Kultur permanenter Vernetzung. Soziale Präsenz gilt heute häufig als Zeichen von Erfolg, Gesundheit und Kompetenz. Digitale Plattformen machen Zugehörigkeit zudem öffentlich sichtbar. Likes, Follower, Gruppen und Reaktionen erzeugen den Eindruck, soziale Einbindung lasse sich messen.

Wer wenig postet, keine Community pflegt oder Einladungen ablehnt, wirkt schnell unnahbar. Doch viele Kontakte schaffen nicht automatisch Verbundenheit. Umgekehrt muss häufiges Alleinsein keine Einsamkeit bedeuten. „Das Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Nicht-Zugehörigkeit ist kein Defizit“, so Asselmann.

Der Anpassungsdruck beginnt bereits auf dem Spielplatz

Kaminski sieht den Druck zur Gemeinschaft schon in der Kindheit. Kinder sollen in der Kita gemeinsam spielen. In der Schule gehören Gruppenarbeiten zum Alltag. Eltern fordern ihr Kind auf dem Spielplatz häufig dazu auf, zu den anderen zu gehen. Dabei baut es vielleicht gerade zufrieden allein im Sand.

Später kommen Geburtstage, Partys, Vereine, Kollegenkreise und berufliche Netzwerke hinzu. Wer solche Rituale nicht mag, muss sich oft erklären. Einzelgänger gelten schnell als schwierig. Ruhige Menschen werden als schüchtern eingeordnet. Der Begriff otrovertiert bietet eine andere Lesart: Abstand erscheint nicht als Schwäche, sondern als freiwillige Entscheidung.

Im Beruf rauben Meetings oft besonders viel Kraft

Kaminski überträgt seine Theorie auch auf die Arbeitswelt. Otrovertierte Menschen ermüden seiner Ansicht nach besonders durch ständige Abstimmungen, Statuskämpfe und bloße Anwesenheitspflichten. Sie bevorzugen Aufgaben mit klaren Zuständigkeiten, viel Eigenverantwortung und ausreichend Ruhe.

Daraus lässt sich jedoch kein bestimmter Idealberuf ableiten. Kreative, beratende oder selbstständige Tätigkeiten könnten gut passen. Ebenso wichtig ist ein Arbeitsumfeld, das konzentriertes Arbeiten erlaubt. Permanente Meetings und erzwungene Teamrituale können für Menschen mit starkem Autonomiebedürfnis belastender sein als die eigentliche Aufgabe.

Ein neues Etikett kann auch in die Irre führen

Der Begriff birgt zugleich ein Risiko. Menschen könnten normale Widersprüche vorschnell als feste Identität betrachten. Wer eine Feier absagt oder lieber allein arbeitet, ist deshalb nicht automatisch otrovertiert. Auch Rückzug kann viele Ursachen haben. Angst, Erschöpfung, Depressionen oder schlechte soziale Erfahrungen gehören dazu.

Ein neues Persönlichkeitslabel darf daher keine fachliche Abklärung ersetzen. Kaminski selbst wehrt sich gegen eine starre Einordnung. „Otroversion ist kein Etikett“, schreibt er auf Instagram. Die Bezeichnung solle Menschen nicht in eine neue Gruppe pressen. Sie soll ihnen vielmehr erlauben, ohne schlechtes Gewissen außerhalb fester Gemeinschaften zu leben.

Ein tiefes Gespräch kann eine ganze Clique ersetzen

Für Menschen, die sich in Kaminskis Beschreibung wiedererkennen, entsteht Nähe häufig im direkten Kontakt. Eine einzelne Freundschaft kann wichtiger sein als ein großer Bekanntenkreis. Ein langes Gespräch bedeutet mehr als ein volles Adressbuch. Rückzug schenkt ihnen Ruhe, Konzentration und das Gefühl, bei sich zu bleiben.

Zugehörigkeit bleibt für sie möglich, aber sie wird nicht zur Pflicht. „Nicht jeder Mensch erlebt Zugehörigkeit auf die gleiche Weise, und nicht jede Distanz bedeutet automatisch Einsamkeit“, sagt Asselmann. Manche Menschen leben gern mit anderen. Sie möchten sich nur nicht über eine Gruppe definieren.

Kurz zusammengefasst:

  • Otrovertierte Menschen mögen Nähe und soziale Kontakte, möchten ihre Identität aber nicht aus einer Clique, Partei oder anderen festen Gemeinschaft ableiten.
  • Otroversion gilt bislang nicht als wissenschaftlich bestätigter Persönlichkeitstyp, sondern überschneidet sich vermutlich mit bekannten Merkmalen wie geringer Extraversion, hoher Offenheit und starkem Autonomiebedürfnis.
  • Freiwilliger Rückzug bedeutet nicht automatisch Einsamkeit oder eine psychische Störung; belastend wird er vor allem dann, wenn Angst, Depressionen oder soziale Ausgrenzung dahinterstehen.

Übrigens: Nicht nur Menschen mit starkem Autonomiebedürfnis ziehen sich aus Gruppen zurück – auch das erste Kind kann Kultur, Sport und soziale Kontakte für Jahre aus dem Alltag drängen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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