Folgen eines Kindheitstraumas: Forscher entdecken gegensätzliche Reaktionen bei Männern und Frauen
Frühe Belastungen verändern Verhalten und Gehirn bei männlichen und weiblichen Mäusen unterschiedlich. Was das für künftige Traumatherapien bei Menschen bedeuten könnte.
Forscher haben im Mausmodell herausgefunden, dass frühe Belastungen das Gehirn von Männern und Frauen offenbar auf unterschiedliche Weise prägen. Wie sehr sich das auf Menschen übertragen lässt, muss weiter erforscht werden. © Pexels
Ein frühkindliches Trauma kann Folgen haben, die weit über die ersten Lebensjahre hinausreichen. Belastungen in Kindheit und Jugend gelten als wichtiger Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen in späteren Jahren. Wie Kindheitstraumata das Gehirn prägen, könnte jedoch auch stark vom biologischen Geschlecht abhängen. Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, der McGill University in Montréal und der Université Côte d’Azur hat dafür Verhalten, Hirnaktivität und Genregulation untersucht. Grundlage war ein Mausmodell mit Belastungen vor und kurz nach der Geburt. Die Arbeit erschien Ende August 2026 im Fachjournal PNAS.
„In dieser Studie haben wir gelernt, wie sehr das Geschlecht die langfristige Auswirkung von frühem Trauma auf das Gehirn prägt“, sagt Erstautorin Sowmya Narayan. Die Unterschiede fielen bereits im Verhalten auf. Sowohl männliche als auch weibliche Tiere rutschten nach frühem Stress in der sozialen Rangordnung nach unten. Danach gingen die Reaktionen bei den Geschlechtern auseinander.
Gestresste Männchen bewegten sich starrer und wiederholten bestimmte Abläufe häufiger. Zudem interessierten sie sich weniger für süße Belohnungen. Bei einer nächtlichen Belohnungsaufgabe machten gestresste Männchen häufiger Fehler – ein Verhalten, das die Wissenschaftler als Hinweis auf erhöhte Impulsivität werteten. Weibchen blieben flexibler und fraßen mehr süße Pellets als unbelastete Vergleichstiere. Das alles spricht für unterschiedliche Veränderungen der Belohnungsverarbeitung.
Stress kann schon im Mutterleib prägen
Der Belastungstest begann schon vor der Geburt. Tragende Mäuse erhielten während eines Abschnitts der Schwangerschaft Corticosteron, ein Stresshormon. Nach der Geburt stand den Muttertieren und Jungen zwischen dem zweiten und neunten Lebenstag deutlich weniger Nest- und Einstreumaterial zur Verfügung als den Tieren aus der Vergleichsgruppe. Ab einem Alter von acht Wochen untersuchte das Team die Mäuse im jungen Erwachsenenalter.
Für die Verhaltensanalyse nutzte das Team KI-gestütztes Video-Tracking und maschinelles Lernen. Dadurch ließen sich kleine Muster erfassen, die in klassischen Tests leicht übersehen werden. Bei männlichen Mäusen sank nach der frühen Belastung die sogenannte Verhaltensentropie. Vereinfacht heißt das: Ihr Verhalten wechselte weniger flexibel zwischen verschiedenen Zuständen. Weibliche Tiere behielten dagegen eine größere Bandbreite an Verhaltensmustern. Auch bei Motivation und Belohnung liefen die Reaktionen auseinander: Gestresste Männchen zeigten weniger Interesse an süßen Pellets, während gestresste Weibchen davon sogar mehr fraßen als die Kontrolltiere.
Im Gehirn laufen die Reaktionen der Geschlechter auseinander
Auffällig waren die Aufnahmen der Hirnaktivität. Über eine Woche hinweg erfasste das Team mit manganverstärkter Magnetresonanztomografie Aktivitätsmuster im gesamten Gehirn. Bei gestressten Männchen stieg die Aktivität in mehreren Regionen, die an Stress- und Emotionsverarbeitung beteiligt sind. Bei Weibchen nahm sie in vielen dieser Bereiche eher ab. Dazu gehörten unter anderem die Amygdala, der sogenannte Bed Nucleus of the Stria Terminalis, kurz BNST, und der Nucleus accumbens.
Auch die Kommunikation zwischen den Hirnregionen entwickelte sich verschieden. Bei männlichen Tieren nahm die funktionelle Vernetzung nach frühem Stress ab. Weibliche Tiere wiesen dagegen stärkere und dichtere Verbindungen auf.
Das Team analysierte auch die Genexpression in zehn Hirnregionen, also welche Gene dort besonders stark oder schwach aktiv waren. Im Nucleus accumbens und im BNST verlief die Regulation bestimmter Gene bei Männchen und Weibchen sogar in entgegengesetzte Richtungen. Die veränderte Genaktivität betraf bei Männchen eher Stoffwechselprozesse, bei Weibchen stärker synaptische Signalwege und Plastizität. Einige dieser molekularen Muster standen mit den beobachteten Verhaltensunterschieden in Zusammenhang, ein direkter Ursache-Wirkungs-Nachweis gelang jedoch nicht.
Zwei Hirnregionen könnten den Weg zu besseren Therapien weisen
Gerade Nucleus accumbens und BNST hält Studienleiter Mathias Schmidt vom Max-Planck-Institut für biologisch besonders interessant. Der Nucleus accumbens gehört zum Belohnungssystem, der BNST ist unter anderem an Angst- und Stressreaktionen beteiligt. Veränderungen der Genregulation beeinflussen über die Bildung von Proteinen wiederum die Funktion von Nervenzellen und ihre Anpassungsfähigkeit. Hirnaktivität und Genregulation seien deshalb „direkt miteinander verbunden“, erklärt Schmidt gegenüber SMART UP NEWS.
Für Untersuchungen am Menschen sieht er vor allem die Hirnaktivität als möglichen Ansatzpunkt. Anders als die Genexpression lässt sie sich zu Lebzeiten mit bildgebenden Verfahren erfassen. MRT-Messungen könnten deshalb langfristig helfen, biologische Merkmale zu finden, die mit einem erhöhten Risiko für Depressionen oder Angststörungen zusammenhängen. Ob sich daraus tatsächlich verlässliche diagnostische oder prognostische Erkenntnisse entwickeln lassen, müssten jedoch weitere Untersuchungen klären.
Abgleich mit menschlichen Daten zeigt nur geringe Übereinstimmungen
Für einen ersten Abgleich mit menschlichen Mechanismen griff das Team auf vorhandene Daten aus dem Gehirngewebe Verstorbener mit schwerer Depression zurück. Auch dort fanden sich geschlechtsspezifische Muster in der Genregulation. Grundsätzlich seien Mäuse hervorragende Modellorganismen, sagt Schmidt. Viele neurobiologische Mechanismen seien zwischen den Spezies vergleichbar, besonders das physiologische Stresssystem funktioniere sehr ähnlich.
Dennoch blieb die Übereinstimmung der Daten von Maus und Mensch insgesamt gering. Für einen belastbaren Nachweis beim Menschen brauche es deshalb weitere Untersuchungen. „Um die bei Mäusen beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschiede direkt beim Menschen zu bestätigen, sind vor allem translationale Bildgebungsstudien von Männern und Frauen mit dokumentierten frühen Belastungserfahrungen nötig“, sagt Schmidt. Hinzukommen müssten gezielte Untersuchungen von menschlichem Hirngewebe nach dem Tod sowie klinische Studien mit einem Fokus auf Belohnungsverarbeitung und Verhaltensflexibilität. So könnten biologische Veränderungen mit konkreten Symptomen verknüpft werden.
Aus den bisherigen Ergebnissen lassen sich daher keine individuellen psychischen Folgen vorhersagen. Das Mausmodell bildet bestimmte Formen früher Belastung nach, ersetzt aber keine Untersuchung von Menschen mit tatsächlichen Kindheitserfahrungen.
Geschlechtsunterschiede könnten in der Behandlung künftig wichtiger werden
Offen bleibt zudem, wodurch die Unterschiede entstehen. Die Versuche konnten nicht trennen, welchen Anteil Hormone, Geschlechtschromosomen oder weitere Faktoren auf Gehirn und Verhalten haben. Darauf weisen auch die Autoren ausdrücklich als Einschränkung hin. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass frühe Belastungen bei Männchen und Weibchen unterschiedliche neuronale Schaltkreise und molekulare Signalwege aktiviert“, sagt Narayan.
Für Schmidt sprechen die Ergebnisse dennoch dafür, das Geschlecht künftig stärker in der Psychiatrie zu berücksichtigen. Seine Arbeitsgruppe und andere Forschungsteams hätten inzwischen zahlreiche biologische Unterschiede bei der Verarbeitung von Stress und frühen Belastungen gefunden. „Ein einheitlicher ‚One-size-fits-all‘-Ansatz greift schlichtweg zu kurz, wenn dieselbe frühe Belastung in männlichen und weiblichen Gehirnen derart gegensätzliche Anpassungs- und Risikomechanismen in Gang setzt“, sagt Schmidt.
Das bedeutet allerdings noch nicht, dass Männer und Frauen mit Kindheitstraumata heute bereits grundsätzlich unterschiedlich behandelt werden können. Bis solche Befunde in konkrete Therapien einfließen, sei es „noch ein weiter Weg“, räumt Schmidt ein. Die Ergebnisse lieferten aber eine Grundlage dafür, geschlechtsspezifische Biomarker zu untersuchen und Behandlungen stärker an den jeweiligen biologischen Mechanismen auszurichten. „Diese Arbeit stellt klassische, männerzentrierte Interpretationen stressbedingter Psychopathologie in Frage“, sind sich Schmidt und Elisabeth Binder in ihrem Fazit einig.
Kurz zusammengefasst:
- Frühe Belastungen können das Verhalten und die Hirnfunktion langfristig verändern – in der Studie entwickelten männliche und weibliche Mäuse dabei teils gegensätzliche Reaktionen.
- Besonders Unterschiede bei Belohnungsverarbeitung, Verhaltensflexibilität, Hirnaktivität und Genexpression deuten darauf hin, dass Stress je nach Geschlecht über verschiedene biologische Wege wirken kann.
- Die Ergebnisse stammen überwiegend aus einem Mausmodell; erste Vergleiche mit menschlichem Hirngewebe liefern Hinweise, erlauben aber noch keine direkten Aussagen über die Folgen von Kindheitstraumata beim Menschen.
Übrigens: Frühere Forschungen desselben Max-Planck-Teams fanden bei männlichen Mäusen bereits ein Stressprotein, das langfristige soziale Folgen früher Belastungen mitsteuern könnte. Ein Wirkstoff verhinderte bei den belasteten Mäusen die späteren sozialen Auffälligkeiten – mehr dazu in unserem Artikel.
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