Eine Partnerschaft kann dunkle Persönlichkeitszüge abschwächen

Eine Langzeitstudie mit 1.925 Paaren belegt: Gute Partnerschaften können Narzissmus und andere dunkle Persönlichkeitszüge mildern.

Misstrauen und Distanz können Beziehungen belasten – besonders bei stark ausgeprägtem Narzissmus und anderen dunklen Persönlichkeitszügen. © Pexels

Misstrauen und Distanz können Beziehungen belasten – besonders bei stark ausgeprägtem Narzissmus und anderen dunklen Persönlichkeitszügen. © Pexels

Was passiert, wenn ein Mensch ständig Bewunderung braucht, andere ausnutzt oder wenig Mitgefühl zeigt? Im Alltag einer Beziehung kann daraus ein zermürbendes Muster entstehen. Streit eskaliert schneller, Nähe nimmt ab und Vertrauen schwindet. Doch eine Partnerschaft wirkt offenbar auch zurück auf die Persönlichkeit. Positive Erfahrungen können Narzissmus und andere dunkle Eigenschaften mit der Zeit abschwächen.

Psychologinnen und Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena werteten dafür Daten von 1.925 Paaren aus. Die Angaben stammen aus der deutschen Langzeitstudie „pairfam“. Die Ergebnisse erschienen im Fachmagazin Journal of Personality and Social Psychology. Zu Beginn waren die Befragten im Durchschnitt rund 36 Jahre alt. Drei Befragungen im Abstand von jeweils zwei Jahren erfassten die Entwicklung über etwa vier Jahre.

Wenn Bewunderung wichtiger wird als Nähe

Untersucht wurden Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. In der Psychologie bilden diese Merkmale die sogenannte dunkle Triade. Narzissmus umfasst unter anderem Selbstüberhöhung und ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung. Machiavellismus beschreibt manipulatives Verhalten und das Ausnutzen anderer. Psychopathische Züge äußern sich etwa durch Rücksichtslosigkeit und wenig Mitgefühl.

Solche Eigenschaften bedeuten nicht automatisch eine psychische Erkrankung. Sie kommen bei vielen Menschen in unterschiedlicher Stärke vor. „Jeder von uns trägt diese Persönlichkeitseigenschaften in unterschiedlichen Ausprägungen in sich. In der Regel nehmen sie keine pathologischen Dimensionen an“, erklärt die Jenaer Psychologin Anna Braig.

Dunkle Züge machen den Beziehungsalltag rauer

Stärker ausgeprägte dunkle Eigenschaften gingen mit weniger Zufriedenheit und schwächerer Bindung einher. Zugleich erwarteten die Betroffenen häufiger eine Gegenleistung für das eigene Verhalten. Auch verbale Aggression trat öfter auf. Damit veränderte sich nicht nur das eigene Erleben. Teilweise litt auch die Beziehungseinschätzung des Partners.

Besonders problematisch ist die Erwartung ständiger Gegenseitigkeit. Zuneigung, Unterstützung oder Kompromisse werden dann schneller zu einer Art Tauschgeschäft. Wer etwas gibt, verlangt dafür eine direkte Gegenleistung. In belasteten Beziehungen kann das Misstrauen verstärken und Konflikte verschärfen.

Eine gute Beziehung wirkt auf die Persönlichkeit zurück

Die Entwicklung verlief nicht nur von der Persönlichkeit zur Beziehung. Verbesserte sich die Partnerschaft, nahmen dunkle Eigenschaften teilweise ebenfalls ab. Zufriedenheit, Verlässlichkeit und eine stärkere Bindung gingen mit günstigeren Veränderungen bei den untersuchten Merkmalen einher.

Braig beschreibt diesen wechselseitigen Prozess so: „Persönlichkeit und Beziehung entwickeln sich nicht unabhängig voneinander. Vielmehr beeinflussen sie sich wechselseitig.“ Damit erfasst die Untersuchung nicht nur feste Charakterzüge. Sie betrachtet Persönlichkeit als etwas, das sich auch durch wiederkehrende Erfahrungen in einer Partnerschaft verändern kann.

Warum Narzissmus die Beziehung besonders stark prägt

Unter den drei untersuchten Eigenschaften zeigte Narzissmus die beständigsten Verbindungen zur Beziehungsentwicklung. Eine stärkere Ausprägung ging häufiger mit weniger Zufriedenheit und schwächerer Bindung einher. Gleichzeitig reagierte Narzissmus offenbar stärker auf positive Veränderungen innerhalb der Partnerschaft als Machiavellismus oder psychopathische Züge.

Das betrifft jedoch keine diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung. Untersucht wurden unterschiedlich starke Merkmale in der Allgemeinbevölkerung. Eine Partnerschaft ersetzt deshalb keine Psychotherapie und behandelt keine klinische Erkrankung.

Rücksicht und Verlässlichkeit verändern Gewohnheiten

Eine stabile Beziehung kann langfristig Verhaltensweisen fördern, die Konflikte entschärfen. Dazu gehören mehr Rücksicht, verlässlichere Absprachen und ein geringeres Bedürfnis, sich ständig durchzusetzen. Solche Erfahrungen können alte Muster allmählich abschwächen.

Der Jenaer Persönlichkeitspsychologe Franz Neyer formuliert es zugespitzt: „Man kann an einer Beziehung wachsen und sich damit sozial erwünschter entwickeln. Partnerschaft stellt hierbei schon eine Art Therapie dar.“ Gemeint ist damit ein sozialer Lernprozess und keine medizinische Behandlung.

Beide Partner prägen die Entwicklung

Die Angaben beider Partner ermöglichten einen Blick auf sogenannte Akteur- und Partnereffekte. Damit ließ sich unterscheiden, wie sich eine Eigenschaft auf die eigene Wahrnehmung auswirkte und wie sie das Gegenüber beeinflusste. Veränderungen blieben also nicht auf eine Person beschränkt.

Ein Rückgang dunkler Eigenschaften konnte mit mehr Zufriedenheit beim Partner verbunden sein. Umgekehrt konnten Konflikte, Aggression und geringe Bindung ungünstige Persönlichkeitszüge weiter verstärken. So können sich positive wie negative Muster über Jahre gegenseitig aufschaukeln.

Vier Jahre liefern starke Hinweise, aber keinen Beweis

Die Daten erfassen langfristige Veränderungen über rund vier Jahre. Eine sichere Ursache lässt sich daraus trotzdem nicht ableiten. Weitere Faktoren könnten Persönlichkeit und Beziehung zugleich beeinflussen. Dazu zählen etwa beruflicher Stress, finanzielle Probleme, Kinder oder gesundheitliche Belastungen.

Auch Selbstauskünfte haben Grenzen. Menschen schätzen das eigene Verhalten nicht immer vollständig oder objektiv ein. Die große Stichprobe und die wiederholten Befragungen liefern dennoch belastbare Hinweise auf eine wechselseitige Entwicklung.

Kurz zusammengefasst:

  • Narzissmus, Machiavellismus und psychopathische Züge gehen häufig mit weniger Beziehungszufriedenheit, schwächerer Bindung und mehr verbaler Aggression einher.
  • Eine positive Partnerschaft kann diese dunklen Persönlichkeitszüge mit der Zeit abschwächen, besonders den Narzissmus.
  • Die Ergebnisse beruhen auf 1.925 Paaren über rund vier Jahre, belegen aber keine sichere Ursache und ersetzen keine Psychotherapie.

Übrigens: Während eine gute Partnerschaft narzisstische Züge abschwächen kann, entstehen sie offenbar häufig schon durch genetische Veranlagung und individuelle Erfahrungen. Die gemeinsame Erziehung erklärt laut einer großen Familienstudie deutlich weniger als lange angenommen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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