Gewalt im Feed: Was Kriegsbilder in Social Media mit der Psyche Jugendlicher machen
Der Krieg landet meist ungefragt im Feed. Eine Studie zeigt, wie schwer Kriegsbilder in den Sozialen Medien Jugendliche psychisch belasten.
Je stärker Jugendliche das Leid anderer körperlich mitempfinden, desto eher können Kriegsbilder auf Social Media zu innerer Anspannung, Schlafproblemen oder ungewollten Erinnerungsbildern führen. © Pexels
Ein kurzer Griff zum Smartphone, ein paar Sekunden Scrollen, dann taucht plötzlich ein Video aus einem Kriegsgebiet auf. Rauch, Schreie, Verletzte, zerstörte Straßen. Viele Jugendliche suchen solche Bilder nicht aktiv. Sie landen trotzdem in ihrem Feed. Für Jugendliche und ihre Psyche entsteht damit eine riskante Mischung: Gewaltbilder wirken nicht wie eine normale Nachricht, sondern können sich körperlich und emotional festsetzen und damit posttraumatischen Stress auslösen.
Eine Untersuchung der Universität Regensburg und der medbo Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie macht diese Belastung deutlich. Befragt wurden 2000 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 21 Jahren in Deutschland. 1860 von ihnen hatten bereits Kriegs- oder Gewaltdarstellungen in sozialen Medien gesehen. Das entspricht 93 Prozent. Besonders auffällig: 56 Prozent der Jugendlichen kamen unfreiwillig über ihre Feeds mit solchen Inhalten in Kontakt.
Bilder von Krieg und Zerstörung wirken schwer belastend
Die Zahlen aus der Befragung zeigen, wie stark solche Inhalte nachwirken können. Von den Jugendlichen, die Kriegsbildern oder Gewaltvideos ausgesetzt waren, berichteten 26,1 Prozent danach bestimmte Inhalte, Gespräche oder Situationen gemieden zu haben . 21,7 Prozent erlebten im Nachhinein belastende Bilder oder Gedanken, die sich aufdrängten. 14,7 Prozent fühlten sich innerlich stärker angespannt. 10,6 Prozent nannten Schlafprobleme als Folge.
All diese Reaktionen bedeuten nicht automatisch, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Aber die Psyche und der Körper gehen in Alarmbereitschaft. Manche Jugendliche schaffen es, wegzuklicken, andere bleiben hängen. Der Kopf spielt Szenen wieder und wieder ab.
Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Kriegsbilder mehr auslösen als nur einen kurzen Schreck und dass viele Jugendliche posttraumatische Stresssymptome wie Albträume, Flashbacks oder Vermeidungsverhalten entwickeln.
Was Jugendliche besonders verletzlich macht
Im Umgang mit erschreckenden Inhalten kommt es darauf an, ob Jugendliche ihre eigenen Gefühle einordnen können. Wer merkt, dass Angst, Wut oder Hilflosigkeit gerade durch ein Video ausgelöst wurden, kann eher Abstand gewinnen. Bei schwächerer emotionaler Bewusstheit oder Orientierung fällt das schwerer. Dann bleibt nur ein unangenehmes Körpergefühl, ohne dieses klar einordnen zu können.
Ein weiterer wichtiger Teil bei der Verarbeitung von Gewalt und Zerstörung betrifft die sogenannte somatische Empathie. Gemeint ist hier nicht nur das Mitgefühl im alltäglichen Sinn, sondern die Fähigkeit, den körperlichen Zustand anderer Menschen unmittelbar mitzuempfinden. Wer Leid wie am eigenen Körper fühlt, reagiert auch auf Kriegsbilder intensiver.
Die Regensburger Ergebnisse sehen einen Zusammenhang zwischen der psychischen Belastung durch brutale Bilder und hoher körperlicher Empathie sowie geringer emotionaler Orientierung. Wer sich gut abgrenzen und die eigenen Gefühle gut erkennen und einordnen kann, verarbeitet belastende Inhalte besser und entwickelt seltener Symptome.
Krieg statt Sozialkontakte
Prof. Romuald Brunner, Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Universität Regensburg, ordnet die Befunde mit Blick auf den Alltag ein: „Soziale Medien sind ein fester Bestandteil des Alltags vieler junger Menschen und eine wichtige Quelle für Informationen über das Weltgeschehen.“ So treffen Bilder aus Krisenregionen Jugendliche dort, wo sie eigentlich Unterhaltung, Kontakt oder Ablenkung suchen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass belastende Inhalte nicht von allen Jugendlichen gleich verarbeitet werden“, so Brunner weiter. Wichtig seien Medienkompetenz, bewusste Abgrenzung, Gespräche und ein Gefühl für eigene emotionale Grenzen. Denn Jugendliche können lernen, bestimmte Inhalte zu überspringen, Feeds zu bereinigen, Benachrichtigungen zu begrenzen oder nach verstörenden Bildern mit vertrauten Menschen zu sprechen.
Was Eltern, Schulen und Plattformen tun sollten
Die Ergebnisse der Regensburger Untersuchung sind kein einfacher Appell zum Handyverbot. Krieg und Gewalt verschwinden nicht aus der Welt, wenn Jugendliche weniger scrollen. Besser wäre ein offener Umgang mit belastenden Inhalten. Fragen helfen hier mehr als Vorwürfe: Was taucht im Feed auf und warum? Welche Bilder bleiben hängen? Gibt es Inhalte, die Schlaf oder Stimmung verändern? So entsteht ein Gespräch, ohne Jugendliche zu beschämen.
Auch Social-Media-Plattformen sollten stärker in die Verantwortung genommen werden. Wenn mehr als die Hälfte der Befragten unfreiwillig auf Gewaltbilder stößt, reicht individuelle Medienkompetenz allein nicht aus. Feeds und die dahinter stehenden Algorithmen entscheiden, welche Bilder Jugendliche sehen. Die Studienautoren fordern deshalb eine Regulierung solcher Einspielungen. Für Social Media, Jugendliche und Psyche geht es um Schutzräume im digitalen Alltag und um Grenzen, die die Bedürfnisse junger Menschen ernst nehmen.
Kurz zusammengefasst:
- Viele Jugendliche sehen Gewalt- und Kriegsbilder in Social Media, oft ohne danach gesucht zu haben; laut Studie berichteten einige anschließend von Schlafproblemen, innerer Anspannung oder sich ihnen aufdrängenden Bildern.
- Besonders belastet können Jugendliche sein, die das Leid anderer stark körperlich nachempfinden und eigene Gefühle schwer einordnen können.
- Schutz bieten Medienkompetenz, bewusste Pausen, Gespräche mit vertrauten Menschen und klare Grenzen im Feed, damit belastende Inhalte nicht dauerhaft nachwirken.
Übrigens: Social Media kann junge Menschen nicht nur durch Kriegsbilder belasten – eine schwedische Studie zeigt, dass schon kurze Social-Media-Zeiten bei Kindern mit messbar schwächerer Aufmerksamkeit in Verbindung stehen. Wie TikTok, Instagram und Co. die Konzentration stärker stören als Fernsehen oder Gaming, mehr dazu in unserem Artikel.
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