Mounjaro-Wirkung geht weit über Abnehmen hinaus – Studie findet Schutz für Herz und Immunsystem

Mounjaro hilft nicht nur beim Abnehmen und der Blutzuckerkontrolle: In einer neuen Studie traten auch schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse und Infektionen seltener auf.

Ein EKG prüft die Herzfunktion: Unter Tirzepatid traten bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung deutlich weniger schwere Herzereignisse auf. © Pexels

Ein EKG prüft die Herzfunktion: Unter Tirzepatid traten bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung deutlich weniger schwere Herzereignisse auf. © Pexels

Das Medikament Mounjaro wird Menschen mit Adipositas und Typ-2-Diabetes zum Abnehmen verschrieben. Eine aktuelle Studie mit Daten zweier großer US-Krankenversicherungen ergab, dass der Gewichtsverlust womöglich nur einen Teil seiner Wirkung darstellt. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und stark erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko traten unter der Einnahme des Wirkstoffs Tirzepatid innerhalb eines Jahres weniger schwere Herzereignisse auf. Noch auffälliger war der Unterschied bei Infektionen: Krankenhausaufnahmen kamen deutlich seltener vor. Die neue Mounjaro-Wirkung hat offenbar gesundheitliche Folgen, die wenig mit einer Abnehmspritze zu tun haben.

Forscher der Technischen Universität München (TUM) und der Harvard Medical School verglichen 52.971 Menschen ab 40 Jahren. Alle hatten Typ-2-Diabetes und bereits eine atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung. 35.353 davon begannen eine Behandlung mit Tirzepatid, 17.618 mit Sitagliptin. Sitagliptin senkt den Blutzucker, besitzt aber keine nachgewiesene schützende Wirkung auf Herz und Gefäße. Die Arbeit erschien im Fachjournal The BMJ.

Welche Wirkung Mounjaro auf das Herzrisiko hatte

Nach einem Jahr hatten 2,9 Prozent der Tirzepatid-Gruppe einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten oder waren gestorben. Unter Sitagliptin waren es 4,4 Prozent. Das entspricht einer absoluten Differenz von 1,4 Prozentpunkten und einem rund 32 Prozent niedrigeren relativen Risiko.

Wissenschaftlich betrachtet ergibt sich daraus unter Einbeziehung der sogenannten Number Needed to Treat (NNT): Behandelt man 70 vergleichbare Patienten ein Jahr lang mit Tirzepatid statt mit Sitagliptin, lässt sich statistisch eines dieser schweren Ereignisse zusätzlich verhindern. Die NNT ist eine medizinisch-statistische Kennzahl. Sie beschreibt, wie viele Menschen eine bestimmte Behandlung erhalten müssten, damit innerhalb eines festgelegten Zeitraums bei einer Person zusätzlich ein unerwünschtes Ereignis verhindert wird.

Beim Herzinfarkt allein fiel der Unterschied ebenfalls deutlich aus. Das relative Risiko lag rund ein Drittel niedriger. Beim Schlaganfall ergab sich dagegen kein belastbarer Vorteil. Für diesen Endpunkt lagen beide Gruppen nach einem Jahr bei etwa 0,7 Prozent. Der zusammengefasste Herz-Kreislauf-Vorteil beruhte daher vor allem auf weniger Herzinfarkten und einer geringeren Gesamtsterblichkeit. Die Autoren mahnen bei der Interpretation der Sterbedaten allerdings zur Vorsicht, weil sich trotz statistischer Anpassungen nicht alle Unterschiede zwischen den Gruppen ausschließen ließen.

In Bezug auf Infektionen fällt die Wirkung von Mounjaro besonders auf

Überraschender als der Herzbefund war der Unterschied bei der Entstehung schwerer Infektionen. Innerhalb eines Jahres mussten 3,3 Prozent der mit Tirzepatid behandelten Menschen wegen einer Infektion ins Krankenhaus. In der Sitagliptin-Gruppe waren es 5,4 Prozent. Das relative Risiko sank damit um 36 Prozent. Auch Harnwegsinfekte und Krankheiten, die ambulant oder stationär behandelt wurden, kamen seltener vor.

„Die Daten zu Infektionen haben uns in dieser Deutlichkeit auch überrascht“, sagt Erstautor Nils Krüger vom Klinikum Deutsches Herzzentrum der TUM. Besonders groß war der Unterschied bei Todesfällen im Zusammenhang mit Infektionen. Das relative Risiko lag unter Tirzepatid rund 60 Prozent niedriger. Dieser Befund muss jedoch besonders vorsichtig interpretiert werden. Die Untersuchung basiert auf Versichertendaten und kann keinen ursächlichen Schutz durch das Medikament beweisen.

Entzündungshemmende Wirkung erklärt Effekt nur zum Teil

Warum Tirzepatid schwere Infektionen verhindern kann, ist noch offen. Eine mögliche Erklärung führt über Adipositas selbst. „Es gibt aber Hinweise darauf, dass Fettleibigkeit Entzündungsprozesse im Körper fördert, die wiederum die Immunabwehr einschränken“, sagt Krüger. Gewichtsverlust kann dieses Risiko vermindern. Aber auch direkte Effekte auf entzündliche Prozesse kommen infrage.

Auffällig ist zudem der zeitliche Verlauf im Vergleich zum Herz-Kreislauf-Risiko. Die Kurven trennten sich bereits innerhalb der ersten drei Monate. Zu diesem Zeitpunkt dürfte ein großer Teil des späteren Gewichtsverlusts noch nicht erreicht gewesen sein. Die Autoren halten daher Wirkungen auf Gefäße und systemische Entzündungen für denkbar, die unabhängig vom Abnehmen auftreten. Zugleich können solche frühen Unterschiede durch nicht erfasste Eigenschaften der Patienten entstehen.

Ergebnisse gelten nicht für jeden Mounjaro-Nutzer

Tirzepatid aktiviert zwei Signalwege des Stoffwechsels: den GIP- und den GLP-1-Rezeptor. Das Medikament senkt dadurch Blutzucker und Körpergewicht. Die aktuelle Auswertung verbessert vor allem die Lage für Menschen mit bereits hohem Herz-Kreislauf-Risiko. Sie sagt dagegen wenig über gesunde Menschen aus, die Mounjaro ausschließlich zur Gewichtsabnahme verwenden.

Auch war die Beobachtungszeit der Testpersonen im Rahmen der Studie begrenzt. Der maximale Nachbeobachtungszeitraum betrug ein Jahr, die mittlere Zeit lag deutlich darunter. Zudem wurden die Teilnehmer nicht zufällig einer Gruppe zugeteilt und erhielten ihre Medikamente im normalen Versorgungsalltag. Unbekannte Unterschiede können die Ergebnisse deshalb beeinflusst haben. Die Forscher nennen zudem die US-Versichertendaten als Einschränkung. Denn auf Menschen ohne bestehende Gefäßerkrankung oder auf andere Gesundheitssysteme lassen sich die Zahlen nicht ohne Weiteres übertragen.

Kurz zusammengefasst:

  • Tirzepatid, der Wirkstoff des Abnehmmedikaments Mounjaro, war bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung mit weniger Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Todesfällen verbunden als der Wirkstoff Sitagliptin.
  • Besonders auffällig war der Befund bei Infektionen: Krankenhausaufnahmen wegen Infektionen traten unter Tirzepatid seltener auf, auch infektionsbedingte Todesfälle waren niedriger.
  • Die Ergebnisse stammen aus einer Beobachtungsstudie mit US-Versichertendaten und gelten daher nicht automatisch für alle Mounjaro-Nutzer; ein ursächlicher Schutz vor Herzproblemen oder Infektionen ist damit noch nicht bewiesen.

Übrigens: Während Mounjaro in der aktuellen Untersuchung mit positiven Effekten verbunden war, gibt es bei GLP-1-Mitteln wie Tirzepatid auch Hinweise auf ein seltenes Risiko für plötzlichen Sehverlust. Betroffen ist eine Durchblutungsstörung des Sehnervs, die zwar nur wenige Patienten trifft, aber dauerhafte Folgen haben kann. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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