Demenz ist nicht nur eine Frage des Alters – neue Studie zeigt, was wir beeinflussen können
Neue Studie zeigt, wie gesunde Ernährung mit langsamerem biologischem Altern zusammenhängt – und so Demenz vorbeugen kann.
Demenz betrifft nicht nur Hochbetagte: Auch Menschen im mittleren Lebensalter können erkranken – und erste Anzeichen zeigen sich nicht immer als Vergesslichkeit. © Unsplash
60 Jahre alt ist 60 Jahre alt – zumindest auf dem Papier. Im Körper kann das anders aussehen. Zellen, Blutgefäße und Organe altern bei Menschen unterschiedlich schnell. Das ist auch für Erkrankungen des Gehirns interessant, denn das Lebensalter gehört zu den wichtigsten Risikofaktoren für Demenz. Eine neue deutsche Studie zeigt nun: Wie schnell sich typische molekulare Alterungsspuren ansammeln, hängt auch mit der Qualität der Ernährung zusammen. Eine einzelne „Anti-Aging-Diät“ fanden die Forscher dabei nicht.
Zum Welt-Alzheimertag am 21. September erinnert die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) zudem daran, dass Demenz keineswegs ausschließlich hochbetagte Menschen betrifft. Alzheimer, frontotemporale und vaskuläre Demenzen können auch deutlich vor dem Rentenalter auftreten. Gerade bei jüngeren Betroffenen beginnt die Erkrankung nicht zwangsläufig mit Vergesslichkeit. Sprachprobleme, ungewöhnliche Veränderungen der Persönlichkeit, Schwierigkeiten beim Planen oder eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit können ebenfalls frühe Anzeichen sein.
Demenz kann schon vor dem 60. Lebensjahr beginnen
Ein Beispiel ist die frontotemporale Demenz, die häufig zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr diagnostiziert wird. Dabei verändern sich unter anderem Nervenzellen in Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns. Betroffene können enthemmter, antriebsloser oder aggressiver werden oder Schwierigkeiten mit Wörtern und Sätzen entwickeln. Auch eine Alzheimer-Erkrankung kann vor dem 60. Lebensjahr auftreten. Bei jüngeren Erkrankten kommen vergleichsweise häufiger Formen vor, bei denen zunächst Sprache oder räumlich-visuelle Fähigkeiten stärker beeinträchtigt sind als das Gedächtnis.
Das kalendarische Alter allein sagt deshalb nur begrenzt etwas darüber aus, was im Körper bereits passiert. Forscher versuchen Alterungsprozesse zusätzlich mithilfe sogenannter epigenetischer Uhren zu erfassen. Dabei werden chemische Veränderungen an der DNA untersucht. Eine davon ist die DNA-Methylierung: Kleine chemische Gruppen lagern sich an bestimmten Stellen des Erbguts an und beeinflussen unter anderem, wie aktiv Gene sind. Die Verteilung dieser Markierungen verändert sich mit zunehmendem Alter auf charakteristische Weise.
Rund 850.000 Stellen im Erbgut untersucht
Für eine aktuelle Studie in Nature Communications wertete ein Team um das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Daten von 6.470 Teilnehmern der Rheinland Studie aus. Sie waren zwischen 30 und 95 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei gut 56 Jahren. Die Wissenschaftler erfassten rund 850.000 Stellen der DNA und bestimmten daraus mit drei unterschiedlichen Verfahren das biologische Alter beziehungsweise das Tempo des Alterns.
Anschließend verglichen sie die Werte mit zehn Ernährungsscores. Darunter waren die mediterrane Ernährung, die nordische Ernährungsweise, die blutdruckorientierte DASH-Diät und die MIND-Ernährung, die Elemente der mediterranen und der DASH-Ernährung kombiniert und speziell mit Blick auf die Gehirngesundheit entwickelt wurde. Hinzu kamen unter anderem pflanzenbasierte Ernährungsindizes und der Alternate Healthy Eating Index. Auch Scores für eine eher ungünstige pflanzliche Kost und eine entzündungsfördernde Ernährung wurden berücksichtigt.
Gesund essen sieht offenbar nicht für jeden gleich aus
Dabei zeigte sich etwas Bemerkenswertes: Nur 18 der 6.470 Teilnehmer gehörten bei sämtlichen Ernährungsscores zum jeweils besten Viertel. Selbst bei mindestens neun der untersuchten Bewertungen waren es lediglich 77 Menschen. Wer nach einem Ernährungskonzept besonders gesund aß, erfüllte also keineswegs automatisch auch die Kriterien aller anderen Modelle.
Trotz dieser Unterschiede zeigte sich ein gemeinsames Muster. Eine höhere Qualität der Ernährung ging meist mit günstigeren Werten der epigenetischen Alterung einher. Alle zehn Ernährungsscores standen nach statistischer Korrektur mit dem von „DunedinPACE“ gemessenen Alterungstempo in Verbindung. Besonders konsistent waren DASH und die nordische Ernährung: Sie waren mit allen drei verwendeten Altersmarkern verknüpft. Die Effekte waren allerdings klein. Die Studie zeigt zudem einen Zusammenhang, keinen Beweis dafür, dass eine bestimmte Ernährung das biologische Altern unmittelbar abbremst.
Unterschiedliche Lebensmittel – ähnliche Vorgänge in den Zellen
Die Forscher fanden außerdem bei fast allen untersuchten Ernährungsmustern Veränderungen der DNA-Methylierung. Die einzelnen Diäten hinterließen zwar unterschiedliche molekulare Muster, diese liefen aber häufig auf ähnliche biologische Prozesse hinaus. Betroffen waren unter anderem Signalwege für Stoffwechsel, Zellkommunikation, Zellstruktur und Neurogenese, also Prozesse rund um die Bildung und Entwicklung von Nervenzellen.
Einige Verbindungen passten auffällig zum jeweiligen Ernährungskonzept. Bei der DASH-Diät fanden sich etwa Signalwege mit Bezug zur Herzfunktion. Bei der MIND-Ernährung traten unter anderem Prozesse hervor, die mit Nervensystem, Gedächtnis und Kognition verbunden sind. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die MIND-Diät Alzheimer verhindert. Die Untersuchung hat weder Demenzerkrankungen verhindert noch Teilnehmer zufällig verschiedenen Diäten zugeteilt.
Die Ergebnisse wurden teilweise anhand von 1.034 Teilnehmern der unabhängigen EPIC-Potsdam-Studie überprüft. Dort zeigten sich bei den verfügbaren epigenetischen Altersmaßen ähnliche Zusammenhänge. Besonders ausgeprägt waren sie bei Menschen, die rauchten. Warum gerade diese Gruppe offenbar stärker mit ihrer Ernährung zusammenhing, ist bislang ungeklärt.
Wer über Wochen oder Monate neu auftretende Veränderungen bei Sprache, Verhalten, Persönlichkeit, Konzentration oder geistiger Leistungsfähigkeit bemerkt, sollte diese unabhängig vom Alter ärztlich abklären lassen. Dahinter steckt häufig keine Demenz: Auch Depressionen, Schlafstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangel oder Medikamente können ähnliche Beschwerden verursachen.
Wird tatsächlich Alzheimer festgestellt, kann eine frühe Diagnose jedoch früheren Zugang zu Behandlung ermöglichen und Betroffenen mehr Zeit geben, berufliche, finanzielle und persönliche Entscheidungen selbst zu treffen.
Kurz zusammengefasst:
- Demenz ist keine reine Alterskrankheit: Auch jüngere Menschen können betroffen sein, und erste Anzeichen können sich durch Sprachprobleme, Verhaltensänderungen oder nachlassende geistige Leistungsfähigkeit zeigen.
- Eine aktuelle DZNE-Studie mit Daten von rund 7.500 Menschen zeigt, dass eine insgesamt gesunde Ernährung mit langsamerem biologischem Altern zusammenhängt – unabhängig davon, ob sie eher mediterran, nordisch, pflanzenbetont oder nach DASH ausgerichtet ist.
- Wer Demenz vorbeugen möchte, sollte deshalb nicht auf eine einzelne „Wunderdiät“ setzen, sondern auf dauerhaft gesunde Ernährung und weitere beeinflussbare Risikofaktoren wie Blutdruck, Rauchen, Diabetes und Cholesterin achten.
Übrigens: Wie stark Ernährung dem alternden Gehirn zusetzt, könnte auch von den Genen abhängen. Besonders bei Menschen mit dem Alzheimer-Risikogen APOE ε4 scheint ungesundes Essen stärker ins Gewicht zu fallen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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