Neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs hält Tumor fast doppelt so lange in Schach wie Chemotherapie
Ein neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs hält die Erkrankung deutlich länger auf als eine Chemotherapie: 11,1 statt 5,7 Monate.
Neue Behandlungsmöglichkeiten könnten Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs helfen. © Pexels
Krebszellen können erstaunlich anpassungsfähig sein. Selbst Medikamente, die einen Tumor zunächst erfolgreich bekämpfen, verlieren mit der Zeit manchmal ihre Wirkung. Für Menschen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs bleibt dann häufig nur eine Chemotherapie. Doch ein neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs könnte das ändern. In einer großen klinischen Studie blieb die Erkrankung unter dem Medikament Izalontamab Brengitecan bei der Hälfte der Patienten mindestens 11,1 Monate ohne Fortschreiten. Mit herkömmlicher Chemotherapie waren es 5,7 Monate. Das sind 5,4 Monate mehr – ein Unterschied von fast 95 Prozent.
Die Ergebnisse veröffentlichten chinesische Wissenschaftler im Fachjournal The Lancet. An der Phase-3-Studie nahmen 422 behandelte Patienten teil. Alle litten an fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs mit einer Veränderung im sogenannten EGFR-Gen. Ihre vorherige zielgerichtete Therapie hatte nicht mehr ausreichend geholfen. Der neue Wirkstoff schnitt auch bei der Tumorverkleinerung besser ab: Bei rund 60 Prozent der Patienten sprach der Krebs auf die Behandlung an, unter Chemotherapie waren es etwa 35 Prozent.
Neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs senkt das Risiko deutlich
Unter Iza-Bren war das Risiko, dass der Krebs fortschritt oder die Patienten starben, im Vergleich zur Chemotherapie um 60 Prozent geringer. Auch das Ansprechen der Tumoren hielt länger an: Bei der Hälfte der Patienten mindestens 10,4 Monate, unter Chemotherapie mindestens 5,7 Monate, laut den beteiligten Unternehmen SystImmune und Bristol Myers Squibb.
Anders als eine herkömmliche Chemotherapie verbindet Iza-Bren einen Antikörper mit einer krebshemmenden Substanz. Der Antikörper erkennt zwei Strukturen auf der Oberfläche von Krebszellen und transportiert den Wirkstoff in ihr Inneres. Dort kann die Substanz die Krebszellen schädigen und abtöten.
Medikament greift Krebszellen auf zwei Wegen an
Die beiden Zielstrukturen heißen EGFR und HER3. Sie übertragen Signale, die Krebszellen zum Wachstum anregen können. Iza-Bren blockiert diese Signale und bringt zugleich eine krebshemmende Substanz in die Zellen. Diese stört die Verarbeitung des Erbguts und kann die Zellen zum Absterben bringen.
Für Patienten mit EGFR-mutiertem Lungenkrebs kommen zunächst häufig sogenannte EGFR-Hemmer zum Einsatz. Sie blockieren bestimmte Wachstumssignale der Tumorzellen. Im Laufe der Behandlung können die Krebszellen jedoch widerstandsfähig werden. Der Krebs wächst dann trotz der Medikamente weiter.
An 73 Kliniken vergleichen Ärzte zwei Behandlungen
An 73 chinesischen Kliniken erhielten die Patienten eine von zwei Behandlungen. Entscheidend war, dass ihre bisherige zielgerichtete Therapie nicht mehr ausreichend geholfen hatte und sie noch keine Chemotherapie gegen die fortgeschrittene Erkrankung erhalten hatten.
- 216 Patienten bekamen Iza-Bren als Infusion.
- 206 Patienten erhielten die Chemotherapeutika Pemetrexed und Carboplatin oder Cisplatin.
- Alle Patienten hatten fortgeschrittenen nicht-plattenepithelialen Lungenkrebs mit einer EGFR-Mutation und waren zuvor mit einem EGFR-Hemmer der dritten Generation behandelt worden.
Der Lungenkrebsexperte Li Zhang vom Sun Yat-sen University Cancer Center sieht darin eine mögliche neue Behandlungsoption. Die Ergebnisse könnten „einen wichtigen Wandel im Umgang mit erworbener Resistenz bei dieser Erkrankung markieren“, erklärte er in der Mitteilung der beteiligten Unternehmen.
Schwere Nebenwirkungen treten deutlich häufiger auf
Die längere Kontrolle der Erkrankung ging allerdings mit erheblichen Nebenwirkungen einher. Unter Iza-Bren entwickelten 170 von 216 Patienten schwere behandlungsbedingte Nebenwirkungen, also 79 Prozent. In der Chemotherapiegruppe waren 128 von 206 Patienten betroffen, rund 62 Prozent. Besonders häufig traten Probleme mit dem Blut und der Blutbildung auf.
Bei jeweils vier Patienten in beiden Gruppen mussten Ärzte mindestens einen Bestandteil der Behandlung wegen Nebenwirkungen dauerhaft absetzen. In jeder Gruppe starb ein Patient an behandlungsbedingten Komplikationen. Zwei Patienten unter Iza-Bren entwickelten zudem eine Erkrankung des Lungengewebes, einer davon in schwerer Form. Unter Chemotherapie trat diese Komplikation nicht auf.
Ob der Wirkstoff das Leben verlängert, bleibt offen
Ob die Patienten durch Iza-Bren insgesamt länger leben, ist bislang nicht geklärt. Die vorhandenen Daten reichen noch nicht aus, um einen Überlebensvorteil nachzuweisen. Die beteiligten Unternehmen berichten lediglich von einem günstigen Trend. Weitere Ergebnisse zum Gesamtüberleben stehen noch aus.
Izalontamab Brengitecan befindet sich weiterhin in der klinischen Entwicklung. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat dem Medikament bereits einen Sonderstatus für aussichtsreiche neue Therapien verliehen. Eine reguläre Zulassung ist damit jedoch nicht verbunden. Die bisherigen Ergebnisse gelten zudem nur für Patienten mit der untersuchten Form von Lungenkrebs nach einer entsprechenden Vorbehandlung.
Kurz zusammengefasst:
- Ein neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs verzögerte das Fortschreiten der Erkrankung bei der Hälfte der Patienten mindestens 11,1 Monate, unter Chemotherapie waren es 5,7 Monate.
- Das Medikament Iza-Bren greift Krebszellen über zwei Zielstrukturen an und könnte Patienten helfen, bei denen eine bisherige zielgerichtete Therapie nicht mehr anschlägt.
- Schwere Nebenwirkungen traten mit 79 Prozent häufiger auf als unter Chemotherapie mit 62 Prozent; ob die Behandlung das Leben verlängert, ist noch unklar.
Übrigens: Manche Lungenkrebszellen können sich in einen schlafähnlichen Zustand zurückziehen und so Krebsmedikamenten entgehen. Wissenschaftler der ETH Zürich haben einen Schalter entwickelt, der diesen Schutzmechanismus im Labor stört. Mehr dazu in unserem Artikel über schlafende Krebszellen.
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