Neues MS-Medikament senkt Krankheitsschübe um bis zu 35 Prozent – zwei große Studien bestätigen Wirkung

Remibrutinib verringerte in zwei Studien mit 2.007 MS-Patienten die Schubrate um bis zu 35 Prozent und neue Hirnläsionen um bis zu 70 Prozent.

Remibrutinib wird zweimal täglich als Tablette eingenommen. Der neue Wirkstoff könnte die Behandlung von Multipler Sklerose deutlich erweitern. © Symbolbild/Pexels

Remibrutinib wird zweimal täglich als Tablette eingenommen. Der neue Wirkstoff könnte die Behandlung von Multipler Sklerose deutlich erweitern. (Symbolbild) © Pexels

Ein neues Medikament gegen Multiple Sklerose könnte die Behandlung der chronischen Nervenkrankheit verbessern. Der Wirkstoff Remibrutinib verringerte die Zahl der Krankheitsschübe um bis zu 35 Prozent gegenüber einer etablierten Therapie. Gleichzeitig entstanden im Gehirn bis zu 70 Prozent weniger neue oder vergrößerte Entzündungsherde. An den beiden großen klinischen Studien nahmen mehr als 2.000 Menschen teil.

Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal The Lancet. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) sieht darin eine vielversprechende Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten. Remibrutinib gehört zu einer neuen Wirkstoffklasse und wird als Tablette eingenommen. Ob das Mittel auch mit den derzeit stärksten MS-Therapien mithalten kann, ist allerdings noch offen.

Neues Medikament gegen Multiple Sklerose wirkt deutlich stärker

Multiple Sklerose greift das zentrale Nervensystem an. Das Immunsystem schädigt dabei die schützenden Hüllen der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark. Betroffene können unter Sehstörungen, Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche oder Schwierigkeiten beim Gehen leiden. Bei der schubförmigen MS treten solche Beschwerden häufig plötzlich auf und können sich anschließend teilweise oder vollständig zurückbilden.

Rund 85 Prozent aller MS-Diagnosen entfallen auf diese Verlaufsform. Medikamente sollen neue Krankheitsschübe verhindern und bleibende Nervenschäden begrenzen. Allerdings lässt sich die Erkrankung mit den verfügbaren Therapien nicht bei allen Patienten ausreichend kontrollieren.

Mehr als 2.000 Patienten nehmen an zwei Studien teil

In den internationalen Phase-3-Studien REMODEL-1 und REMODEL-2 untersuchten Wissenschaftler die Wirksamkeit von Remibrutinib. Insgesamt nahmen 2.007 Patienten aus 46 Ländern teil. Die Forscher verglichen das neue Medikament mit Teriflunomid, einer bereits zugelassenen Behandlung mit moderater Wirksamkeit.

Die Teilnehmer erhielten entweder zweimal täglich 100 Milligramm Remibrutinib oder einmal täglich 14 Milligramm Teriflunomid. Weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte wussten, welches Medikament die jeweilige Person bekam. Die Behandlungsphase dauerte je nach Teilnehmer unterschiedlich lange, maximal 30 Monate.

Krankheitsschübe gehen um bis zu 35 Prozent zurück

In REMODEL-1 lag die jährliche Schubrate unter Remibrutinib bei 0,073 gegenüber 0,112 unter Teriflunomid. Das entspricht einer relativen Verringerung um 35,2 Prozent. In REMODEL-2 sank die Schubrate um 31,2 Prozent.

Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei den Veränderungen im Gehirn. Die Zahl neuer oder vergrößerter entzündlicher Läsionen ging gegenüber der Vergleichstherapie um 65,3 beziehungsweise 70,3 Prozent zurück.

Auch der Anteil der Patienten ohne nachweisbare Krankheitsaktivität fiel höher aus:

  • 55,0 Prozent unter Remibrutinib hatten weder bestätigte Schübe noch eine bestätigte Behinderungsverschlechterung oder neue beziehungsweise vergrößerte MRT-Läsionen.
  • 32,1 Prozent erreichten diesen Zustand unter Teriflunomid.
  • Die Behandlung mit Remibrutinib verringerte außerdem einen Blutmarker, der mit Schädigungen von Nervenzellen zusammenhängt.

Die Prozentwerte beschreiben Unterschiede zur Vergleichstherapie. Sie bedeuten nicht, dass Remibrutinib die Multiple Sklerose heilt.

Wirkstoff beeinflusst gezielt Immunzellen

Remibrutinib hemmt die sogenannte Bruton-Tyrosinkinase, ein Enzym, das an der Steuerung bestimmter Immunzellen beteiligt ist. Dazu gehören B-Zellen sowie Immunzellen im Gehirn, die an Entzündungsprozessen mitwirken können.

Der Wirkstoff kann in das zentrale Nervensystem gelangen. Dadurch könnte er Entzündungen beeinflussen, die mit bisherigen Medikamenten nur eingeschränkt erreichbar sind. Ob dieser Mechanismus langfristig zusätzliche Vorteile bringt, muss sich allerdings noch erweisen.

Auch das Fortschreiten der Erkrankung könnte Remibrutinib verlangsamen. Nach 24 Monaten hatten sich die körperlichen Einschränkungen bei schätzungsweise 7,7 Prozent der Patienten unter Remibrutinib dauerhaft verschlechtert. Bei der Vergleichstherapie waren es 10,5 Prozent. Als dauerhaft galt eine Verschlechterung, die mindestens sechs Monate anhielt. Allerdings war der Unterschied statistisch nicht ausreichend abgesichert. Betrachteten die Forscher einen Zeitraum von drei Monaten, zeigte sich kein statistisch eindeutiger Vorteil.

Nebenwirkungen bleiben überwiegend vergleichbar

Unerwünschte Ereignisse traten bei 79,5 Prozent der Remibrutinib-Gruppe und 81,5 Prozent der Vergleichsgruppe auf. Schwerwiegende Ereignisse betrafen sechs beziehungsweise sieben Prozent. Wegen Nebenwirkungen brachen 3,1 Prozent der Remibrutinib-Patienten ihre Behandlung ab, gegenüber 5,8 Prozent unter Teriflunomid.

Allerdings registrierten die Wissenschaftler unter Remibrutinib häufiger Blutungsereignisse: 12,7 gegenüber 6,7 Prozent. Schwerwiegende Infektionen waren ebenfalls etwas häufiger. Hinweise auf schwere arzneimittelbedingte Leberschäden fanden die Untersucher bei Remibrutinib nicht.

„Die Daten zeigen, dass Remibrutinib eine effektive Therapie bei schubförmiger MS ist“, erklärt Studienerstautor Prof. Heinz Wiendl von der Universität Freiburg laut DGN.

Vergleich mit hochwirksamen MS-Medikamenten fehlt

Die DGN hält weitere Untersuchungen für notwendig. Teriflunomid gehört nicht zu den stärksten verfügbaren MS-Therapien. Ob Remibrutinib ähnlich wirksam ist wie hochwirksame Medikamente, darunter sogenannte Anti-CD20-Antikörper, lässt sich aus den bisherigen Ergebnissen nicht ableiten. „Es bleibt zu prüfen, ob der Wirkstoff ebenso effektiv wie hochwirksame DMTs ist“, erklärt die Münsteraner Neurologin Prof. Luisa Klotz.

Auch die langfristige Sicherheit ist noch nicht abschließend geklärt. Die laufenden Verlängerungsstudien sollen zusätzliche Daten über eine Behandlung von bis zu fünf Jahren liefern. Finanziert wurden die beiden Phase-3-Studien vom Hersteller Novartis.

Kurz zusammengefasst:

  • Weniger Krankheitsschübe: Das neue MS-Medikament Remibrutinib senkte in zwei großen Studien mit insgesamt 2.007 Patienten die jährliche Schubrate um 31 bis 35 Prozent gegenüber dem etablierten Wirkstoff Teriflunomid.
  • Weniger Entzündungen im Gehirn: Unter Remibrutinib entstanden bis zu 70 Prozent weniger neue oder vergrößerte Entzündungsherde; bei 55 Prozent der untersuchten Patienten blieb die Krankheitsaktivität anhand der festgelegten Kriterien aus.
  • Weitere Untersuchungen nötig: Das als Tablette eingenommene Medikament könnte die MS-Behandlung erweitern, doch seine langfristige Sicherheit und Wirksamkeit im Vergleich zu hochwirksamen Therapien sind noch nicht ausreichend geklärt.

Übrigens: Alzheimer, Multiple Sklerose und Hirntumoren haben möglicherweise mehr gemeinsam als bisher angenommen. Wissenschaftler haben ähnliche Reaktionsmuster von Immunzellen im Gehirn entdeckt. Mehr dazu in unserem Artikel über das Immunsystem im Gehirn.

Bild: © Pexels

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