Dänemark gibt Kühen einen Zusatzstoff, damit sie weniger Methan rülpsen und pupsen – doch Bauern melden Probleme
Dänemark will den Methanausstoß von Kühen senken. Doch nach Problemen in zahlreichen Herden lockert die Regierung ihre Vorschriften.
Ein Zusatz im Futter soll den Methanausstoß von Milchkühen senken. Doch in Dänemark berichten zahlreiche Bauern von Problemen mit der Tiergesundheit und der Milchproduktion. © Pexels
Dänemark will seine Landwirtschaft klimafreundlicher machen und greift dafür in die Verdauung seiner Kühe ein. Ein spezieller Futterzusatz soll verhindern, dass im Magen der Tiere große Mengen Methan entstehen. Das Treibhausgas erwärmt die Erde über einen Zeitraum von 20 Jahren mehr als 80-mal so stark wie die gleiche Menge CO₂ und entweicht bei Rindern hauptsächlich durch Rülpsen. Doch ausgerechnet diese Klimaschutzmaßnahme bereitet zahlreichen Milchbauern Sorgen: Ihre Kühe fressen weniger, geben weniger Milch und zeigen teilweise Krankheitssymptome.
Wie verbreitet die gemeldeten Probleme sind, geht aus einer Befragung von 642 dänischen Milchviehherden hervor. Rund zwei Drittel meldeten eine verringerte Futteraufnahme oder sinkende Milchleistung im zeitlichen Zusammenhang mit dem Zusatzstoff Bovaer. Die Universität Aarhus untersuchte daraufhin 73 Betriebe. Ihre Ergebnisse vom Mai 2026 zeichnen allerdings ein widersprüchliches Bild: Ein allgemeiner Rückgang der Milchleistung oder Anstieg der Sterblichkeit ließ sich nicht nachweisen. Warum einzelne Herden dennoch erhebliche Probleme meldeten, ist bislang ungeklärt.
Dänemark will Methan bei Kühen deutlich reduzieren
Eine Milchkuh kann täglich mehrere Hundert Gramm Methan produzieren. Rund 90 bis 95 Prozent davon entweichen durch Rülpsen und Ausatmen, nur ein kleiner Teil durch Pupsen. Das Gas entsteht vor allem im Pansen, dem größten der vier Mägen. Dort zersetzen Mikroorganismen Gras und andere pflanzliche Nahrung. Bei einer grasenden Milchkuh können auf diese Weise jährlich rund 120 Kilogramm Methan entstehen.
Bovaer enthält den Wirkstoff 3-Nitrooxypropanol (3-NOP), der ein für die Methanbildung notwendiges Enzym hemmt. In kontrollierten Versuchen verringerte der Zusatzstoff den täglichen Methanausstoß von Milchkühen um 20 bis 35 Prozent, wie aus einer Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hervorgeht. Das Mittel wurde vom Unternehmen DSM-Firmenich entwickelt und ist seit 2022 in der Europäischen Union zugelassen.
In Dänemark können konventionelle Milchviehbetriebe mit mehr als 50 Kühen ihre gesetzlichen Klimaschutzvorgaben auf zwei Wegen erfüllen:
- Bovaer: Mindestens 80 Tage im Jahr erhalten die Kühe Futter mit 60 Milligramm 3-NOP je Kilogramm Trockenmasse, also Futter ohne Wasseranteil.
- Fettreicheres Futter: Alternativ können Landwirte ganzjährig Futterrationen mit einem erhöhten Fettsäuregehalt einsetzen.
Für den Einsatz von Bovaer können die Betriebe staatliche Zuschüsse erhalten.
Zwei Drittel der befragten Herden melden Probleme
Die Beschwerden häuften sich im Oktober 2025. Das landwirtschaftliche Forschungs- und Beratungsunternehmen SEGES Innovation erfasste daraufhin die Erfahrungen der Milchviehbetriebe. Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler der Universität Aarhus anschließend Produktionszahlen, Krankheitsregister und Sterblichkeitsdaten aus.
Dabei fanden sie keine Hinweise auf ein gehäuftes Auftreten von Euterentzündungen oder Stoffwechselstörungen während der Bovaer-Fütterung. Allerdings erfassten die ausgewerteten Krankheitsregister möglicherweise nicht alle Beschwerden. Besonders Probleme, die keine tierärztliche Behandlung erforderten, könnten unentdeckt geblieben sein.
Forscher können gesundheitliche Probleme bislang nicht erklären
„In den von uns analysierten Daten lässt sich kein eindeutiger Gesamteinfluss von Bovaer auf Produktion, Krankheiten oder Sterblichkeit feststellen“, erklärte Niels Bastian Kristensen von der Universität Aarhus. Die Unterschiede zwischen den Herden waren erheblich. Während manche Landwirte über schwerwiegende Probleme berichteten, beobachteten andere keine negativen Auswirkungen. In einzelnen Betrieben entwickelte sich die Milchproduktion sogar positiv.
Eine mögliche Erklärung für die widersprüchlichen Angaben liegt im Zeitpunkt der Einführung. Viele Betriebe begannen im Herbst 2025 mit Bovaer, als die Milchleistung ohnehin saisonal zurückging. Die rückblickende Untersuchung erfasste zudem nur etwa drei Monate. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Zusatzstoff und den Beschwerden ließ sich deshalb nicht feststellen.
Dänemark lockert seine Vorschriften deutlich
Die dänische Regierung reagierte Ende September 2026 mit erweiterten Ausnahmeregeln. Seit Oktober dürfen Landwirte ganze Herden oder einzelne Tiergruppen von der Bovaer-Fütterung ausnehmen. Voraussetzung ist, dass die Tiere bereits 2025 nach der Fütterung Krankheitssymptome zeigten und bei einem erneuten Einsatz wieder erkranken könnten.
Natur- und Tierschutzminister Christian Rabjerg Madsen betonte: „Das Wohl der Kühe steht an erster Stelle.“ Betriebe mit entsprechenden Problemen müssen die Fütterung nicht wieder aufnehmen. Landwirte, deren Tiere Bovaer bislang gut vertragen haben, dürfen den Zusatzstoff weiterhin verwenden und staatliche Zuschüsse erhalten.
Neue Versuche sollen die Ursachen genauer klären
Die Universität Aarhus begleitet seit Oktober 2026 erneut Milchviehbetriebe beim Einsatz von Bovaer. Das Forschungsprojekt läuft bis 2028 und untersucht drei wesentliche Fragen:
- Futterzusammensetzung: Reagieren Kühe je nach Eigenschaften ihrer Nahrung unterschiedlich auf Bovaer?
- Tiergesundheit: Treten Verdauungs- und Stoffwechselstörungen während der Fütterung häufiger auf?
- Milchuntersuchungen: Verändert Bovaer bestimmte Milchbestandteile oder beeinflusst es lediglich die Messergebnisse?
Geplant ist außerdem ein kontrollierter Blindversuch unter Praxisbedingungen. Frühere Untersuchungen hatten bereits Veränderungen bei Messwerten für Eiweiß, Harnstoff und 3-Hydroxybutyrat ergeben. Ob sich tatsächlich die Zusammensetzung der Milch verändert oder die eingesetzten Analyseverfahren ungenauer werden, ist noch ungeklärt.
Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft Bovaer erneut. Die EU-Kommission hat eine aktualisierte Sicherheitsbewertung angefordert, deren Ergebnis die dänische Regierung Ende November 2026 erwartet. Der Zusatzstoff bleibt vorerst zugelassen. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Bovaer und den gemeldeten Erkrankungen ist bislang nicht nachgewiesen.
Kurz zusammengefasst:
- Dänemark will den Methanausstoß seiner Kühe senken: Der Futterzusatz Bovaer hemmt die Methanbildung im Pansen, sodass die Tiere weniger von dem klimaschädlichen Gas ausrülpsen.
- Zahlreiche Milchbauern meldeten Probleme: Rund zwei Drittel der befragten Herden zeigten eine geringere Futteraufnahme oder sinkende Milchleistung, doch ein ursächlicher Zusammenhang mit Bovaer ist bislang nicht nachgewiesen.
- Dänemark hat seine Vorschriften gelockert: Betriebe mit entsprechenden gesundheitlichen Problemen dürfen auf Bovaer verzichten, während Wissenschaftler die Ursachen weiter untersuchen.
Übrigens: Methan lässt sich nicht nur bei seiner Entstehung bremsen. Bestimmte Bakterien können das klimaschädliche Gas sogar in Treibstoff, Tierfutter und Bioplastik verwandeln. Wie Mikroorganismen aus einem Treibhausgas wertvolle Rohstoffe machen, mehr dazu in unserem Artikel.
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