Klimawandel belastet Trinkwasser in Norwegen – 2.600 Menschen sollen kein Leitungswasser mehr trinken
Auftauender Permafrost könnte das Trinkwasser in Norwegen belasten. In Longyearbyen sollen 2.600 Menschen kein Leitungswasser trinken.
Die Berge rund um Longyearbyen auf Spitzbergen: Der Klimawandel lässt den Permafrost auftauen. Dabei können sich Metalle aus dem Gestein lösen und ins Trinkwasser gelangen. © Wikimedia
Der Klimawandel lässt nicht nur Gletscher schmelzen. Er könnte auch unser Trinkwasser gefährden. In der norwegischen Arktis taut seit Jahrtausenden gefrorener Boden auf. Dadurch kommen Gesteinsschichten mit Wasser und Sauerstoff in Kontakt. Chemische Reaktionen können Metalle freisetzen, die anschließend in Seen und Flüsse gelangen. In Longyearbyen sollen deshalb rund 2.600 Menschen kein Leitungswasser mehr trinken. Und hier hilft auch Abkochen nichts: Gelöste Metalle bleiben im Wasser. Im Herbst 2025 lag die Mangankonzentration zeitweise beim 25-Fachen des empfohlenen Richtwerts.
Inzwischen sind die Manganwerte gesunken, doch Nickel und Sulfat belasten das Trinkwasser weiterhin. Die Stadtverwaltung Longyearbyen bestätigt, dass die Wasserqualität die geltenden Anforderungen nicht erfüllt. Die Behörden halten deshalb an ihrer Warnung fest. Wie der britische Guardian berichtet, vermuten Wissenschaftler einen Zusammenhang mit dem auftauenden Permafrost und dem mineralreichen Gestein der Region.
Das Problem könnte weit über Norwegen hinausreichen: Auch in anderen Teilen der Arktis drohen bei fortschreitender Erwärmung ähnliche Belastungen der Wasserversorgung.
Klimawandel lässt den Permafrost ungewöhnlich schnell auftauen
Longyearbyen liegt auf Spitzbergen, rund 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt. Die Inselgruppe erwärmt sich fünf- bis siebenmal schneller als der weltweite Durchschnitt. Besonders ausgeprägt ist die Entwicklung im Herbst. Eine 2022 im Fachjournal Scientific Reports veröffentlichte Studie dokumentierte in der nördlichen Barentssee Erwärmungsraten von bis zu vier Grad Celsius pro Jahrzehnt.
Unter der Oberfläche liegen gewaltige Mengen dauerhaft gefrorenen Bodens. Dieser sogenannte Permafrost bleibt mindestens zwei Jahre hintereinander gefroren, häufig sogar Jahrtausende. Im Sommer taut normalerweise nur die oberste Schicht auf. Inzwischen dringt die Wärme immer tiefer in den Untergrund ein. Dabei verändern sich die Wege, auf denen Wasser durch den Boden und das Gestein fließt.
Pyrit im Schiefergestein setzt eine chemische Reaktion in Gang
Die Geologie der ehemaligen Bergbaustadt verschärft das Problem. Unter Longyearbyen befinden sich Schiefergesteine, die unter anderem Pyrit enthalten. Wegen seines goldenen Glanzes wird das Mineral auch Katzengold genannt. Gelangt es mit Sauerstoff und Wasser in Kontakt, oxidiert es. Dabei entsteht Säure, die weitere Metalle aus den umliegenden Gesteinsschichten lösen kann.
Diese Stoffe können anschließend mit dem Wasser in Bäche und Seen gelangen. Die Geologin Marjolaine Verret vom Universitätszentrum auf Spitzbergen hält diesen Prozess für eine wahrscheinliche Ursache der Wasserverunreinigung. Entscheidend sei das Zusammenspiel zwischen den mineralhaltigen Gesteinsschichten und dem tauenden Untergrund. Auch andere Schadstoffe könnten auf diesem Weg ins Wasser gelangen.
Diese Stoffe belasten das Trinkwasser in Longyearbyen
Die Stadt bezieht ihr Trinkwasser hauptsächlich aus dem aufgestauten See Isdammen. Das Gewässer erstreckt sich über rund 2,5 Kilometer. Die Behörden untersuchen die Wasserqualität inzwischen besonders aufmerksam. Die offiziellen Messungen der Stadtverwaltung vom Mai 2026 bestätigen die Belastung durch mehrere Stoffe:
- Mangan: Im September 2025 erreichten die Konzentrationen zeitweise rund 1.250 Mikrogramm pro Liter. Der empfohlene Richtwert des norwegischen Gesundheitsinstituts liegt bei 50 Mikrogramm pro Liter. Im Mai 2026 lag der gemessene Wert bei rund 200 Mikrogramm pro Liter.
- Nickel: Anfang 2026 überschritten die Messwerte den zulässigen Grenzwert. Die Stadtverwaltung meldete bis zu 30 Mikrogramm pro Liter. Der gesetzliche Grenzwert beträgt 20 Mikrogramm pro Liter.
- Sulfat: Im Mai 2026 erreichte die Konzentration knapp 1.000 Milligramm pro Liter. Die norwegischen Behörden empfehlen höchstens 100 Milligramm pro Liter, die Eingriffsschwelle liegt bei 250 Milligramm. Damit lag der Messwert beim Zehnfachen der Empfehlung und beim Vierfachen der Eingriffsschwelle. Hohe Konzentrationen können insbesondere bei empfindlichen Menschen Verdauungsbeschwerden verursachen.
Mangan benötigt der menschliche Körper als Spurenelement. Eine langfristige Aufnahme hoher Mengen kann jedoch das Nervensystem schädigen. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kinder, deren Gehirn sich noch entwickelt. Nach Einschätzung der örtlichen Behörden sind bei gesunden Erwachsenen durch die im Mai 2026 gemessenen Werte wahrscheinlich keine gesundheitlichen Folgen zu erwarten. Empfindliche Menschen, Kleinkinder und ältere Personen könnten jedoch insbesondere durch die hohe Sulfatkonzentration Beschwerden entwickeln.
Bürgermeister Terje Aunevik erklärte gegenüber dem Guardian, die Wasserqualität sei schon früher durch Sedimente beeinträchtigt gewesen. Der starke Anstieg des Mangangehalts habe jedoch eine neue Dimension erreicht.
Brauerei versorgt Einwohner mit gereinigtem Trinkwasser
Die örtliche Verwaltung reagierte mit einer vorläufigen Ersatzversorgung. Eine Brauerei in Longyearbyen übernimmt die Reinigung des Wassers. Anschließend können die Einwohner das aufbereitete Trinkwasser kostenlos an einer zentralen Ausgabestelle beim örtlichen Supermarkt abholen.
Dafür müssen die Bewohner eigene Behälter mitbringen und regelmäßig auffüllen. Zum Duschen und Waschen lässt sich das Leitungswasser weiterhin verwenden. Für den unmittelbaren Verzehr empfehlen die Behörden dagegen eine alternative Versorgung. Die Einschränkungen treffen eine Stadt, in der zuverlässig verfügbares Trinkwasser lange als selbstverständlich galt.
Norwegen prüft teuren Umbau der Wasserversorgung
Eine dauerhafte Lösung könnte eine zusätzliche Aufbereitung des Wassers aus Isdammen sein. Die Stadtverwaltung erwägt außerdem eine Meerwasserentsalzungsanlage. Sie könnte bei Problemen mit dem See einspringen oder künftig einen größeren Teil der Trinkwasserversorgung übernehmen.
Allerdings bringen die extremen Bedingungen auf Spitzbergen erhebliche technische Schwierigkeiten mit sich. Niedrige Temperaturen, Frost und aufwendige Wartungsarbeiten erschweren den Betrieb der Anlagen. Bürgermeister Aunevik hält deshalb auch eine vollständige Erneuerung der Wasserversorgung für möglich. Die Kosten wären nach seiner Einschätzung außerordentlich hoch.
Auch Kanada und Alaska könnten ähnliche Probleme bekommen
Die Geologin Verret warnt vor vergleichbaren Belastungen in weiteren Regionen der Arktis. Auch in Nordkanada und Alaska kommen pyritreiche Gesteine und dauerhaft gefrorene Böden vor. Steigende Temperaturen könnten dort ähnliche chemische Prozesse auslösen und die Qualität von Trinkwasserquellen beeinträchtigen.
Wie stark der Klimawandel die erhöhten Konzentrationen von Mangan, Nickel und Sulfat im Trinkwasser von Longyearbyen beeinflusst, ist bislang nicht abschließend geklärt. Die Kombination aus auftauendem Permafrost und mineralhaltigem Gestein gilt jedoch als plausible Erklärung für die Belastung.
Bürgermeister Aunevik rät anderen abgelegenen Gemeinden, ihre Wasserquellen frühzeitig zu untersuchen und alternative Versorgungssysteme vorzubereiten. In Longyearbyen müssen die Einwohner bereits seit mehr als einem Jahr Trinkwasser in Kanistern nach Hause tragen.
Kurz zusammengefasst:
- Klimawandel gefährdet Trinkwasser: Auftauender Permafrost bringt Wasser und Sauerstoff mit Gestein in Kontakt, wodurch sich Metalle lösen und in Wasserquellen gelangen können.
- 2.600 Menschen sind betroffen: In der norwegischen Arktisstadt Longyearbyen sollen die Einwohner wegen erhöhter Mangan-, Nickel- und Sulfatwerte kein Leitungswasser trinken.
- Abkochen hilft nicht: Gelöste Metalle lassen sich durch Erhitzen nicht entfernen, weshalb die Bewohner auf gereinigtes Wasser angewiesen sind; auch andere arktische Regionen gefährdet könnten sein.
Übrigens: In Alaska hat tauender Permafrost bereits ganze Flüsse rostorange gefärbt. Wissenschaftler fanden erhöhte Metallkonzentrationen noch mehr als 100 Kilometer flussabwärts – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Bjoertvedt via Wikimedia unter CC BY-SA 3.0
