Vollnarkose mit Musik – Patienten leiden nach der Operation deutlich seltener unter Übelkeit
Hören Patienten Musik während einer Vollnarkose, könnte dies Übelkeit und Erbrechen als Folge der OP reduzieren.
Während einer Vollnarkose nehmen Patienten ihre Umgebung nicht bewusst wahr. Dennoch könnte das Gehirn weiterhin auf akustische Reize reagieren und dadurch körperliche Vorgänge beeinflussen. © Pexels
Eine Vollnarkose dient dazu, dass Patienten nichts von der Operation mitbekommen – und doch kann offenbar Musik, die sie während der OP über Kopfhörer eingespielt bekommen, wahrgenommen werden und ihren Körper beeinflussen.
Südkoreanische Mediziner beobachteten, dass Patienten nach einem Eingriff deutlich seltener unter Übelkeit und Erbrechen litten, wenn währenddessen ihre Lieblingsmusik lief. Ohne musikalische Begleitung traten die Beschwerden mehr als viermal so häufig auf. Auch beim körperlichen Wohlbefinden schnitt die Musikgruppe besser ab.
Musik bei Vollnarkose senkt Risiko für Übelkeit um 78 Prozent
Zu diesem Ergebnis kommen südkoreanische Mediziner in einer Untersuchung, die im Fachjournal Journal of Yeungnam Medical Science erschien. Das Team um Anästhesist und Schmerzmediziner Ji Yong Yeom untersuchte 82 Patienten nach einer Knieoperation. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Musik bestimmte Beschwerden nach chirurgischen Eingriffen lindern könnte.
Besonders auffällig war der Unterschied bei Übelkeit und Erbrechen als Folgereaktion auf die Vollnarkose innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Operation. Diese Beschwerden können die Phase nach einer Operation unangenehm machen.
In der Musikgruppe waren lediglich zwei von 41 Patienten betroffen. Das entspricht 4,9 Prozent. In der Kontrollgruppe klagten dagegen neun von 41 Patienten über entsprechende Beschwerden, was einen Anteil von 22 Prozent ausmacht. Damit traten Übelkeit und Erbrechen in der Musikgruppe rund 78 Prozent seltener auf. Der Unterschied war statistisch signifikant, erreichte die übliche Schwelle allerdings nur knapp.
Patienten durften Lieblingsmusik auswählen
Für die Untersuchung teilten die Mediziner die 82 Teilnehmer per Zufall in zwei gleich große Gruppen ein. Alle unterzogen sich einer Kniegelenkspiegelung unter Vollnarkose. Während des Eingriffs erhielten 41 Patienten über Kopfhörer Musik, die sie zuvor selbst ausgewählt hatten. Die übrigen Patienten dienten als Vergleichsgruppe.
Anschließend erfasste das medizinische Personal mehrfach Beschwerden und Schmerzen. Dafür untersuchte es die Patienten nach 30 Minuten, zwei Stunden und 24 Stunden nach der OP. Zusätzlich beantworteten die Teilnehmer einen Fragebogen zu ihrer Erholung. Dabei ging es unter anderem um körperliche Beschwerden, Schmerzen und die Fähigkeit, alltägliche Dinge selbstständig zu erledigen.
Verbessertes körperliches Wohlbefinden nach der OP
Bei der Bewertung des körperlichen Wohlbefindens schnitt die Musikgruppe besser ab. Sie erreichte durchschnittlich 52,54 Punkte, während die Kontrollgruppe nur auf 47,95 Punkte kam. Dieser Unterschied war statistisch signifikant.
Allerdings flossen auch Übelkeit und Erbrechen in die Bewertung des körperlichen Wohlbefindens ein. Da diese Beschwerden in der Musikgruppe seltener auftraten, könnten sie das bessere Gesamtergebnis maßgeblich beeinflusst haben.
Ob sich die Patienten auch in anderen Bereichen körperlich besser fühlten, ließ sich nicht feststellen. Denn den Medizinern lagen für die spätere Auswertung nur die Gesamtpunktzahlen vor. Wie die Patienten die einzelnen Beschwerden bewertet hatten, konnten sie deshalb nicht mehr nachvollziehen.
Wie Musik unter Narkose wirken könnte
Unter Vollnarkose nehmen Patienten ihre Umgebung normalerweise nicht bewusst wahr. Dennoch könnte das Gehirn akustische Reize weiterhin teilweise verarbeiten. Die Wissenschaftler halten es deshalb für möglich, dass Musik auch während der Bewusstlosigkeit körperliche Reaktionen beeinflusst. Ein denkbarer Weg führt über das autonome Nervensystem, das unter anderem unwillkürliche Körperfunktionen steuert.
Außerdem können Stress, Angst und Schmerzen das Auftreten von Übelkeit nach Operationen begünstigen. Musik könnte solche Belastungsreaktionen abschwächen. Dennoch bleibt der Wirkmechanismus unklar. Die Mediziner erfassten die Ängste der Patienten vor dem Eingriff nicht systematisch. Deshalb lässt sich ihr Einfluss auf die Ergebnisse nicht zuverlässig beurteilen.
Schmerzen nach der OP blieben jedoch gleich
Bei den Schmerzen nach dem Eingriff brachte die musikalische Begleitung keinen statistisch nachweisbaren Nutzen. Sowohl kurz nach der Operation als auch bei den späteren Messungen unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant. Auch benötigten die Patienten mit Musik nicht seltener zusätzliche Schmerzmittel. Die positiven Ergebnisse lassen sich somit nicht auf sämtliche Operationsbeschwerden übertragen.
Ähnlich fiel das Ergebnis bei der allgemeinen Erholungsqualität aus. Dafür nutzten die Mediziner einen Fragebogen mit 40 Fragen aus fünf Bereichen. Die Musikgruppe erreichte in der Gesamtauswertung durchschnittlich 168,76 Punkte, die Kontrollgruppe 162,29 Punkte. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Eine insgesamt bessere Erholungsquote ließ sich damit nicht belegen.
Fokus bleibt auf reduzierter Übelkeit
Die Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen der Studie hin. Dazu gehören die geringe Teilnehmerzahl und mögliche Unterschiede beim individuellen Risiko für postoperative Übelkeit. Auch könnte die Lautstärke der Musik das Ergebnis beeinflusst haben. Unter Vollnarkose reagiert das Gehör möglicherweise anders als im Wachzustand. Zudem ließen sich andere Geräusche im Operationssaal nicht vollständig kontrollieren.
Ob sich die Ergebnisse auf andere Arten von Operationen übertragen lassen, bleibt ungeklärt. Die Forscher halten weitere Untersuchungen mit größeren Patientengruppen für notwendig. Zur möglichen Wirkung auf die Erholungsqualität schreiben sie, dass die beobachteten Vorteile sich eher auf reduzierte Übelkeit als auf eine umfassend verbesserte körperliche Genesung beziehen.
Kurz zusammengefasst:
- Hören Patienten Musik unter Vollnarkose, könnte dies Übelkeit und Erbrechen infolge einer Operation reduzieren: In einer südkoreanischen Studie mit 82 Patienten waren 4,9 Prozent der Musikgruppe von diesen Nebenwirkungen der Narkose betroffen, gegenüber 22 Prozent ohne Musik.
- Auch das körperliche Wohlbefinden nach der OP fiel mit Musik besser aus: Ob dieser positive Effekt allein auf die reduzierte Übelkeit zurückzuführen war, blieb jedoch unklar.
- In Bezug auf Schmerzen und Erholung vom Eingriff zeigte sich kein statistisch nachweisbarer Vorteil gegenüber Patienten, die keine Musik während der OP hörten: Größere Studien müssen klären, wie zuverlässig Musikeinspielung während einer Vollnarkose wirkt und ob sie auch bei anderen Operationen hilft.
Übrigens: Musik könnte nicht nur helfen, die Folgen einer Vollnarkose besser zu verarbeiten, sondern auch nach einer Operation Schmerzen lindern und den Bedarf an starken Schmerzmitteln deutlich senken. Mehr dazu in unserem Artikel.
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