Krähen entscheiden doppelt so schnell wie Menschen – Forscher entdecken verblüffende Fähigkeit

Zwei Krähen trafen visuelle Entscheidungen in nur 235 Millisekunden. Forscher aus Tübingen entdeckten erstaunliche Vorgänge im Gehirn.

Noch bevor die Krähe mit dem Schnabel reagiert, verraten ihre Nervenzellen, welche Entscheidung sie treffen wird. Forscher aus Tübingen konnten diese Signale bereits 170 Millisekunden vor der Reaktion messen.

Noch bevor die Krähe mit dem Schnabel reagiert, verraten ihre Nervenzellen, welche Entscheidung sie treffen wird. Forscher aus Tübingen konnten diese Signale bereits 170 Millisekunden vor der Reaktion messen. © Alexis Lours via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

Ein Wimpernschlag dauert ungefähr 100 bis 400 Millisekunden. In dieser kurzen Zeit kann eine Krähe bereits eine Entscheidung treffen, für die ein Mensch etwa doppelt so lange braucht. Nur 235 Millisekunden benötigten zwei Rabenkrähen, um die Bewegungsrichtung von Punkten auf einem Bildschirm zu erkennen und ihre Wahl mit dem Schnabel anzuzeigen. Wie leistungsfähig die Intelligenz von Krähen ist, zeigt sich auch an ihrer Genauigkeit: Trotz des hohen Tempos lagen sie bei eindeutigen Mustern nahezu immer richtig.

Wissenschaftler der Universität Tübingen untersuchten, wie das Gehirn der Vögel diese Leistung vollbringt. Philipp Schmidbauer und Andreas Nieder zeichneten dafür die Aktivität einzelner Nervenzellen auf. Ihre am 22. Oktober 2026 im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass Krähen bei der Entscheidungsfindung ähnliche grundlegende Mechanismen nutzen wie Menschen und Affen – obwohl ihre Gehirne völlig anders aufgebaut sind.

Krähen treffen Entscheidungen in 235 Millisekunden

Auf einem berührungsempfindlichen Bildschirm bewegten sich zahlreiche Punkte. Manche wanderten nach links, andere nach rechts. Die Krähen mussten erkennen, welche Bewegungsrichtung überwog, und anschließend mit ihrem Schnabel einen der beiden Zielkreise berühren.

Je mehr Punkte sich in dieselbe Richtung bewegten, desto leichter war die Aufgabe. Bei unübersichtlichen Mustern wurde die Entscheidung schwieriger. Die Vögel mussten aus widersprüchlichen visuellen Informationen die richtige Schlussfolgerung ziehen.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • 235 Millisekunden: So lange brauchten die beiden Krähen durchschnittlich, um ihre Entscheidung anzuzeigen.
  • Etwa doppelte Geschwindigkeit: Bei dieser visuellen Aufgabe reagierten sie ungefähr doppelt so schnell wie Menschen und Affen.
  • Nahezu 100 Prozent: Bei eindeutig erkennbaren Bewegungsrichtungen lagen die Krähen fast immer richtig.
  • 70 Millisekunden: Bereits nach dieser Zeit signalisierten Nervenzellen, welche Entscheidung der Vogel voraussichtlich treffen würde.

Auch bei schwer erkennbaren Mustern schnitten die Krähen besser ab, als es bei einer zufälligen Entscheidung zu erwarten wäre.

Das Gehirn verrät die Entscheidung schon 170 Millisekunden vorher

Die Geschwindigkeit der Vögel lässt sich bis in ihre Nervenzellen verfolgen. Dazu untersuchten die Wissenschaftler eine Hirnregion mit dem Namen Nidopallium caudolaterale. Sie erfüllt bei Vögeln ähnliche Aufgaben wie der präfrontale Kortex beim Menschen. Dieser Bereich unseres Gehirns ist unter anderem an der Verarbeitung von Informationen und der Entscheidungsfindung beteiligt.

Bereits 70 Millisekunden nachdem die Punkte auf dem Bildschirm erschienen, verrieten bestimmte Nervenzellen, für welche Bewegungsrichtung sich die Krähe voraussichtlich entscheiden würde. Das war rund 170 Millisekunden, bevor der Vogel seine Wahl mit dem Schnabel anzeigte. Sein Gehirn bereitete die Entscheidung also bereits vor, während es die Bewegungen der Punkte noch auswertete.

Krähengehirn arbeitet ähnlich wie das menschliche – nur schneller

Dabei zeigte sich ein erstaunliches Muster: Je eindeutiger die Punkte in eine Richtung wanderten, desto schneller stieg die Aktivität der beteiligten Nervenzellen an. Zum Zeitpunkt der Antwort näherten sich die Signale einem ähnlichen Aktivitätsniveau. Das Gehirn sammelte offenbar Hinweise, bis genügend Informationen für eine Entscheidung vorlagen.

Die Wissenschaftler beobachteten damit einen Mechanismus, der auch aus Untersuchungen an Primaten bekannt ist. Deren Nervenzellen verarbeiten eingehende Sinneseindrücke ebenfalls schrittweise und verstärken ihre Signale, während sich eine Entscheidung abzeichnet. Die Krähen benötigten für diesen Vorgang jedoch deutlich weniger Zeit, ohne an Genauigkeit einzubüßen.

Bei dem Experiment beobachtet die Krähe weiße Punkte auf einem schwarzen Bildschirm. Sie soll erkennen, ob sich die Punkte nach links oder rechts bewegen, und ihre Entscheidung durch einen Schnabelhieb auf den entsprechenden Zielkreis anzeigen. © Andreas Nieder
© Andreas Nieder Bei dem Experiment beobachtet die Krähe weiße Punkte auf einem schwarzen Bildschirm. Sie soll erkennen, ob sich die Punkte nach links oder rechts bewegen, und ihre Entscheidung durch einen Schnabelhieb auf den entsprechenden Zielkreis anzeigen. © Andreas Nieder

Warum das Krähengehirn anders funktioniert als unseres

Das menschliche Gehirn besitzt eine aus mehreren Schichten aufgebaute Großhirnrinde. Sie spielt eine zentrale Rolle bei komplexen geistigen Leistungen. Vögel verfügen nicht über eine solche geschichtete Großhirnrinde. Ihre Nervenzellen sind anders angeordnet und organisiert.

Trotzdem können Krähen anspruchsvolle Aufgaben lösen. Ihre Gehirne haben im Verlauf der Evolution andere Strukturen entwickelt, die vergleichbare Funktionen übernehmen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass im Vogelgehirn neuronale Dynamiken auftreten, die mit etablierten Rechenmodellen der Entscheidungsfindung menschlicher und nichtmenschlicher Primaten vereinbar sind“, erklärt Studienautor Nieder.

Entscheidend ist demnach nicht allein, wie ein Gehirn aufgebaut ist. Auch unterschiedlich organisierte Nervenzellnetzwerke können Informationen sammeln, bewerten und daraus Entscheidungen ableiten.

Schnelle Entscheidungen können beim Fliegen überlebenswichtig sein

Für einen fliegenden Vogel können wenige Millisekunden einen erheblichen Unterschied machen. Äste, Hindernisse oder andere Tiere tauchen während des Fluges plötzlich im Blickfeld auf. Gleichzeitig muss der Vogel seine Bewegungen präzise steuern.

Auch bei der Nahrungssuche ist eine schnelle Abstimmung zwischen Sehen und Bewegung wichtig. Der Schnabel muss das richtige Ziel treffen, während sich der Vogel selbst oder seine Umgebung bewegt.

Nieder vermutet deshalb, dass die außergewöhnliche Geschwindigkeit der Krähen mit den Anforderungen ihrer Lebensweise zusammenhängen könnte. Die Evolution könnte schnelle visuelle Entscheidungen und die anschließende Steuerung von Bewegungen begünstigt haben.

Ob diese Erklärung tatsächlich zutrifft, ist bislang offen. Ebenso wenig ist geklärt, welche Eigenschaften der Nervenzellen den Geschwindigkeitsvorteil ermöglichen.

Krähen können sogar ihre eigenen Rufe zählen

Die neue Untersuchung ergänzt frühere Erkenntnisse über die geistigen Fähigkeiten von Rabenvögeln. Bereits 2024 zeigte Nieders Forschungsteam, dass Krähen lernen können, eine vorgegebene Anzahl eigener Rufe zu erzeugen. Die Tiere konnten ein bis vier Rufe planen und anschließend ausstoßen. Sogar anhand des ersten Lautes ließ sich erkennen, wie viele weitere Rufe folgen sollten. Die Ergebnisse erschienen ebenfalls in Science.

Eine weitere Untersuchung der Universität Tübingen aus dem Jahr 2025 zeigte, dass Rabenkrähen durch Training lernen können, Werkzeuge gezielt einzusetzen. Mit einem Stäbchen holten sie Futter aus einer Plexiglasbox und passten ihre Bewegungen an veränderte Bedingungen an.

Die Fähigkeiten der Tiere reichen damit vom Erkennen visueller Muster über den Umgang mit Werkzeugen bis zur Planung eigener Lautäußerungen.

Sind Krähen also intelligenter als Menschen?

Die höhere Entscheidungsgeschwindigkeit bedeutet nicht, dass Krähen grundsätzlich intelligenter sind als Menschen. Die beiden untersuchten Tiere waren für eine bestimmte visuelle Aufgabe trainiert worden. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht auf sämtliche Formen des Denkens oder Entscheidens übertragen.

Auch die geringe Zahl von zwei Versuchstieren begrenzt die Aussagekraft. Ob andere Krähenarten ähnliche Geschwindigkeiten erreichen und wie groß die Unterschiede zwischen einzelnen Vögeln sind, bleibt offen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass das Vogelgehirn trotz seines anderen Aufbaus ähnliche grundlegende Entscheidungsprozesse hervorbringt wie das Gehirn von Primaten. Und für bestimmte Aufgaben benötigt es offenbar deutlich weniger Zeit.

Kurz zusammengefasst:

  • Zwei Rabenkrähen benötigten durchschnittlich nur 235 Millisekunden für eine visuelle Entscheidung – ungefähr halb so lange wie Menschen und Affen bei vergleichbaren Aufgaben.
  • Bereits nach 70 Millisekunden zeigten Nervenzellen im Krähengehirn, welche Wahl der Vogel voraussichtlich treffen würde – rund 170 Millisekunden vor der sichtbaren Reaktion.
  • Die Ergebnisse belegen eine außergewöhnliche Leistung bei einer bestimmten Aufgabe, nicht eine grundsätzlich höhere Intelligenz der Krähen.

Übrigens: Nicht nur Krähen überraschen mit ihren geistigen Fähigkeiten: Eine Kuh namens Veronika aus Österreich setzt sogar Werkzeuge gezielt ein und nutzt je nach Körperstelle unterschiedliche Techniken. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Alexis Lours via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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