Zu wenig Salz kann dem Gedächtnis schaden – Darmbakterien spielen dabei eine wichtige Rolle

Zu wenig und zu viel Salz verschlechterten bei Mäusen das Gedächtnis. Forscher fanden Veränderungen der Darmflora und im Gehirn.

Ein bisschen Salz gehört für viele zum Essen. Doch was auf dem Teller landet, beschäftigt auch die Bakterien in unserem Darm – mit möglichen Folgen für das Gehirn. © Pexels

Ein bisschen Salz gehört für viele zum Essen. Doch was auf dem Teller landet, beschäftigt auch die Bakterien in unserem Darm – mit möglichen Folgen für das Gehirn. © Pexels

Weniger Salz gilt als gesund. Doch ausgerechnet eine extrem salzarme Ernährung könnte dem Gedächtnis schaden. In einem Experiment mit Mäusen verschlechterte sie sowohl das Kurzzeitgedächtnis als auch die Fähigkeit, bekannte Gegenstände wiederzuerkennen. Die Tiere schnitten ähnlich schlecht ab wie Artgenossen, die besonders viel Salz erhielten.

Dabei entdeckten Wissenschaftler einen überraschenden Unterschied: Während zu viel Salz Entzündungsreaktionen begünstigte, verringerte zu wenig Salz die Produktion bestimmter Stoffwechselprodukte im Darm. Beide Ernährungsformen gingen zudem mit Veränderungen in einer wichtigen Gedächtnisregion des Gehirns einher.

Forscher der chinesischen Zhejiang University untersuchten dafür 32 männliche Mäuse, deren Darm zuvor mit menschlichen Bakterien besiedelt worden war. Über 14 Wochen erhielten die Tiere Futter mit unterschiedlich hohen Salzkonzentrationen. Wie die Fachleute im Fachjournal Food Research International berichten, nahmen bei beiden Salzextremen wichtige Proteine im Hippocampus ab. Diese Gehirnregion ist entscheidend für das Lernen und Erinnern. Ob eine starke Salzreduktion beim Menschen ähnliche Folgen hat, ist bislang ungeklärt.

Drei Salzkonzentrationen verändern die Darmflora

Vor Beginn der Ernährungsversuche erhielten die Mäuse Antibiotika, um ihre ursprünglichen Darmbakterien weitgehend zu entfernen. Anschließend übertrugen die Wissenschaftler Darmbakterien aus Stuhlproben von zehn gesunden Menschen. So entstand ein Tiermodell mit einer Darmflora, die stärker der menschlichen ähnelt.

Über 14 Wochen erhielten die Tiere Futter mit drei unterschiedlichen Salzkonzentrationen:

  • Salzarm: 0,1 Prozent Salz im Futter.
  • Normal: 0,5 Prozent Salz im Futter.
  • Salzreich: 8 Prozent Salz im Futter.

Die Prozentangaben beziehen sich auf das Mäusefutter. Sie lassen sich nicht unmittelbar auf den täglichen Salzkonsum eines Menschen übertragen.

Gedächtnistests offenbaren deutliche Unterschiede

In einem Y-förmigen Labyrinth mussten sich die Mäuse merken, welche Gänge sie bereits erkundet hatten. Tiere mit gutem räumlichem Kurzzeitgedächtnis bevorzugen gewöhnlich einen Gang, den sie zuvor seltener besucht haben. Sowohl die salzarm als auch die salzreich ernährten Mäuse schnitten schlechter ab als die Vergleichsgruppe.

Auch beim Wiedererkennen von Gegenständen hatten beide Gruppen Schwierigkeiten. Zunächst durften die Tiere zwei Objekte erkunden. Später tauschten die Wissenschaftler eines davon gegen einen unbekannten Gegenstand aus. Normalerweise beschäftigen sich Mäuse länger mit neuen Objekten. Bei beiden Salzextremen war diese Vorliebe vermindert.

Wichtige Verbindungen zwischen Nervenzellen werden geschwächt

Im Hippocampus fanden sich geringere Mengen der Proteine SYN1, PSD95 und BDNF. Sie unterstützen die Kommunikation zwischen Nervenzellen und helfen dem Gehirn, Verbindungen aufzubauen und anzupassen. Solche Veränderungen können Lern- und Gedächtnisprozesse beeinträchtigen.

Auch das Protein CREB war weniger aktiv. Es unterstützt Vorgänge, durch die Erfahrungen langfristig im Gedächtnis gespeichert werden. Die Veränderungen traten bei beiden Ernährungsformen auf. Allerdings bleibt offen, ob sie die schlechteren Gedächtnisleistungen unmittelbar verursachten.

Zu wenig Salz bremst die Darmbakterien auf andere Weise

Die Darmbakterien produzierten bei beiden Salzextremen weniger Propionat und Butyrat. Diese kurzkettigen Fettsäuren entstehen beim Abbau bestimmter Nahrungsbestandteile. Sie versorgen unter anderem Zellen der Darmwand mit Energie und beeinflussen Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse.

Bei extrem salzarmer Ernährung gingen zusätzlich zwei weitere Stoffwechselprodukte zurück: Acetat und Isobutyrat. Gleichzeitig blieben messbare Anzeichen einer systemischen Entzündung aus. Das bedeutet, dass die Wissenschaftler keine erhöhte Entzündungsreaktion im gesamten Körper nachweisen konnten.

Bei salzreicher Ernährung verliefen die Veränderungen anders. Entzündungsfördernde Darmbakterien nahmen zu und bestimmte Entzündungsbotenstoffe im Blut stiegen an. Hinzu kamen Veränderungen im Fettstoffwechsel. Wie Medical Xpress berichtet, untersuchten die Wissenschaftler außerdem das Bewegungsverhalten und mögliche Anzeichen von Angst bei den Tieren.

Damit unterscheiden sich die möglichen biologischen Ursachen der Gedächtnisprobleme. Bei viel Salz könnten Entzündungsprozesse beteiligt sein. Bei extrem wenig Salz kommt dagegen eine verringerte Produktion wichtiger bakterieller Stoffwechselprodukte infrage. Ob diese Veränderungen tatsächlich die Gedächtnisprobleme auslösten, ist noch nicht abschließend geklärt.

Warum weniger Salz nicht automatisch ungesund ist

Die extremen Salzkonzentrationen im Mäusefutter entsprechen keiner gewöhnlichen menschlichen Ernährung. Zudem waren ausschließlich männliche Tiere beteiligt, deren Darmflora zuvor künstlich verändert worden war. Ob Menschen bei einer langfristig salzarmen Ernährung ähnliche Gedächtnisprobleme entwickeln, ist deshalb unbekannt. Ebenso ungeklärt ist, ob sich Gedächtnisleistungen durch eine gezielte Beeinflussung der Darmflora verbessern lassen. Klinische Untersuchungen am Menschen fehlen dafür bislang.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen weiterhin, täglich weniger als fünf Gramm Salz aufzunehmen. Das entspricht ungefähr einem gestrichenen Teelöffel. In Deutschland liegt der durchschnittliche Verzehr darüber. Ein dauerhaft hoher Salzkonsum begünstigt Bluthochdruck und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Kurz zusammengefasst:

  • Zu wenig und zu viel Salz beeinträchtigten bei Mäusen das Kurzzeit- und Wiedererkennungsgedächtnis, wie ein 14-wöchiges Experiment zeigte.
  • Beide Salzextreme veränderten Darmflora und Gehirn: Bei wenig Salz gingen bestimmte Stoffwechselprodukte zurück, bei viel Salz stiegen zusätzlich Entzündungsmarker.
  • Für Menschen ist ein vergleichbarer Effekt nicht nachgewiesen: Die WHO empfiehlt Erwachsenen weiterhin weniger als fünf Gramm Salz täglich, um insbesondere Bluthochdruck vorzubeugen.

Übrigens: Nicht nur Salz könnte über die Darmflora das Gedächtnis beeinflussen. Ratten mit mediterraner Ernährung schnitten bei Gedächtnistests besser ab und entwickelten eine veränderte Darmflora. Mehr dazu in unserem Artikel über die Mittelmeer-Diät und das Gedächtnis.

Bild: © Pexels

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