Alzheimer: Zufallsfund im Blut könnte Grundlage für neuen Test werden
Forscher entdecken zufällig einen neuen Alzheimer-Biomarker im Blut. Bei Erkrankten ist seine Konzentration deutlich niedriger als bei gesunden Menschen. Die Entdeckung könnte zu einem neuen Bluttest führen.
Das körpereigene Molekül HAEE kommt im Blut von Alzheimerpatienten in deutlich geringerer Konzentration vor. Forscher prüfen, ob sich daraus ein neuer Bluttest entwickeln lässt. © Pexels
Ein winziges Molekül im menschlichen Blut könnte die Alzheimer-Diagnostik künftig erweitern. Es trägt die Bezeichnung HAEE und kommt bei Menschen mit Alzheimer offenbar in deutlich geringeren Mengen vor, als bei Gesunden. Russische Wissenschaftler entdeckten den ungewöhnlichen Zusammenhang zufällig bei der Untersuchung von 350 Blutproben von Alzheimerpatienten und gesunden Menschen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal PNAS Nexus. Besonders überraschend: Das Molekül war ursprünglich künstlich als möglicher Wirkstoff gegen Alzheimer entwickelt worden. Nun könnte es auch die Grundlage für einen neuen Alzheimer-Bluttest liefern.
Bei den 200 Alzheimerpatienten lag die durchschnittliche HAEE-Konzentration rund 51 Prozent unter dem Wert der 150 gesunden Vergleichspersonen. Die Wissenschaftler vermuten, dass der körpereigene Stoff möglicherweise eine Schutzfunktion besitzt. Fehlt er, könnten sich schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn leichter bilden. Allerdings ist bislang unklar, ob der Mangel zur Erkrankung beiträgt oder erst als deren Folge entsteht. Auch steht ein entsprechender Bluttest noch nicht für die medizinische Praxis zur Verfügung.
Künstliches HAEE als Medikament entwickelt
HAEE besteht aus vier miteinander verbundenen Aminosäuren. Solche kurzen Eiweißbausteine heißen Peptide. Ursprünglich entwickelten die Wissenschaftler HAEE, um die Bildung sogenannter Amyloid-Plaques zu verhindern. Diese Eiweißablagerungen gehören zu den typischen Veränderungen im Gehirn von Alzheimerpatienten. Bei ihrer Entstehung wirken unter anderem Zinkionen mit. Sie können bestimmte Amyloid-Beta-Moleküle miteinander verbinden und so deren Zusammenschluss fördern.
Das künstlich hergestellte HAEE soll diesen Vorgang stören. Es besetzt jene Stelle des Amyloid-Beta-Eiweißes, an die sich das Zink normalerweise bindet und kann dadurch die unerwünschte Wechselwirkung verhindern. In früheren Tierversuchen verringerte die Behandlung die Menge der Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Bei Ratten ergaben sich während einer 28-tägigen Behandlung zudem keine erkennbaren toxischen Wirkungen. Ob der Wirkstoff beim Menschen ähnlich funktioniert und ausreichend sicher ist, bleibt allerdings offen.
Körpereigenes HAEE überrascht Wissenschaftler
Für die geplante Weiterentwicklung des Wirkstoffs benötigten die Wissenschaftler ein Verfahren, mit dem sich HAEE im menschlichen Blut messen lässt. Dabei stießen sie auf einen unerwarteten Befund: Selbst Blutproben von Personen ohne entsprechende Wirkstoffbehandlung enthielten das Molekül. Die Autoren sprechen von einem „normalen körpereigenen Bestandteil des menschlichen Blutplasmas“. Offenbar produziert der Organismus selbst eine Substanz, die unabhängig davon künstlich als möglicher Alzheimer-Wirkstoff entwickelt worden war.
Woher das natürliche HAEE stammt, lässt sich bislang nicht sicher erklären. Als mögliche Quellen identifizierten die Wissenschaftler sechs menschliche Proteine. Aus ihnen könnte der Körper den kurzen Eiweißbaustein mithilfe bestimmter Enzyme herstellen. Auch seine biologische Funktion ist ungeklärt. Die Forscher halten es für möglich, dass HAEE auch im Körper von gesunden Menschen mit Amyloid-Beta zusammenwirkt und dessen schädliche Ansammlung begrenzt. Dafür fehlen jedoch noch direkte Nachweise.
Bei den gesunden Vergleichspersonen fanden sich durchschnittlich 360,5 Pikogramm HAEE pro Milliliter Blutplasma. Unter den Alzheimerpatienten waren es lediglich 175 Pikogramm. Ein Pikogramm entspricht einem Billionstel Gramm. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen war statistisch deutlich. Zwischen den einzelnen Krankheitsstadien ergaben sich dagegen keine statistisch signifikanten Unterschiede. Ein niedriger HAEE-Wert lässt deshalb keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die Schwere der Erkrankung zu.
Alzheimer-Bluttest auf HAEE bietet keine ausreichende Sicherheit
Für einen möglichen Alzheimer-Bluttest berechneten die Wissenschaftler einen Grenzwert von 232 Pikogramm pro Milliliter. Bei niedrigeren Konzentrationen würde der Test auf eine mögliche Erkrankung hinweisen. Mit diesem Grenzwert erkannte das Verfahren rund 84 Prozent der klinisch diagnostizierten Alzheimerpatienten. Unter den gesunden Vergleichspersonen identifizierte es jedoch nur etwa 64 Prozent korrekt als unauffällig. Damit besteht ein erhebliches Risiko für falsch positive Ergebnisse.
Die untersuchten Alzheimerpatienten hatten alle bereits eine klinische Diagnose. Allerdings bestätigten die Wissenschaftler diese nicht zusätzlich durch spezifische Alzheimer-Biomarker oder bildgebende Verfahren. Deshalb könnten sich unter den Erkrankten auch Menschen mit anderen Demenzformen befunden haben. Hinzu kommen Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen. Die gesunden Teilnehmer waren durchschnittlich etwas jünger. Ob auch das Lebensalter die HAEE-Konzentration beeinflusst, ist noch ungeklärt.
Neuentdeckung muss noch weiter untersucht werden
Für eine medizinische Anwendung wären weitere Untersuchungen mit unabhängigen Patientengruppen erforderlich. Ebenso offen bleibt die therapeutische Bedeutung: Die künstliche Zufuhr von HAEE könnte theoretisch einen Mangel ausgleichen. Ob dadurch beim Menschen Amyloid-Ablagerungen zurückgehen oder sich der Krankheitsverlauf verlangsamt, wurde bisher nicht klinisch nachgewiesen.
Auch wirtschaftliche Interessen spielen bei der Bewertung möglicherweise eine Rolle. Das Moskauer Unternehmen Lifemission finanzierte die Untersuchung und hält Patente auf HAEE als Alzheimer-Biomarker sowie ein entsprechendes Diagnosesystem.
Kurz zusammengefasst:
- Neuer Alzheimer-Biomarker entdeckt: Das körpereigene Molekül HAEE kommt im Blut von Alzheimerpatienten durchschnittlich in rund 51 Prozent geringerer Konzentration vor als bei gesunden Vergleichspersonen.
- Möglicher Bluttest: HAEE könnte künftig helfen, Alzheimer anhand einer Blutprobe zu erkennen, allerdings ist das Verfahren bislang nicht zuverlässig genug für die medizinische Praxis.
- Neue Hoffnung für die Behandlung: In Tierversuchen verringerte künstlich hergestelltes HAEE schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn, doch Wirksamkeit und Sicherheit beim Menschen sind noch nicht nachgewiesen.
Übrigens: Auch der Hanfwirkstoff CBD könnte für die Alzheimertherapie interessant sein. Im Labor verändert CBD die Fettzusammensetzung von Nervenzellen – mit bislang unklaren Folgen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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