Pinkeln im Sitzen oder Stehen: Neue Studie zeigt, ob eine Position gesünder ist
Eine Studie mit 52 Männern zeigt: Sitzen oder Stehen macht beim Urinfluss kaum Unterschiede. Bei Prostatabeschwerden kann Sitzen helfen.
Ein Mann pinkelt im Stehen. Ob Sitzen gesünder ist, haben Wissenschaftler nun untersucht. © Magnific
Ob Männer im Sitzen oder Stehen pinkeln, ist vor allem eine Frage der Gewohnheit. Doch macht die Körperhaltung auch gesundheitlich einen Unterschied? Eine neue Untersuchung mit 52 Männern liefert eine überraschend klare Antwort: Bei gesunden Männern verändert die Position weder die maximale Geschwindigkeit des Urinstrahls noch die ausgeschiedene Urinmenge in statistisch bedeutsamem Ausmaß. Nur beim Erreichen des stärksten Urinstrahls hat das Sitzen einen kleinen Vorteil von rund drei Sekunden. Für Männer mit Prostatabeschwerden kann die Körperhaltung dagegen durchaus wichtig sein.
Die Ergebnisse stammen von der Colombian Urology Research Group, die ihre Untersuchung im Fachjournal Neurourology and Urodynamics veröffentlichte. Die 52 Teilnehmer waren zwischen 18 und 39 Jahre alt und hatten keine bekannten urologischen Erkrankungen. Jeder von ihnen urinierte sowohl im Sitzen als auch im Stehen. Dabei erfassten die Wissenschaftler, wie schnell der Urin floss, welche Menge ausgeschieden wurde und wie lange es bis zum stärksten Urinstrahl dauerte.
Pinkeln im Sitzen verändert den Urinstrahl kaum
Im Stehen erreichte der Urinstrahl eine maximale Geschwindigkeit von durchschnittlich 26,15 Millilitern pro Sekunde. Im Sitzen waren es 27,62 Milliliter. Auch die ausgeschiedene Urinmenge unterschied sich nur geringfügig: 377 Milliliter im Stehen gegenüber 391 Millilitern im Sitzen. Beide Unterschiede waren statistisch nicht signifikant.
Etwas deutlicher fiel der Unterschied beim Erreichen des stärksten Urinstrahls aus. Im Stehen dauerte es durchschnittlich 14,46 Sekunden, im Sitzen 11,15 Sekunden. Allerdings beeinflusste ein einzelner Teilnehmer mit einem ungewöhnlich hohen Messwert das Ergebnis. Ohne ihn verringerte sich der Abstand auf 2,65 Sekunden und verlor nach einer strengeren statistischen Korrektur seine Signifikanz.
Beckenboden könnte sich im Sitzen leichter entspannen
Möglicherweise entspannt sich die Beckenbodenmuskulatur beim Sitzen leichter. Dadurch könnte der Urin die Harnröhre mit weniger Widerstand passieren und seine maximale Fließgeschwindigkeit früher erreichen. Ob dieser Mechanismus tatsächlich verantwortlich ist, bleibt offen. Die Muskelaktivität und den Druck innerhalb der Harnröhre erfassten die Wissenschaftler nicht.
Medizinisch dürfte der geringe Zeitunterschied bei gesunden Männern kaum eine Bedeutung haben. Die Autoren schreiben, die Körperhaltung habe offenbar „kaum einen praktischen Einfluss“ auf die gemessenen Werte. Einen Wechsel der gewohnten Position empfehlen sie deshalb nicht. Allerdings reichen die Daten nicht aus, um eine vollständige Gleichwertigkeit beider Positionen nachzuweisen.
Zwei Drittel der Männer haben keine bevorzugte Position
Auch bei den persönlichen Vorlieben gab es deutliche Unterschiede. Die 52 Teilnehmer machten folgende Angaben:
- 35 Männer (67,3 Prozent) hatten keine bevorzugte Position.
- 14 Männer (26,9 Prozent) pinkelten lieber im Sitzen.
- 3 Männer (5,8 Prozent) bevorzugten das Stehen.
Unter den Männern mit einer eindeutigen Vorliebe entschieden sich somit deutlich mehr für das Sitzen. Ob Hygiene, Bequemlichkeit oder Gewohnheit ihre Entscheidung beeinflussten, blieb ungeklärt. Rückschlüsse auf die Vorlieben aller Männer lassen sich aus der kleinen Teilnehmergruppe nicht ziehen.
Bei Prostatabeschwerden kann Sitzen Vorteile bringen
Bei Männern mit einer vergrößerten Prostata kann die Körperhaltung dagegen durchaus einen Unterschied machen. Die Prostata umschließt einen Teil der Harnröhre. Vergrößert sie sich, kann sie den Urinfluss behindern. Betroffene bemerken häufig einen schwächeren Strahl, Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder das Gefühl, ihre Blase nicht vollständig entleeren zu können.
Eine Metaanalyse von elf Studien aus dem Jahr 2014 fand bei Männern mit Beschwerden der unteren Harnwege Vorteile des Sitzens. Nach dem Wasserlassen verblieb durchschnittlich weniger Restharn in ihrer Blase. Bei gesunden Männern fanden sich dagegen keine entsprechenden Unterschiede. Die neue Untersuchung erfasste keine Männer mit mittelstarken oder schweren Beschwerden.
104 Messungen ermöglichen einen direkten Vergleich
Jeder der 52 Teilnehmer absolvierte zwei Messungen: einmal im Sitzen und einmal im Stehen. Bei 24 Männern begann die Untersuchung im Sitzen, bei 28 im Stehen. Die Reihenfolge wurde zufällig festgelegt. Zwischen den Terminen lagen mindestens 24 Stunden, damit die erste Messung das zweite Ergebnis möglichst nicht beeinflusste.
Eine Einschränkung war die unterschiedliche Blasenfüllung. Die Teilnehmer mussten vor den Untersuchungen keine festgelegte Wassermenge trinken. Zudem war die Gruppe mit 52 Männern zu klein, um die medizinische Gleichwertigkeit beider Positionen zuverlässig nachzuweisen. Die Autoren berechneten dafür einen Bedarf von mindestens 78 Teilnehmern unter der Annahme, dass tatsächlich kein Unterschied besteht. Bei kleineren tatsächlichen Unterschieden könnte eine wesentlich größere Gruppe erforderlich sein.
Kurz zusammengefasst:
- Für gesunde Männer macht es kaum einen Unterschied, ob sie im Sitzen oder Stehen pinkeln: Urinmenge und maximale Geschwindigkeit des Urinstrahls unterscheiden sich nicht signifikant.
- Im Sitzen erreicht der Urinstrahl seine höchste Geschwindigkeit rund drei Sekunden früher: Dieser Unterschied hat vermutlich keine medizinische Bedeutung.
- Bei Männern mit Prostatabeschwerden kann Sitzen Vorteile haben: Die Blase lässt sich möglicherweise vollständiger entleeren, sodass weniger Restharn zurückbleibt.
Übrigens: Nach einer Prostatakrebsoperation verlieren manche Männer vorübergehend die Kontrolle über ihre Blase. Eine neue Operationstechnik soll die Blasenkontrolle schneller wiederherstellen und die Erektionsfähigkeit besser erhalten. Mehr dazu in unserem Artikel.
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