47 Millionen Jahre alte Eule hatte eine Schabe im Magen – und jagte vermutlich tagsüber
Eine 47 Millionen Jahre alte Eule aus Hessen war vermutlich tagaktiv. Eine Schabe im Magen und ihre Flügel liefern Hinweise.
Heute sind die meisten Eulen auf die Jagd in der Dunkelheit spezialisiert. Vor 47 Millionen Jahren sah das offenbar noch anders aus: Die Vorfahren dieser Nachtjäger waren vermutlich tagsüber aktiv. © Pexels
Eulen gelten als lautlose Jäger der Nacht. Doch vor 47 Millionen Jahren waren ihre Vorfahren offenbar noch tagsüber unterwegs. Darauf deutet ein außergewöhnlicher Fossilienfund aus Hessen hin: Im Magen einer urzeitlichen Eule fanden Wissenschaftler die Überreste einer schillernden Schabe. Da diese vermutlich tagsüber aktiv war, könnte auch die Eule bei Tageslicht gejagt haben. Auch die Flügel des Vogels waren noch nicht an den nahezu lautlosen Flug heutiger Eulen angepasst. Die Nachtaktivität könnte sich demnach erst Millionen Jahre später entwickelt haben.
Das Forschungsteam des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt entdeckte das Fossil 2025 in der Grube Messel. Die neu beschriebene Art Masillastrix blattophaga war etwa zwölf Zentimeter groß und lebte in einer dicht bewaldeten Seenlandschaft. Sogar ihre Flügel- und Schwanzfedern blieben erhalten. Laut der im Fachjournal Current Biology veröffentlichten Studie handelt es sich um den ersten fossilen Vogel, bei dem eine Insektenmahlzeit eindeutig identifiziert werden konnte.
Warum die Eule vermutlich tagaktiv war
Die Flügel der Schabe schimmerten grünlich-blau. Verantwortlich dafür waren winzige Strukturen, die das Sonnenlicht reflektierten. Bei heutigen Schaben tritt eine solche Färbung vor allem bei tagaktiven Arten auf. Sie kann die Insekten vor Fressfeinden schützen, weil ihre Körper je nach Lichteinfall unterschiedlich erscheinen.
Im Magen der Eule blieben mehrere Flügelstücke erhalten. Ihre verzweigten Adern ermöglichten die Zuordnung zu den Schaben. Wenige Meter vom Eulenfossil entfernt fanden die Wissenschaftler ein ähnliches, etwa vier Zentimeter langes Insekt. Ob beide derselben Art angehörten, ließ sich nicht feststellen.
Federn und Knochen verraten die Lebensweise der Eule
Auch der Körperbau unterscheidet die urzeitliche Eule von heutigen Nachtjägern. Drei Merkmale fallen besonders auf:
- Schwungfedern: Die ausgefransten Kanten, mit denen heutige Eulen Fluggeräusche reduzieren, fehlten offenbar noch.
- Gefieder: Die für viele heutige Eulen typischen dunklen Querbänder auf Flügel- und Schwanzfedern waren nicht erkennbar.
- Flügelknochen: Der Oberarmknochen war kürzer und kräftiger. Die Flügel eigneten sich deshalb vermutlich weniger gut für geräuscharmes Fliegen.
Die Unterschiede lassen sich auch messen. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite des Oberarmknochens lag bei 3,2. Bei heutigen Eulen beträgt es zwischen 3,7 und 5,9. Ihre längeren Flügel ermöglichen einen langsamen, weitgehend lautlosen Flug.

Fossil stammt vermutlich von einer jungen Eule
Allerdings war die Messel-Eule wahrscheinlich noch nicht vollständig ausgewachsen. Ihre Knochen weisen darauf hin, dass sie das Nest bereits verlassen hatte, aber vermutlich noch von ihren Eltern gefüttert wurde. Die Schabe könnte deshalb auch ein erwachsener Vogel gefangen haben.
Einige Schwungfedern befanden sich ebenfalls noch im Wachstum. Ihre Länge erlaubt deshalb nur eingeschränkte Rückschlüsse auf die Flügelform erwachsener Tiere. Die fehlenden Anpassungen an den lautlosen Flug und der Mageninhalt sprechen dennoch für eine tagaktive Lebensweise.
Eulen wurden vermutlich erst Millionen Jahre später nachtaktiv
Ein weiteres Fossil aus Frankreich hilft, den Übergang zur Nachtaktivität zeitlich einzugrenzen. Die rund 35 Millionen Jahre alte Eule Nocturnavis incerta besaß bereits einen Oberarmknochen mit ähnlichen Proportionen wie heutige Eulen. Der Wechsel von der Tag- zur Nachtaktivität dürfte demnach vor etwa 48 bis 35 Millionen Jahren stattgefunden haben.
Eine bisher diskutierte Erklärung passt allerdings nicht zu diesem Zeitraum. Demnach könnten Eulen nachtaktiv geworden sein, um Konkurrenz mit tagaktiven Greifvögeln zu vermeiden oder bestimmte Nagetiere zu jagen. Diese Tiergruppen breiteten sich laut den Forschern jedoch erst vor rund 20 bis 25 Millionen Jahren stärker aus. Welche Veränderungen den Wechsel zur nächtlichen Jagd tatsächlich begünstigten, ist weiterhin unklar.
Kurz zusammengefasst:
- Eine 47 Millionen Jahre alte Eule aus der Grube Messel in Hessen war vermutlich tagaktiv. Darauf deutet eine schillernde Schabe in ihrem Magen hin.
- Die Eule besaß noch nicht alle Merkmale heutiger Nachtjäger. Ihre Federn und Flügel waren weniger gut an den lautlosen Flug angepasst.
- Eulen entwickelten ihre nächtliche Lebensweise vermutlich erst vor etwa 48 bis 35 Millionen Jahren. Fossilien aus Deutschland und Frankreich helfen, diesen Zeitraum einzugrenzen.
Übrigens: Nicht nur das Eulenfossil aus Hessen verändert unser Wissen über die Vogelwelt. 149 Millionen Jahre alte Fossilien aus China belegen, dass Vögel bereits rund 20 Millionen Jahre früher als bislang angenommen kurze Schwänze entwickelten.
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