Seevögel setzen ihr eigenes Überleben aufs Spiel, um im nächsten Jahr mehr Nachwuchs großzuziehen
Der hohe Kraftaufwand beim Fliegen zwingt Dreizehenmöwen zu einem riskanten Tausch: Sie brechen früher ins Winterquartier auf und verbessern ihre Chancen auf späteren Nachwuchs. Dafür kehren im nächsten Jahr weniger Tiere zur Brutkolonie zurück.
Auf Middleton Island in Alaska wartet ein Dreizehenmöwen-Küken im Nest auf Futter. Für seine Eltern wird jeder Flug zum Kraftakt. © Wikimedia
Drei Schwungfedern, zwei Schwanzfedern – mehr brauchte es nicht, um das Leben der Dreizehenmöwen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Weil gekürzte Federn den Flug erschwerten, mussten die Tiere für Auftrieb und Steuerung mehr Kraft aufbringen. Jeder Weg zum Futter wurde anstrengender. Diese zusätzliche Belastung reichte aus, damit viele Eltern ihre Küken nicht mehr bis zum Ausfliegen versorgen konnten.
Ein Forschungsteam der Nagoya University verfolgte auf Middleton Island in Alaska, wie 251 Dreizehenmöwen mit dem höheren Energiebedarf umgingen. Die Tiere trafen dabei keine bewusste Entscheidung. Ihr Körper verteilte die verfügbare Energie vielmehr neu zwischen Brut, Zug und Selbsterhaltung. Wer während der Brut mehr Kraft verbrauchte, verließ die Kolonie früher, legte im Winter längere Strecken zurück und kehrte im folgenden Jahr seltener zurück, wie aus der Studie hervorgeht.
Wie Seevögel Nachwuchs und Überleben neu austarieren
Die Forscher teilten die Tiere 2021 in drei Gruppen ein. Bei 57 Möwen kürzten sie einzelne Flug- und Schwanzfedern am Ansatz. 105 Tiere bekamen während der Brutzeit zusätzlich Hering. Weitere 89 Möwen blieben unverändert und dienten als Kontrollgruppe. Kleine Geolokatoren zeichneten anschließend ihre Wege über den Nordpazifik auf.
Der höhere Energieaufwand traf vor allem den aktuellen Nachwuchs. Nur zehn Prozent der belasteten Tiere brachten mindestens ein Küken zum Ausfliegen. In der Kontrollgruppe lag der Anteil bei 43 Prozent. Bei den zusätzlich gefütterten Möwen waren es 44 Prozent. Der Erfolg beim Schlüpfen unterschied sich dagegen nicht statistisch bedeutsam zwischen den Gruppen.
Hoher Kraftaufwand treibt die Möwen früher aufs Meer
Für die belasteten Möwen war die Brutzeit früher vorbei. Im Durchschnitt verließen sie die Kolonie bereits am 16. August. Die Kontrolltiere blieben noch rund zehn Tage länger, die zusätzlich gefütterten Möwen fast ebenso lange. Offenbar drängte der hohe Energieverbrauch die Vögel früher aufs offene Meer.
Für Akiko Shoji von der Nagoya University ist dabei nicht allein der Verlust der Küken entscheidend. „Unsere Untersuchung belegt, dass die frühere Abreise nicht vom Bruterfolg oder Misserfolg selbst ausgelöst wird, sondern vom Energieaufwand während der Fortpflanzung“, erklärt die Studienautorin. Das Scheitern der Brut sei demnach eher eine Folge der hohen Belastung.
Längere Winterwege erhöhen später den Bruterfolg
Je früher eine Möwe die Kolonie verließ, desto mehr Kilometer legte sie im Winterhalbjahr insgesamt zurück. Möglicherweise wird die zusätzliche Zeit auf See genutzt, um weiter entfernte und ergiebigere Nahrungsgebiete aufzusuchen.
Die meisten Tiere zogen südöstlich von Middleton Island durch den Golf von Alaska. Einige erreichten weiter entfernte Meeresgebiete, wo sie vermutlich günstigere Bedingungen für Nahrungssuche und Wärmehaushalt fanden.
Unter den zurückgekehrten Möwen hatten jene mit längeren Winterwegen im folgenden Jahr häufiger Erfolg bei der Brut. Entscheidend war dabei nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Versuchsgruppe. Zwischen den drei Gruppen gab es beim späteren Bruterfolg keinen statistisch eindeutigen Unterschied.
Mehr Nachwuchs kostet einen Teil der Überlebenschance
Der mögliche Vorteil für die nächste Brut hatte einen hohen Preis. Von den Möwen mit erhöhten Energieaufwand beim Fliegen kehrten im Folgejahr 67 Prozent zurück. In der Kontrollgruppe waren es 83 Prozent. Bei den zusätzlich gefütterten Tieren lag die Rückkehrrate bei 90 Prozent.
Die Rückkehrquote sagt nicht sicher, wie viele Möwen überlebt haben. Tiere, die nicht mehr auftauchten, könnten gestorben oder an einen anderen Brutplatz gewechselt sein. Das passiert bei Dreizehenmöwen zwar selten, ist aber möglich. Sicher war nur: Die belasteten Möwen kehrten seltener zurück als die gefütterten. Im Vergleich zur Kontrollgruppe war der Unterschied statistisch nicht eindeutig.
Möwen teilen ihre Kraft neu auf – mit riskanten Folgen
Die Forscher nennen diese Anpassung „energetische Flexibilität“. Einfach gesagt: Die Möwen teilten ihre Kraft neu auf. Sie steckten weniger Energie in die aktuelle Brut, verließen die Kolonie früher und legten im Winter längere Strecken zurück.
Im Körper der belasteten Tiere fanden die Forscher keine Hinweise auf größere Zellschäden. Offenbar schonten die Möwen zunächst sich selbst. Die längeren Winterwege führten einige Rückkehrer vermutlich in ergiebigere Nahrungsgebiete und halfen ihnen so bei der nächsten Brut. Andere Tiere starben möglicherweise oder kamen nicht mehr zur Kolonie zurück.
Kurz zusammengefasst:
- Gekürzte Flugfedern erhöhten den Energieverbrauch von Dreizehenmöwen und senkten ihren aktuellen Bruterfolg auf zehn Prozent.
- Die belasteten Tiere verließen die Kolonie früher und erreichten auf ihren längeren Winterwegen vermutlich bessere Nahrungsgebiete. Unter den Rückkehrern hatten diese Möwen im Folgejahr häufiger Bruterfolg.
- Gleichzeitig kehrten nur 67 Prozent der belasteten Möwen zurück, weshalb die Energieverteilung zwischen Brut, Wanderung und Selbsterhaltung ein riskanter Tausch blieb.
Übrigens: Möwen passen nicht nur ihren Energieeinsatz erstaunlich flexibel an, sondern reagieren auch sehr genau auf menschliche Stimmen. Ein strenger Tonfall kann sie sofort vom Essen vertreiben – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © TRinaud via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
