Neue LEDs locken viel weniger Insekten an – Bahn rüstet erste Bahnhöfe um

Neue 1800-Kelvin-LEDs senken die Lichtverschmutzung an Bahnhöfen: Sie lockten deutlich weniger Insekten an als bisherige Lampen.

An sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland untersuchten Forschende die Anziehungskraft verschiedener Leuchten auf fliegende Insekten. © Christian Bedeschinski

An sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland untersuchten Wissenschaftler die Anziehungskraft verschiedener Leuchten auf fliegende Insekten. © Christian Bedeschinski

Künstliches Licht gehört an Bahnhöfen zur Sicherheitsausstattung, doch für viele Insekten wird es nachts zum Problem. Fliegen, Käfer oder Nachtfalter orientieren sich an natürlichen Lichtreizen und können durch Lampen von ihrem Weg abgebracht werden. Ein Forschungsteam des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) hat deshalb an sechs Bahnhöfen in Brandenburg verschiedene Leuchtmittel verglichen. Das Ergebnis der im Fachjournal Biological Conservation veröffentlichten Studie: Bernsteinfarbene LEDs mit 1800 Kelvin zogen deutlich weniger Insekten an als herkömmliche Bahnsteigbeleuchtung. Damit lässt sich Lichtverschmutzung zumindest dort verringern, wo Dunkelheit aus Sicherheitsgründen keine Option ist.

Untersucht wurden Bahnhöfe im Naturpark Westhavelland, einer Region mit vergleichsweise dunklen Nächten und vielfältigen Lebensräumen. Die Forscher verglichen dort alte Natriumhochdrucklampen mit 2000 Kelvin, kaltweiße LEDs mit 4000 Kelvin und neue bernsteinfarbene LEDs – auch Amber LEDs genannt – mit 1800 Kelvin. Zusätzlich richteten sie unbeleuchtete Kontrollstellen ein. Die Lampen liefen unter normalen Betriebsbedingungen, während spezielle Fallen die angelockten Tiere erfassten. Insgesamt kamen 36 Fangvorrichtungen zum Einsatz.

Neue LEDs bremsen die Lichtverschmutzung – und locken weniger Insekten an

Die Unterschiede fielen in beiden Untersuchungsjahren klar aus. 2023 zogen die 1800-Kelvin-LEDs gegenüber den üblichen 4000-Kelvin-LEDs 44,9 Prozent weniger Arthropoden an. Die erfasste Biomasse sank um 50,9 Prozent, die Zahl der Arten um 23,2 Prozent. Im Vergleich zu den alten Natriumdampflampen lag die Zahl der gefangenen Tiere 38,8 Prozent niedriger.

2024 bestätigte sich dieser Trend. Gegenüber den kaltweißen LEDs sank die Zahl der Tiere um 51,4 Prozent, die Biomasse sogar um 77,4 Prozent. Verglichen mit Natriumdampflampen lag die Biomasse 76,5 Prozent niedriger. Die dunklen Kontrollstellen schnitten allerdings weiterhin besser ab als jede Lampe. Auch das optimierte Licht lockte also Insekten an.

Warmes Licht allein schützt Insekten kaum

Überraschend war vor allem der Vergleich mit den Natriumdampflampen. Ihre Farbtemperatur liegt bei nur 2000 Kelvin, ihr Licht wirkt damit ebenfalls warm. Trotzdem zogen sie ungefähr so viele Arthropoden an wie die deutlich kälteren 4000-Kelvin-LEDs. Zwischen beiden Varianten fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied. Die Kelvinzahl allein sagt daher wenig darüber aus, wie stark eine Lampe Insekten anzieht.

Das Licht der 1800-Kelvin-LEDs enthält außerdem kaum kurzwellige blaue Anteile und besitzt ein engeres Emissionsspektrum. Viele Insekten reagieren empfindlich auf solche kurzen Wellenlängen. Auch Strahlungsrichtung und Oberflächentemperatur der Leuchten können die Anziehung verändern.

Lichtverschmutzung erreicht auch bedrohte Insekten-Arten

Die Datenbasis ist umfangreich. 2023 sammelte das Team 55.985 Arthropoden, im folgenden Jahr weitere 15.025. Über beide Untersuchungszeiträume hinweg wurden 1481 Insektenarten bestimmt. Dabei fanden die Forscher unter anderem zahlreiche Käfer, Fliegen und Mücken, Schmetterlinge sowie Hautflügler.

Unter den nachgewiesenen Arten befanden sich auch gefährdete Tiere. Die Forscher identifizierten 48 Arten, die nach der deutschen Roten Liste als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht gelten. Weitere 38 Arten stehen unter besonderem oder strengem Schutz. Der Anteil der Proben mit mindestens einer gefährdeten oder geschützten Art lag unter Natriumdampflampen bei 73 Prozent, unter 4000-Kelvin-LEDs bei 71,3 Prozent und unter den neuen 1800-Kelvin-Leuchten bei 61,3 Prozent. An unbeleuchteten Stellen waren es 57,8 Prozent.

Die Bahn stellt erste Bahnhöfe dauerhaft um

Künstliches Licht kann Insekten desorientieren und ihre natürlichen Verhaltensweisen verändern. Manche Tiere kreisen lange um Lampen, verbrauchen dabei Energie oder werden leichter von Fressfeinden erbeutet. Auch Nahrungssuche, Fortpflanzung und Ausbreitung können darunter leiden. Die Untersuchung erfasste allerdings die Anziehung an verschiedene Lampen und nicht, wie viele Tiere dadurch sterben oder wie sich ganze Populationen langfristig entwickeln.

Die Deutsche Bahn hat die Beleuchtung an allen sechs untersuchten Bahnhöfen inzwischen auf 1800-Kelvin-LEDs umgestellt. Die Forscher halten die Technik auch für Straßen, Wohngebiete, Industrieflächen und andere Verkehrsanlagen für geeignet.

Vollständig lösen lässt sich das Problem mit einem anderen Leuchtmittel jedoch nicht. Zusätzlich empfehlen sie Maßnahmen wie Abschirmungen, Dimmen, Bewegungsmelder oder zeitweises Ausschalten. Die 1800-Kelvin-LEDs benötigen zudem etwas mehr Energie und geben Farben schlechter wieder als herkömmliche 4000-Kelvin-LEDs.

Kurz zusammengefasst:

  • Bernsteinfarbene LEDs mit 1800 Kelvin lockten an sechs Bahnhöfen deutlich weniger Insekten an als kaltweiße LEDs und alte Natriumdampflampen.
  • Ausschlaggebend ist offenbar nicht nur die warme Lichtfarbe, sondern vor allem das schmalere Spektrum mit wenigen kurzwelligen blauen Anteilen.
  • Dunkelheit belastet Insekten weiterhin am wenigsten, weshalb neben geeigneten LEDs auch Dimmen, Abschirmen und zeitweises Ausschalten helfen können.

Übrigens: Künstliches Licht kann nicht nur Insekten stören, sondern auch Autofahrer blenden. Moderne LED-Scheinwerfer, falsche Einstellungen und höhere Fahrzeuge verstärken den Effekt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Christian Bedeschinski

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