Insektensterben? Nach 30 Jahren zeichnet sich ein überraschender Gegentrend ab

Britische Langzeitdaten zeigen: Die Fangzahlen vieler Fluginsekten stiegen in 30 Jahren um bis zu 59 Prozent.

Trotz Insektensterben steigen in Großbritannien die Fangzahlen vieler Fluginsekten. Wärmere Temperaturen könnten dazu beitragen.

Trotz Insektensterben steigen in Großbritannien die Fangzahlen vieler Fluginsekten. Wärmere Temperaturen könnten dazu beitragen. © Pexels

Seit Jahrzehnten verschwinden Insekten aus Wiesen, Wäldern und Feldern. Doch aus Großbritannien kommen überraschende Zahlen: Dort haben die Fangzahlen vieler Fluginsekten und Spinnen innerhalb von 30 Jahren deutlich zugenommen – an vier Messstationen um 26 bis 59 Prozent. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei kleinen, bislang kaum beachteten Insektengruppen. Viele von ihnen sind zudem früher im Jahr unterwegs. Höhere Fangzahlen bedeuten allerdings nicht zwangsläufig, dass auch die Bestände am Boden wachsen.

Für die neue Studie zum Insektensterben untersuchten Wissenschaftler der Keele University und des Forschungsinstituts Rothamsted Research insgesamt 618.779 Insekten und Spinnen aus 71 Tiergruppen. Ihre im Fachjournal Global Change Biology veröffentlichten Ergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang mit steigenden Temperaturen hin. Wärmere Bedingungen könnten die Flugzeit verlängern und manchen Arten zusätzliche Fortpflanzungszyklen ermöglichen.

Kleine Insekten werden überraschend häufiger

Pilzmücken, Gallmücken, Käfer, Staubläuse und kleine Spinnen gehören zu den bislang wenig untersuchten Tiergruppen. Viele sind nur wenige Millimeter groß. Trotzdem übernehmen sie wichtige Aufgaben in der Natur:

  • Bestäubung: Manche Fluginsekten übertragen Pollen zwischen Pflanzen und tragen zu deren Fortpflanzung bei.
  • Zersetzung: Andere bauen abgestorbene Pflanzenreste ab und halten den Nährstoffkreislauf in Gang.
  • Schädlingsbekämpfung: Räuberische Arten fressen andere Insekten und helfen, deren Bestände zu regulieren.

Die Wissenschaftler nennen diese wenig beachteten Tiere „Cinderella-Arten“, angelehnt an das englische Aschenputtel. Anders als Schmetterlinge oder Bienen wurden viele dieser Gruppen bisher kaum systematisch erfasst. Dabei lagern im britischen Forschungsarchiv Millionen Insekten, die seit Jahrzehnten gesammelt, aber größtenteils nie näher bestimmt wurden.

Insektensterben: Studie untersucht jahrzehntealte Proben

Vier Saugfallen in Newcastle, Hereford, Rothamsted und Starcross lieferten die Daten. Die Anlagen saugen in 12,2 Metern Höhe vorbeifliegende Tiere an. Ursprünglich sollten sie die Wanderbewegungen von Blattläusen erfassen. Andere Insekten und Spinnen gelangten ebenfalls in die Fallen und wurden für spätere Untersuchungen aufbewahrt.

Die ausgewerteten Proben stammen aus den Jahren 1990 bis 2018. Statistische Modelle ermöglichten die Berechnung langfristiger Entwicklungen. Regional zeigten sich deutliche Unterschiede: In Hereford und Newcastle blieben die jährlichen Fangzahlen vergleichsweise stabil, während sie in Rothamsted und Starcross deutlich zunahmen.

Wärmere Temperaturen verändern den Jahresrhythmus

An drei der vier Standorte bestand ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen einem früheren Saisonbeginn und steigenden Fangzahlen. Besonders deutlich war dieser Zusammenhang bei Insektengruppen, die bereits früh im Jahr aktiv wurden. In Starcross traten viele Tiere ebenfalls früher auf, allerdings ohne einen eindeutigen Zusammenhang mit ihrer Häufigkeit.

Vor allem die Temperaturen beeinflussten die Entwicklung. Entscheidend waren unter anderem die Zahl der Frosttage, die Kälte im Winter und die Schwankungen zwischen Tag und Nacht. Mildere Bedingungen können die Flugzeit verlängern. Arten mit mehreren Fortpflanzungszyklen pro Jahr könnten dadurch zusätzliche Generationen hervorbringen. Ein ursächlicher Zusammenhang mit den höheren Fangzahlen ist allerdings nicht nachgewiesen.

Mehr Insekten in der Luft bedeuten nicht mehr Arten

In zwölf Metern Höhe bewegen sich vor allem Tiere, die größere Entfernungen zurücklegen. Ihre Flugbewegungen unterscheiden sich von denen der Insekten unmittelbar über Wiesen, Feldern oder Waldböden. Eine Art kann deshalb an einem bestimmten Standort seltener werden und gleichzeitig häufiger in den Saugfallen auftauchen.

Hinzu kommt ein weiterer Unterschied: Die Wissenschaftler bestimmten die Tiere überwiegend nach Familien, nicht nach einzelnen Arten. Innerhalb einer Familie können empfindliche Arten zurückgehen, während anpassungsfähige Arten zunehmen. Solche Verschiebungen lassen sich anhand der Fangzahlen nicht zuverlässig erkennen.

Klimawandel verändert die Flugaktivität

Neben den Temperaturen beeinflusste auch die Landschaft die Verteilung der Tiere. Intensiv bewirtschaftetes Grünland stand teilweise mit früherer Flugaktivität und höheren Fangzahlen in Zusammenhang. Eine mögliche Ursache sind Veränderungen der Lebensräume durch den Klimawandel und die intensive Landnutzung. Werden natürliche Flächen voneinander getrennt, müssen Insekten möglicherweise häufiger zwischen ihnen wandern.

„Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass die Sorgen um den Insektenschutz verschwunden sind“, sagt James Bell, Entomologieprofessor an der Keele University. Viele Untersuchungen unmittelbar über dem Boden dokumentieren weiterhin rückläufige Bestände.

Zudem beginnt die britische Datenreihe erst 1990. Die Landwirtschaft hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche natürliche Lebensräume verändert. Frühere Verluste sind deshalb nicht erfasst. Auch innerhalb der untersuchten Tiergruppen verlief die Entwicklung unterschiedlich. Während die Fangzahlen vieler Gruppen zunahmen, gingen sie bei anderen zurück.

Kurz zusammengefasst:

  • Überraschender Gegentrend zum Insektensterben: In Großbritannien stiegen die Fangzahlen vieler Fluginsekten und Spinnen innerhalb von rund 30 Jahren um 26 bis 59 Prozent.
  • Wärmere Temperaturen könnten die Entwicklung begünstigen: Viele Insekten sind früher im Jahr aktiv und können bei längeren warmen Phasen möglicherweise zusätzliche Generationen hervorbringen.
  • Das Insektensterben ist damit nicht widerlegt: Die Messungen erfolgten in zwölf Metern Höhe und erfassen vor allem fliegende Tiere, nicht die gesamten Insektenbestände oder die Entwicklung einzelner Arten.

Übrigens: Während britische Flugfallen steigende Fangzahlen registrieren, verschwanden auf einer abgelegenen Bergwiese in Colorado innerhalb von 20 Jahren mehr als 70 Prozent der Insekten. Selbst weitgehend unberührte Lebensräume sind somit betroffen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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