Ein Stoff in rotem Fleisch könnte Diabetes begünstigen – Studie zeigt 63 Prozent höheres Risiko bei hoher Aufnahme
Ein Zucker aus rotem Fleisch könnte Entzündungen fördern und so das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen. Das zeigt eine neue Studie.
Ob Steak, Hackfleisch oder Braten: Wer viel rotes Fleisch isst, könnte laut Studie ein höheres Risiko für Typ-2-Diabetes haben. © Unsplash
Rotes Fleisch steht seit Jahren im Verdacht, das Risiko für Typ-2-Diabetes zu erhöhen. Nun liefert eine große französische Langzeitstudie einen neuen Hinweis darauf, was dahinterstecken könnte: Neu5Gc, ein Zuckermolekül, das vor allem in Rind- und Lammfleisch vorkommt. Bei Menschen mit besonders hoher Neu5Gc-Aufnahme lag das Risiko für Typ-2-Diabetes 63 Prozent höher als in der Gruppe mit der niedrigsten Aufnahme.
Die Auswertung stammt aus der NutriNet-Santé-Kohorte mit 89.953 Erwachsenen. Zu Beginn hatten die Teilnehmer weder Typ-2-Diabetes noch Krebs, ihr Durchschnittsalter lag bei 42 Jahren. Über 7,2 Jahre traten 966 neue Diabetesfälle auf. Die Forscher berücksichtigten unter anderem Alter, Geschlecht, Bewegung, Ernährungsqualität, Rauchen und Vorerkrankungen. Die Ergebnisse werden auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes in Mailand vorgestellt und sind noch vorläufig.
Warum rotes Fleisch Diabetes fördern könnte
Neu5Gc kommt bei vielen Säugetieren natürlicherweise vor. Menschen können diesen Zucker dagegen nicht selbst herstellen, weil eine alte genetische Veränderung das dafür nötige CMAH-Gen außer Funktion setzte. Über Lebensmittel gelangt Neu5Gc dennoch in den Körper. Besonders viel steckt in rotem Fleisch, kleinere Mengen finden sich auch in Milchprodukten.
Nach dem Verzehr nimmt der Körper Neu5Gc auf. Ein Teil davon kann sich anschließend in menschlichen Zellen und Geweben wiederfinden. Das Immunsystem erkennt das Molekül dort als körperfremd und bildet Antikörper dagegen. Auf diese Weise könnte eine länger anhaltende Immunreaktion entstehen. Solche Entzündungsprozesse wurden bereits mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht. Nun prüfen Forscher, ob sie auch beim Typ-2-Diabetes eine Rolle spielen könnten.
Ein fremder Zucker löst eine Immunreaktion aus
„Unsere Ergebnisse stützen chronische Entzündungen als möglichen Mechanismus, der den Verzehr von rotem Fleisch mit Typ-2-Diabetes verbindet“, sagt Studienleiter Leopold Fezeu von der Université Sorbonne Paris Nord. Der Zusammenhang lasse sich nur teilweise durch die verzehrte Fleischmenge und das Körperfett erklären. Je höher die geschätzte Neu5Gc-Aufnahme aus Fleisch lag, desto höher fiel auch das Diabetesrisiko aus.
In der Gruppe mit der höchsten Neu5Gc-Aufnahme verzehrten Männer im Mittel 97 Gramm rotes Fleisch pro Tag, Frauen 73 Gramm. Einschließlich verarbeitetem Fleisch lagen die Werte bei 136 beziehungsweise 96 Gramm. In der zweithöchsten Gruppe war das Diabetesrisiko um 41 Prozent erhöht, in der höchsten um 63 Prozent. Die Mengen sind jedoch keine Schwellenwerte und erlauben keine Aussage darüber, ab welcher Portion das Risiko steigt.
Bei viel rotem Fleisch steigt das Risiko deutlich
Nachdem die Forscher zusätzlich die gesamte Menge an rotem Fleisch in die Berechnung einbezogen hatten, wurde der Zusammenhang mit Neu5Gc schwächer und war statistisch nicht mehr eindeutig. Damit lässt sich nicht belegen, dass Neu5Gc allein für das höhere Diabetesrisiko verantwortlich ist. Andere Bestandteile von Fleisch, darunter Hämeisen, könnten ebenfalls beteiligt sein.
Auch Übergewicht erklärt den Zusammenhang nur zum Teil. Nach Berechnungen des Teams entfielen etwa 13 Prozent der Verbindung zwischen Neu5Gc aus Fleisch und Typ-2-Diabetes auf Adipositas. Die Forscher vermuten deshalb weitere biologische Wege, etwa Entzündungsreaktionen an insulinproduzierenden Zellen oder in Geweben, die auf Insulin reagieren. Solche Mechanismen müssen noch direkt untersucht werden.
Rotes Fleisch und Diabetes bleiben eng verknüpft
Bei Neu5Gc aus Milchprodukten fanden die Forscher dagegen keinen Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes. Eine mögliche Erklärung liegt im niedrigeren Neu5Gc-Gehalt von Milch und in den üblichen Portionsgrößen. Für die gesamte Neu5Gc-Aufnahme aus allen Lebensmitteln ergab sich in der höchsten Gruppe ein um 37 Prozent erhöhtes Risiko, das vor allem durch den Fleischanteil geprägt war.
Die Studie kann Ursache und Wirkung nicht beweisen. Ernährungsangaben beruhen auf Protokollen, zudem lassen sich nicht alle Unterschiede im Lebensstil vollständig herausrechnen. „Wir wissen noch nicht, welche Menge an Neu5Gc eine Immunreaktion auslöst“, sagt Fezeu. Weitere Untersuchungen sollen deshalb Antikörper gegen Neu5Gc direkt messen und klären, wie der Zucker mit anderen Fleischbestandteilen zusammenspielt.
Kurz zusammengefasst:
- Neu5Gc ist ein tierisches Zuckermolekül, das vor allem in rotem Fleisch vorkommt und vom menschlichen Immunsystem als fremd erkannt werden kann.
- Menschen mit der höchsten Neu5Gc-Aufnahme aus Fleisch hatten in der französischen Langzeitstudie ein um 63 Prozent höheres Risiko für Typ-2-Diabetes als Personen mit der niedrigsten Aufnahme.
- Die Untersuchung belegt keine Ursache – nach Berücksichtigung der gesamten Menge an rotem Fleisch war der eigenständige Zusammenhang mit Neu5Gc nicht mehr statistisch eindeutig.
Übrigens: Nicht alle Ursachen von Typ-2-Diabetes lassen sich im Blut erkennen – viele genetische Prozesse spielen sich direkt in Leber, Muskeln und Bauchspeicheldrüse ab. Mehr dazu in unserem Artikel.
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