Demenzrisiko mit 20? Studie nennt wichtige Warnzeichen

Das Demenzrisiko hängt schon bei jungen Erwachsenen mit Lebensstil, Psyche und sozialer Lage zusammen. Das zeigt eine neue Studie.

Menschen im Park

Junge Erwachsene sammeln beim Demenzrisiko oft andere Belastungen als ältere Menschen. In der Studie fielen bei ihnen vor allem Rauchen, Bewegungsmangel und depressive Symptome stärker ins Gewicht. © Pexels

Lebensstil, psychische Gesundheit und soziale Lage können schon in jungen Jahren Spuren im Gehirn hinterlassen. Darauf deuten neue Daten aus Deutschland hin, die im Fachjournal Alzheimer’s & Dementia veröffentlicht wurden. Ein etablierter Demenzrisiko-Index hing bereits bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 39 Jahren mit Unterschieden in der geistigen Leistungsfähigkeit zusammen. Bisher galt dieser Index vor allem als Werkzeug für die Risikoabschätzung ab der Lebensmitte.

Für die Untersuchung werteten Forscher der Universität Leipzig Angaben aus der Nako-Gesundheitsstudie aus. Daran nahmen 149.948 Menschen zwischen 20 und 75 Jahren teil. Das Team nutzte den Lifestyle for Brain Health Index, kurz Libra. Dieser Wert bündelt veränderbare Risikofaktoren für Demenz. Dazu zählen Rauchen, Bewegungsmangel, depressive Symptome, Bluthochdruck, Herzkrankheiten und erhöhte Cholesterinwerte. Gerade bei jüngeren Erwachsenen fielen Rauchen, wenig Bewegung und depressive Symptome stärker ins Gewicht.

Demenzrisiko zeigt sich bei Jüngeren anders

Der auffälligste Befund betrifft junge Erwachsene. Bei den 20- bis 39-Jährigen traten vor allem verhaltensbezogene und psychosoziale Risikofaktoren häufiger auf. Dazu gehörten Rauchen, zu wenig körperliche Aktivität und depressive Symptome. In dieser Altersgruppe denkt kaum jemand an Demenz. Die Leipziger Daten legen jedoch nahe, dass sich Risikoprofile bereits in dieser Phase mit Unterschieden bei der geistigen Leistungsfähigkeit verbinden.

Bei älteren Teilnehmern sah das Muster anders aus. Dort überwogen eher Herz-Kreislauf-Risiken. Dazu gehörten Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung und erhöhte Cholesterinwerte. Das Demenzrisiko hat also je nach Alter andere Treiber. In jungen Jahren hängen Belastungen stärker mit Verhalten und psychischer Gesundheit zusammen. Später gewinnen medizinische Faktoren rund um Herz und Gefäße an Bedeutung.

Was dem Gehirn in jungen Jahren schaden kann

Für die Auswertung berechneten die Wissenschaftler für jede Person einen Libra-Wert. Ein höherer Wert steht für ein ungünstigeres Risikoprofil. Anschließend verglichen sie diesen Wert mit der kognitiven Leistung. Über alle Altersgruppen hinweg schnitten Menschen mit höheren Libra-Werten schlechter bei geistigen Tests ab. Die Untersuchung liefert damit keinen Demenztest für einzelne Personen. Sie beschreibt aber einen Zusammenhang, der für Vorsorge und Alltag relevant ist.

Vor allem macht sie deutlich, dass sich die Risiken im Laufe des Lebens verändern. Bei Jüngeren fallen eher Verhalten und psychische Gesundheit ins Gewicht. Bei Älteren kommen häufiger Erkrankungen von Herz und Gefäßen hinzu. Deshalb greift Prävention zu kurz, wenn sie erst in der Lebensmitte beginnt.

„Es wird deutlich, dass sich die Art der Risikofaktoren für Demenz über die Lebensspanne verändert. Die Risikoreduktion sollte nicht erst mit 40 oder 60 Jahren beginnen, sondern schon im jungen Erwachsenenalter ansetzen“, sagt Professorin Steffi G. Riedel-Heller. Sie leitet das Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health in Leipzig.

Demenzrisiko hängt auch mit sozialer Lage zusammen

Die Leipziger Forscher fanden nicht nur Unterschiede zwischen Altersgruppen. Auch soziale Faktoren spielten eine Rolle. Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status hatten im Durchschnitt ungünstigere Libra-Werte. Der Begriff beschreibt unter anderem Bildung, Einkommen und berufliche Situation. Solche Bedingungen beeinflussen oft, wie leicht Menschen gesunde Ernährung, Sportangebote, medizinische Vorsorge oder psychische Hilfe erreichen.

Auch zwischen Männern und Frauen zeigten sich Unterschiede. Männer erreichten im Durchschnitt höhere Libra-Werte. Bei ihnen kamen also häufiger mehrere veränderbare Demenzrisiken zusammen. Dazu zählen etwa Rauchen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte.

Bei Frauen fiel dagegen ein anderes Muster auf. Besonders Frauen mit niedrigerem sozioökonomischem Status schnitten bei hohen Libra-Werten schwächer in den geistigen Tests ab. Vereinfacht gesagt: Wenn ungünstige Lebensbedingungen und mehrere Gesundheitsrisiken zusammenkamen, zeigte sich bei ihnen ein besonders klarer Zusammenhang mit der geistigen Leistungsfähigkeit. Das betrifft etwa Frauen mit geringerer Bildung, weniger Einkommen oder belastender beruflicher Situation.

Damit geht es nicht allein um persönliche Entscheidungen im Alltag. Ob Menschen rauchen, sich regelmäßig bewegen, psychische Hilfe bekommen oder Vorsorge nutzen, hängt auch von ihren Lebensbedingungen ab. Wer wenig Geld, weniger Bildung oder hohe Belastungen im Alltag hat, erreicht Gesundheitsangebote oft schwerer. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Demenzrisiko nicht nur mit individuellen Faktoren zusammenhängt. Wenn wir soziale Ungleichheiten nicht stärker in den Blick nehmen, laufen wir als Gesellschaft Gefahr, dass die besonders gefährdeten Gruppen von wichtiger Risikoreduktion am wenigsten profitieren“, sagt Felix Wittmann vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health.

Leipziger Daten erweitern den Blick aufs Demenzrisiko

Die große Datengrundlage macht die Untersuchung für Deutschland besonders interessant. Knapp 150.000 Erwachsene aus der Nako-Gesundheitsstudie gingen in die Auswertung ein. Die Altersspanne von 20 bis 75 Jahren erlaubt einen Blick über viele Lebensphasen hinweg. Bislang war der Libra-Index vor allem bei Menschen ab 40 Jahren gut untersucht. Die Leipziger Daten erweitern diesen Blick deutlich. Der Index erfasste auch bei 20- bis 39-Jährigen relevante Muster. Höhere Risikowerte gingen in dieser Gruppe mit schwächerer kognitiver Leistung einher. Damit gewinnt die frühe Lebensphase für die Demenzvorsorge stärker an Bedeutung.

In Deutschland leben derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Deshalb hat die Frage nach früher Vorsorge eine große gesellschaftliche Bedeutung. Allerdings bleibt eine wichtige Einschränkung: Die Daten belegen keinen direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhang. Sie zeigen, dass höhere Risikowerte mit schlechterer kognitiver Leistung verbunden waren. Daraus folgt nicht, dass jeder Mensch mit solchen Faktoren später an Demenz erkrankt.

Frühe Vorsorge stärkt die Gehirngesundheit

Für den Alltag bleibt der Befund dennoch wichtig. Hirngesundheit hängt nicht nur an Gedächtnistraining oder medizinischen Kontrollen im Alter. Bewegung, Rauchstopp, stabile psychische Gesundheit und gute Herz-Kreislauf-Werte gehören früher dazu. „Wenn wir Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Ernährung oder psychische Gesundheit früh in den Blick nehmen, können wir vermutlich viel für die Gehirngesundheit im Alter tun“, sagt Riedel-Heller.

Die Autoren fassen den Befund nüchtern zusammen: „Demenzrisikofaktoren waren häufig und bereits bei jüngeren Erwachsenen mit schlechterer Kognition verbunden.“ Die Daten reichen also klar über Altersmedizin hinaus. Viele Belastungen entstehen lange bevor Demenz im Alltag überhaupt als Gefahr wahrgenommen wird. Deshalb lohnt sich ein früherer Blick auf das, was dem Gehirn schadet.

Kurz zusammengefasst:

  • Das Demenzrisiko hängt laut Leipziger Studie schon bei jungen Erwachsenen mit Lebensstil, Psyche und geistiger Leistungsfähigkeit zusammen.
  • In jungen Jahren zählen vor allem Rauchen, Bewegungsmangel und depressive Symptome, später stärker Bluthochdruck, Herzkrankheiten und erhöhte Cholesterinwerte.
  • Die Daten zeigen auch soziale Unterschiede: Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status hatten häufiger ungünstige Risikowerte.

Übrigens: Demenzrisiken können offenbar nicht nur durch Lebensstil und Herzgesundheit beeinflusst werden, sondern auch durch gezieltes Training bestimmter geistiger Fähigkeiten. Eine Langzeitstudie zeigt, dass ein kurzes Computertraining zur Verarbeitungsgeschwindigkeit noch nach 20 Jahren mit weniger Demenzdiagnosen verbunden war. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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