Kinderknochen aus Europas größtem Massengrab der Kupferzeit enthüllen eine 5000 Jahre alte Gesundheitskrise

In Europas größtem Massengrab der Kupferzeit fanden Forscher Hinweise auf lang anhaltende Atemwegserkrankungen bei Kindern.

Kinderknochen aus Camino del Molino zeigen, dass Atemwegserkrankungen schon vor 5000 Jahren Spuren im Körper hinterließen. Besonders Kleinkinder und frühe Jugendliche waren offenbar stark betroffen. © S. Díaz-Navarro via Phys.org

Kinderknochen aus Camino del Molino zeigen, dass Atemwegserkrankungen schon vor 5000 Jahren Spuren im Körper hinterließen. Besonders Kleinkinder und frühe Jugendliche waren offenbar stark betroffen. © S. Díaz-Navarro

Vor rund 5000 Jahren wurden in einer Felskammer im heutigen Südosten Spaniens immer wieder Verstorbene beigesetzt. Über Jahrhunderte kamen mehr als 1300 Menschen zusammen. Zwischen den Knochen fanden Archäologen auch ungewöhnlich viele Kinder und Jugendliche. Einige ihrer Schädel und Knochen tragen noch heute Spuren von Krankheiten, die damals offenbar weit verbreitet waren.

Im spanischen Camino del Molino liegt Europas größtes bekanntes Massengrab der Kupferzeit. Dort stießen Forscher auf 48 weitgehend vollständig erhaltene Skelette von Kindern und Jugendlichen. Solche Funde sind selten, weil Knochen in vorgeschichtlichen Gemeinschaftsgräbern oft durcheinanderliegen oder schlecht erhalten sind.

Im Massengrab aus der Kupferzeit bleiben Krankheitszeichen sichtbar

Die Untersuchung konzentrierte sich auf Veränderungen an Schädeln, Beinen, Wirbeln und Beckenknochen. Insgesamt wiesen 44 der 48 untersuchten Kinder und Jugendlichen mindestens eine auffällige Knochenveränderung auf. Das entspricht 91,7 Prozent.

Besonders häufig fanden die Wissenschaftler poröse Veränderungen an Knochen. Fast 90 Prozent der Kinder waren davon betroffen. Zusätzlich fanden sich bei 68,8 Prozent Veränderungen, die mit Atemwegsinfektionen in Verbindung gebracht werden. Bei zwei Dritteln der Kinder traten beide Befunde gemeinsam auf.

Poröse Knochenstellen an Schädel und Oberschenkel zeigen, welche Spuren Krankheiten vor 5000 Jahren bei Kindern hinterließen. © S. Díaz-Navarro
© S. Díaz-Navarro Poröse Knochenstellen an Schädel und Oberschenkel zeigen, welche Spuren Krankheiten vor 5000 Jahren bei Kindern hinterließen. © S. Díaz-Navarro

Sonia Díaz-Navarro von der Universität Burgos erklärt laut Phys: „Das Muster, das wir beobachten, weist wahrscheinlich eher auf eine allgemeine Belastung durch wiederkehrende oder lang anhaltende Atemwegserkrankungen hin als auf einen einzelnen Erreger.“

Atemwegserkrankungen trafen die Jüngsten besonders hart

Auffällig waren zwei Altersgruppen. Kinder zwischen einem und vier Jahren zeigten besonders viele Veränderungen. Ein zweiter Höhepunkt trat bei Jugendlichen zwischen zehn und 14 Jahren auf.

Gerade die jüngsten Kinder galten auch damals als besonders anfällig für Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Einige Veränderungen im Schädelinneren erinnern an Befunde, die andere Forscher bereits mit frühen Stadien von Tuberkulose in Verbindung gebracht haben.

Einen eindeutigen Beweis für Tuberkulose liefert die Studie allerdings nicht. Die Autoren sprechen von einem möglichen Zusammenhang. Künftige DNA-Untersuchungen sollen klären, welche Krankheitserreger tatsächlich in der Gemeinschaft vorkamen.

Knochen erzählen vom Alltag vor 5000 Jahren

Die Befunde geben auch Hinweise auf die Lebensbedingungen der damaligen Menschen. Die Kinder lebten vermutlich in engem Kontakt miteinander. Bemerkenswert ist zudem, dass Jungen und Mädchen ähnliche Krankheitsmuster aufwiesen. Unterschiede zwischen den Geschlechtern fanden die Forscher kaum. Das spricht dafür, dass alle Kinder ähnlichen Belastungen ausgesetzt waren.

„Kinder innerhalb der Siedlung waren vielen derselben Umwelteinflüsse ausgesetzt: Rauch in Innenräumen, Staub, organische Partikel aus Handwerk und Lebensmittelverarbeitung, enger Kontakt zu Tieren und möglicherweise von Tieren übertragene Krankheitserreger“, sagt Díaz-Navarro.

Das größte Grab seiner Art birgt weitere Rätsel

Camino del Molino gilt als das größte bekannte kollektive Grab der Kupferzeit in Europa. Die Anlage wurde über rund 700 Jahre genutzt. Insgesamt identifizierten Forscher mindestens 1348 Menschen. Darunter befanden sich 413 Nicht-Erwachsene.

Mehrere Skelette zeigen zudem weitere Besonderheiten. Einige Menschen hatten bereits vor 5000 Jahren Eingriffe am Schädel überstanden. Auch ein Mensch mit Kleinwuchs wurde in dem Grab bestattet. Hinweise auf eine besondere Behandlung dieser Personen fanden die Wissenschaftler nicht.

„Die verfügbaren Hinweise deuten darauf hin, dass die Menschen unabhängig von ihrem Gesundheitszustand auf die gleiche Weise bestattet wurden“, sagt Díaz-Navarro.

Die Knochen aus Camino del Molino erlauben damit einen seltenen Blick auf Gesundheit, Krankheit und Alltag in einer Zeit, aus der kaum schriftliche Zeugnisse existieren. Was damals durch Husten, Fieber oder Atemnot begann, hat sich in vielen Fällen bis heute im Skelett erhalten.

Kurz zusammengefasst:

  • Europas größtes Massengrab der Kupferzeit enthält Knochen von mehr als 1300 Menschen und gibt seltene Einblicke in das Leben vor 5000 Jahren.
  • Bei 44 von 48 untersuchten Kindern und Jugendlichen fanden Forscher auffällige Knochenveränderungen.
  • Die Spuren deuten auf lang anhaltende oder wiederkehrende Atemwegserkrankungen hin; Tuberkulose bleibt möglich, ist aber noch nicht sicher nachgewiesen.

Übrigens: Auch in einer Höhle hoch in den Pyrenäen fanden Forscher Kinderknochen – zusammen mit grünen Steinen, die auf frühe Kupferverarbeitung hindeuten. Warum dieser Ort vor 5500 Jahren offenbar viel mehr war als ein Unterschlupf, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © S. Díaz-Navarro

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