Flutung des ausgetrockneten Aralsees könnte 605 Millionen Tonnen CO₂ verhindern – die Milliarden dafür kämen aus seinem Seebett

Eine Flutung trockener Sedimente könnte 605 Millionen Tonnen CO₂ verhindern – realistisch ist vor allem eine Teilrenaturierung.

Der „Schiffsfriedhof“ erinnert an die Zeit, als der Aralsee noch voller Wasser war. Heute liegen die Wracks mitten in der Aralkum-Wüste.

Der „Schiffsfriedhof“ erinnert an die Zeit, als der Aralsee noch voller Wasser war. Heute liegen die Wracks mitten in der Aralkum-Wüste. © Wikimedia

Wo früher Fischerboote über das Wasser fuhren, erstreckt sich heute eine salzige Wüste. Rund 90 Prozent des Aralsees sind ausgetrocknet. Der freigelegte Boden setzt seit Jahrzehnten Kohlendioxid frei. Seit 1960 summieren sich die CO₂-Emissionen des Aralsees auf rund 748 Millionen Tonnen.

Die Berechnung stammt von einem internationalen Team unter Leitung des Centre for Advanced Studies of Blanes (CEAB) in Spanien. Beteiligt war auch das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, kurz IGB. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Science. Demnach könnten 605 Millionen Tonnen CO₂ im Sediment bleiben, wenn die trockenen Flächen dauerhaft wieder unter Wasser stünden.

Eine vorübergehende Flutung würde dafür nicht ausreichen. Der Kohlenstoff bleibt nur geschützt, solange die Sedimente unter Wasser liegen. Trocknen sie später erneut aus, beginnt die Zersetzung wieder. Jede Renaturierung müsste deshalb über Jahrzehnte abgesichert werden.

Wasser könnte die CO₂-Emissionen des Aralsees stark bremsen

Der Kohlenstoff lagerte sich über lange Zeit am Grund des Sees ab. Pflanzen und Algen nahmen Kohlendioxid aus der Luft auf. Nach ihrem Absterben sank das organische Material nach unten. Unter Wasser blieb ein großer Teil davon im Sediment gespeichert.

Mit dem Rückgang des Sees änderte sich dieser Prozess. Sauerstoff gelangte an die Ablagerungen. Mikroorganismen zersetzten das organische Material und setzten dabei Kohlendioxid frei. Pflanzen auf dem trockenen Seeboden nahmen weniger als ein Prozent dieser Emissionen wieder auf.

„Unter dem Aralsee verbirgt sich ein wahrer Kohlenstoffvorrat“, sagt Studienleiter Rafael Marcé vom CEAB-CSIC. „Bleiben diese Sedimente freigelegt, wird weiterhin Kohlenstoff in die Atmosphäre freigesetzt. Wird der See jedoch wieder geflutet, könnte derselbe Kohlenstoff von einer Emissionsquelle zu einem Teil der Klimalösung werden.“

Seit 1960 wurden Amudarja und Syrdarja für die Bewässerung umgeleitet

Der Aralsee liegt zwischen Kasachstan und Usbekistan. Einst gehörte er zu den größten Binnengewässern der Erde. Seit den 1960er-Jahren leiteten die damaligen Sowjetrepubliken große Wassermengen aus Amudarja und Syrdarja ab. Das Wasser versorgte vor allem Baumwollfelder und andere bewässerte Anbauflächen.

Der Pegel sank daraufhin immer weiter. Zugleich nahm der Salzgehalt zu, während Fischbestände und Feuchtgebiete verschwanden. Aus dem früheren Seeboden entstand die Aralkum-Wüste. Mit dem Wasser verlor die Region auch einen großen Kohlenstoffspeicher.

Die Satellitenaufnahme zeigt das Ausmaß des verschwundenen Aralsees: Nur wenige Wasserflächen sind geblieben, große Teile des früheren Seebodens liegen heute trocken. © Wikimedia
© ESA (Contains modified Copernicus Sentinel data 2025) via Wikimedia unter CC BY-SA IGO 3.0 Die Satellitenaufnahme zeigt das Ausmaß des verschwundenen Aralsees: Nur wenige Wasserflächen sind geblieben, große Teile des früheren Seebodens liegen heute trocken. © ESA (Contains modified Copernicus Sentinel data 2025) via Wikimedia unter CC BY-SA IGO 3.0

„Wenn ein See austrocknet, stehen wir nicht nur vor einem hydrologischen, ökologischen oder sozioökonomischen Problem“, sagt Mitautorin Núria Catalán vom CEAB-CSIC. „Auch der Kohlenstoffkreislauf wird in einer Weise verändert, die in der Klimabilanzierung bislang weitgehend unberücksichtigt geblieben ist.“

Eine vollständige Flutung bleibt sehr unwahrscheinlich

Die 605 Millionen Tonnen CO₂ sind ein theoretisches Vermeidungspotenzial. Dafür müssten große Teile des trockenen Seebodens dauerhaft wieder unter Wasser stehen. Nötig wären über viele Jahre deutlich höhere Zuflüsse in den Aralsee.

Eine Rückkehr des gesamten Sees zu seiner früheren Größe erscheint unter den heutigen Bedingungen kaum realistisch. Landwirtschaft, Städte und Industrie benötigen weiterhin große Mengen aus Amudarja und Syrdarja. Zudem müssten mehrere Staaten ihre Wasserpolitik dauerhaft aufeinander abstimmen. Das Forschungsteam bezeichnet eine vollständige Wiederherstellung deshalb als enorme technische, gesellschaftliche und politische Herausforderung.

Kasachstan treibt die Teilrenaturierung des Aralsees voran

Realistischer ist eine teilweise Renaturierung. Ein berechnetes Szenario sieht Investitionen von rund 9,7 Milliarden US-Dollar in eine bessere Wasserwirtschaft vor. Dadurch könnten die Zuflüsse so weit steigen, dass etwa 50 Prozent der Wasserfläche von 1960 zurückkehren. In diesem Fall ließe sich allerdings nur ein Teil der noch möglichen Emissionen verhindern.

Auf freiwilligen Kohlenstoffmärkten könnte der geschützte Kohlenstoff laut den Berechnungen zwischen 3,6 und 18 Milliarden US-Dollar wert sein. Ein Szenario mit einer Wiederherstellung von 50 Prozent der früheren Wasserfläche könnte Zertifikate für rund 323 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent erzeugen und damit Einnahmen generieren, die einen Teil der Renaturierung finanzieren.

Wie eine solche Teilrenaturierung aussehen kann, zeigt der Nord-Aralsee in Kasachstan. Dort soll der Kokaral-Damm laut The Astana Times weiter ausgebaut werden. Geplant ist, den Wasserspiegel auf 44 Meter anzuheben und die Wasserfläche auf rund 3913 Quadratkilometer zu vergrößern. Das Projekt betrifft allerdings nur den kleineren Nordteil. Für eine großflächige Flutung des früheren Aralsees wären deutlich mehr Wasser und eine langfristige Zusammenarbeit der zentralasiatischen Staaten nötig.

Der Nord-Aralsee erholt sich bereits sichtbar

Dass eine begrenzte Wiederherstellung funktionieren kann, belegt der nördliche Teil des Sees. Kasachstan trennte den Nord-Aralsee mit einem Damm vom südlichen Becken. Das Wasser des Syrdarja blieb dadurch im kleineren See. Der Pegel stieg, der Salzgehalt sank und Fischarten kehrten zurück.

IGB-Wissenschaftler Georgiy Kirillin forscht seit mehr als zehn Jahren am Aralsee. Rund 20 Jahre nach Beginn der Rettungsmaßnahmen habe der Nordteil wieder einen ähnlichen Zustand erreicht wie vor dem starken Wasserverlust. „Beispielsweise ist die Sauerstoffversorgung gut gewährleistet“, sagt Kirillin. Auch weitere trockene Flächen hätten daher grundsätzlich das Potenzial, sich nach einer Flutung zu erholen.

Der Erfolg im Norden lässt sich jedoch nicht einfach auf den gesamten Aralsee übertragen. Der Nordteil ist erheblich kleiner und lässt sich mit einem Damm gezielt mit Wasser versorgen. Für das südliche Becken wären wesentlich größere Zuflüsse nötig. Ohne Einsparungen in der Bewässerungslandwirtschaft bliebe dafür kaum genügend Wasser übrig.

Ähnliche Risiken bestehen an weiteren schrumpfenden Binnengewässern. Dazu zählen der Great Salt Lake in den USA, der Urmiasee im Iran, der Tschadsee und das Kaspische Meer. Wenn dort kohlenstoffreiche Sedimente trockenfallen, können Mikroorganismen ebenfalls gespeichertes organisches Material abbauen und Kohlendioxid freisetzen.

Kurz zusammengefasst:

  • Seit 1960 haben die trockengefallenen Sedimente des Aralsees rund 748 Millionen Tonnen CO₂ freigesetzt, weil gespeicherter Kohlenstoff an der Luft zersetzt wird.
  • Eine dauerhafte Wiedervernässung könnte weitere 605 Millionen Tonnen CO₂ im Boden halten, doch eine vollständige Flutung des früheren Sees gilt als kaum realistisch.
  • Erfolgversprechender ist die Teilrenaturierung im Norden: Dort steigen Wasserstand und Fischbestände bereits; größere Fortschritte erfordern jedoch eine sparsamere Bewässerung und internationale Zusammenarbeit.

Übrigens: Wie beim Aralsee könnte gespeichertes CO₂ künftig selbst zum Geschäft werden – die EU plant dafür einen neuen Markt mit handelbaren Zertifikaten. Unternehmen könnten damit bis zu 86 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr aus der Luft holen und daran verdienen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © MirfayzbekAbdullayev via Wikimedia unter CC0 1.0

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