Ihre Gene bestimmen mit, wo Sie wohnen, arbeiten und wann Sie schlafen
Wir halten Wohnort, Beruf und Tagesrhythmus für persönliche Entscheidungen. Doch eine Nature-Studie findet auch genetische Einflüsse.
Ob jemand nachts besonders aktiv ist oder bestimmte Wohngegenden bevorzugt, hängt laut Studie auch mit genetisch geprägten Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. © Pexels
Wo wir wohnen, wann wir aktiv sind und welchen beruflichen Weg wir einschlagen, halten wir gern für das Ergebnis unserer Entscheidungen. Doch ein Teil dieser Entscheidungen könnte viel tiefer beginnen – in unserer Persönlichkeit und damit auch in unserer DNA. Eine große Nature-Studie mit mehr als einer Million Menschen findet 1260 genetische Varianten, die mit fünf grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen – darunter Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Extraversion – und zugleich mit Wohnort, Tagesrhythmus, Gesundheit und beruflichen Lebenswegen verknüpft sind.
Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Michigan State University wertete dafür 46 Kohorten aus. Je nach untersuchtem Merkmal flossen Daten von rund 611.000 bis 1,14 Millionen Menschen ein. Die Wissenschaftler verglichen deren Persönlichkeitsprofile mit Millionen genetischer Unterschiede im Erbgut und suchten nach wiederkehrenden Zusammenhängen.
Die fünf sogenannten Big Five beschreiben grundlegende Unterschiede der Persönlichkeit:
- Offenheit: neugierig, aufgeschlossen für neue Ideen und Erfahrungen
- Gewissenhaftigkeit: organisiert, zuverlässig und zielorientiert
- Extraversion: gesellig, kontaktfreudig und aktiv
- Verträglichkeit: kooperativ, mitfühlend und rücksichtsvoll
- Neurotizismus: stärkere Neigung zu Sorgen, Stress und negativen Gefühlen
Wie Persönlichkeit und Gene zusammenwirken
Ein einzelnes „Persönlichkeitsgen“ gibt es allerdings nicht. Die Wirkung jeder gefundenen Genvariante war sehr klein. „Persönlichkeitsmerkmale sind mit vielen genetischen Varianten verbunden, aber selbst die größten Effekte einzelner genetischer Varianten sind immer noch sehr gering“, sagt Studienleiter Ted Schwaba von der Michigan State University. Erst das Zusammenspiel sehr vieler Varianten ergibt ein erkennbares genetisches Muster.
Die untersuchten häufigen Genvarianten erklärten je nach Persönlichkeitsmerkmal zunächst etwa 4,8 bis 9,3 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen. Bei Persönlichkeitstests mit typischer Messzuverlässigkeit lagen die Schätzungen höher. Zugleich bleibt die Umwelt wichtig. Gene legen deshalb weder Charakter noch späteres Verhalten fest. Die Forscher betonen ausdrücklich, dass sich aus den genetischen Profilen das künftige Verhalten eines einzelnen Menschen nicht vorhersagen lässt.
Offenheit zieht Menschen häufiger in die Großstadt
Besonders anschaulich wird der Zusammenhang beim Wohnort. Dafür wertete das Team Daten von 419.261 Menschen aus der UK Biobank aus. Die Forscher berücksichtigten unter anderem deren Geburtsort. So konnten sie besser unterscheiden, ob Menschen im Laufe ihres Lebens bestimmte Wohngegenden aufgesucht hatten.
Genetische Profile, die mit größerer Offenheit für Erfahrungen verbunden waren, gingen häufiger mit einem Umzug in kosmopolitische und beruflich geprägte Gegenden einher. Diese Menschen verließen dagegen öfter Vorstädte und sozial benachteiligte Viertel. Bei Gewissenhaftigkeit zeigte sich ein anderes Muster: Entsprechende genetische Profile waren häufiger mit einem Umzug aus kosmopolitischen Gegenden in wohlhabende Vororte verbunden.
Auch der Tagesrhythmus hängt mit Persönlichkeit zusammen
Selbst über den Tagesverlauf fanden die Forscher Unterschiede. Bei etwa 95.000 Teilnehmern der UK Biobank lagen Bewegungsdaten über 24 Stunden vor. Genetische Varianten für größere Offenheit waren dabei mit stärkerer Aktivität während der Nacht verbunden. Die genetische Korrelation lag bei ungefähr 0,25. Gewissenhaftigkeit hing dagegen mit mehr Aktivität am Tag zusammen; hier lag die genetische Korrelation bei rund 0,30.
Damit lässt sich allerdings nicht aus der DNA ablesen, wann jemand ins Bett geht. Die Untersuchung erfasste Aktivität und keinen festgelegten Schlafzeitpunkt. Dennoch passt der Befund zu der Idee, dass genetisch mitgeprägte Persönlichkeitsunterschiede bis in alltägliche Gewohnheiten hineinreichen können.
Gewissenhaftigkeit geht häufiger mit gesundem Verhalten einher
Noch deutlicher werden solche Überschneidungen bei der Gesundheit. Genetische Varianten für Gewissenhaftigkeit waren dabei mit mehreren Verhaltensweisen und Gesundheitsmerkmalen verbunden:
- weniger Substanzkonsum
- häufiger Sport
- stärkere Vorliebe für kalorienarme Lebensmittel
- niedrigerer Body-Mass-Index
- weniger Krankenhausaufenthalte
- gesünderes Altern
Eine zusätzliche statistische Analyse lieferte Hinweise auf mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Demnach könnte Gewissenhaftigkeit unter anderem zu einem niedrigeren BMI, einem geringeren Risiko für den Einstieg ins Rauchen und weniger Krankenhausaufenthalten beitragen. Bei Neurotizismus fanden die Forscher dagegen Hinweise auf ungünstigere Werte beim gesunden Altern. Die Autoren mahnen bei diesen Kausalaussagen jedoch zur Vorsicht und fordern weitere Untersuchungen.
Gene schreiben den Lebenslauf nicht fest
Auch Ausbildung, berufliche Wege und Einkommen weisen Überschneidungen mit den genetischen Grundlagen der Persönlichkeit auf. Genetische Varianten, die mit größerer Offenheit für Erfahrungen verbunden waren, hingen laut den Forschern auch mit dem Einkommen und einem häufigeren Wechsel des Arbeitsplatzes zusammen.
Schwaba fasst die breite Bedeutung so zusammen: „Persönlichkeit scheint fast überall eine Rolle zu spielen, wo man hinschaut.“ Die genetischen Varianten beeinflussen dabei nicht unmittelbar einen bestimmten Beruf oder ein bestimmtes Einkommen. Vielmehr können Persönlichkeitsmerkmale mitprägen, welche Entscheidungen Menschen treffen und welchen Umgebungen sie sich zuwenden.
Geschwistervergleich bestätigt den genetischen Einfluss
Dafür spricht auch ein ungewöhnlicher Teil der Untersuchung: Die Forscher verglichen Geschwister und Familienmitglieder miteinander. So konnten sie den Einfluss gemeinsamer Erziehung und familiärer Lebensbedingungen teilweise herausrechnen. Die genetischen Zusammenhänge mit den Big Five blieben dabei weitgehend bestehen. Im Durchschnitt entfielen rund 96 Prozent der statistischen Vorhersage auf direkt vererbte genetische Unterschiede.
Trotzdem bleibt aus einem genetischen Profil kein Lebenslauf ablesbar. Die gefundenen Varianten verschieben Wahrscheinlichkeiten in großen Gruppen, nicht das Schicksal einzelner Menschen. Gene können damit beeinflussen, welche Persönlichkeit sich entwickelt und welche Umwelten jemand später sucht. Erfahrungen und Lebensbedingungen wirken gleichzeitig weiter auf die Persönlichkeit ein.
Kurz zusammengefasst:
- Persönlichkeit ist teilweise genetisch geprägt: Die Nature-Studie identifiziert 1260 Varianten, die mit den Big Five zusammenhängen, wobei jeder einzelne Effekt sehr klein ist.
- Diese genetischen Profile hängen auch mit dem Alltag zusammen: Dazu zählen Wohnort, Tagesaktivität, berufliche Wege, Einkommen und mehrere Gesundheitsmerkmale.
- Gene legen das Leben nicht fest: Umwelt, Erfahrungen und persönliche Entscheidungen bleiben entscheidend, und aus dem Erbgut lässt sich das Verhalten eines Einzelnen nicht vorhersagen.
Übrigens: Persönlichkeit beeinflusst offenbar nicht nur, welche beruflichen Wege Menschen einschlagen – auch der Beruf selbst kann den Charakter über Jahre mitprägen. Warum Arbeitskollegen deshalb oft erstaunlich ähnlich ticken, mehr dazu in unserem Artikel.
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