Runner’s High: Unser Körper produziert selbst nach 230 Kilometern cannabisähnliche Stoffe
Beim Runner’s High steigen körpereigene cannabisähnliche Botenstoffe selbst nach extrem langen Läufen deutlich an.
Nach 230 Kilometern waren bei Ultramarathonläufern die Endocannabinoide Anandamid und 2-AG noch deutlich erhöht. © Unsplash
Laufen verändert nicht nur Puls, Atmung und Stoffwechsel. Der Körper schüttet dabei auch Botenstoffe aus, die an denselben Rezeptorsystemen wirken wie Cannabis. Solche Endocannabinoide gelten seit Jahren als mögliche Erklärung für das sogenannte Runner’s High. Eine neue Studie der Universität Duisburg-Essen liefert nun Hinweise darauf, dass dieses körpereigene System selbst bei extrem langen Belastungen aktiv bleibt. Noch nach Läufen über bis zu 230 Kilometer lagen bestimmte Botenstoffe deutlich über ihren Ausgangswerten.
Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal BMC Medicine. Das Team um Dr. Michael Siebers und Prof. Dr. Johannes Fuß untersuchte erfahrene Marathon- und Ultramarathonläufer und verfolgte dabei vor allem den Stoff Anandamid, kurz AEA. Anandamid gehört zu den Endocannabinoiden und kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden. „Wir haben festgestellt, dass Anandamid nicht nur zu Beginn des Laufens ansteigt“, sagt Siebers. Die Konzentration habe über einen gesamten Marathon weiter zugenommen und sei selbst 45 Minuten später noch erhöht gewesen.
Beim Runner’s High steigt Anandamid über viele Kilometer weiter
Im ersten Teil nahmen 19 erfahrene Läufer an einem Marathon rund um den Baldeneysee in Essen teil. Die Forscher entnahmen ihnen vor dem Start sowie nach 14, 28 und knapp 43 Kilometern Blut. Eine letzte Probe folgte 45 Minuten nach dem Zieleinlauf. Die Teilnehmer waren im Mittel rund 46 Jahre alt und liefen gewöhnlich etwa 47 Kilometer pro Woche.
Ein bis zwei Monate später absolvierten dieselben Personen einen Vergleichsversuch. Diesmal gingen sie auf derselben Strecke genauso lange, wie ihr Marathon zuvor gedauert hatte. Beim Laufen stieg Anandamid deutlich stärker an als beim Gehen. Vor allem in der zweiten Hälfte des Marathons vergrößerte sich der Unterschied. „Beim Gehen fiel die Veränderung wesentlich geringer aus“, sagt Siebers. Die erhöhte Konzentration verschwand nach dem Zieleinlauf zudem nicht sofort.
Selbst nach 230 Kilometern bleibt das Endocannabinoid-System aktiv
Für den zweiten Teil untersuchte das Team 36 Teilnehmer der TorTour de Ruhr 2024. Die Distanzen lagen weit jenseits eines klassischen Marathons:
- 16 Teilnehmer liefen 100 Kilometer.
- Sieben absolvierten 160 Kilometer.
- 13 gingen über die volle Distanz von 230 Kilometern.
Die Gruppe bestand aus äußerst erfahrenen Ausdauersportlern. Im Mittel hatten sie bereits 57 Marathons und 41 Ultramarathons absolviert. Auch nach diesen Rennen fanden die Forscher erhöhte Anandamidwerte. Zudem nahm die Konzentration eines zweiten Endocannabinoids namens 2-AG zu.
Mehr Kilometer bedeuteten allerdings nicht automatisch mehr Endocannabinoide. Bei einem ergänzenden Vergleich lagen einige Werte unmittelbar nach dem normalen Marathon sogar höher als nach den Ultramarathons. Die Forscher halten es deshalb für möglich, dass die Belastungsintensität stärker ins Gewicht fällt als die reine Dauer. Da es sich bei diesem Vergleich nur um eine zusätzliche Auswertung handelt, lässt sich daraus noch keine feste Regel ableiten.
Ein Runner’s High erleben längst nicht alle Läufer
Die erhöhten Endocannabinoidwerte allein reichen außerdem nicht aus, um ein Runner’s High zu belegen. Von den 19 Marathonläufern berichteten lediglich drei eindeutig von diesem Zustand. Acht verneinten ihn, acht waren unsicher. Unter den 36 Ultramarathonläufern sagten zwölf, sie hätten während des Rennens ein Runner’s High erlebt. 19 berichteten dagegen von keinem solchen Gefühl.
Auch die psychologischen Messungen ergaben kein einheitliches Bild. Nach den Ultramarathons nahm die Euphorie nicht statistisch messbar zu. Die Angstwerte sanken dagegen. 18 von 19 Marathonläufern und 29 von 36 Ultramarathonläufern berichteten rückblickend, während des Laufens keine Angst verspürt zu haben. „Ob die Botenstoffe tatsächlich für das Runner’s High verantwortlich sind, lässt sich daraus aber noch nicht ableiten“, sagt Fuß.
Trotz körpereigener Cannabinoide bleiben Schmerzen bestehen
Auch Schmerzen verschwanden durch die erhöhten Endocannabinoide keineswegs vollständig. Beim Marathon nahm das Schmerzempfinden ab etwa Kilometer 28 zu. Unter den Ultramarathonläufern berichteten 29 von 36 Personen von Schmerzen während des Rennens. Nur fünf bezeichneten ihren Lauf als schmerzfrei. Acht Teilnehmer hatten Schmerzmittel eingenommen.
Die neuen Daten ergänzen frühere Arbeiten derselben Forschungsgruppe. Bereits 2021 hatten die Wissenschaftler bei 63 Menschen beobachtet, dass typische Merkmale eines Runner’s High auch dann auftraten, wenn die Wirkung körpereigener Opioide medikamentös blockiert wurde. Parallel stiegen Endocannabinoide.
„Unsere aktuellen Ergebnisse zeigen zwar, dass das Endocannabinoid-System auch bei sehr langen Läufen aktiv bleibt“, sagt Fuß. Welchen Anteil diese Botenstoffe an Euphorie, Angstreduktion und Schmerzwahrnehmung haben, müsse jedoch weiter untersucht werden.
Kurz zusammengefasst:
- Beim Marathon steigt das Endocannabinoid Anandamid über viele Kilometer weiter an und bleibt auch 45 Minuten nach dem Lauf erhöht.
- Selbst nach Ultramarathons über bis zu 230 Kilometer fanden die Forscher erhöhte Werte von Anandamid und 2-AG.
- Ein Runner’s High lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, denn nur ein Teil der Teilnehmer berichtete tatsächlich von diesem Zustand.
Übrigens: Nicht nur körpereigene Botenstoffe beeinflussen, wie sich ein Lauf anfühlt – auch Zurufe vom Streckenrand folgen überraschend klaren akustischen Mustern. Besonders Tonhöhe, Rhythmus und Wiederholung prägen, welche Anfeuerungsrufe aus der Geräuschkulisse herausstechen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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