Krebs-Hoffnung durch mRNA-Impfung? Neue Studie stellt den vermeintlichen Vorteil infrage

Corona-Impfung bei Krebs: Auch ohne mRNA zeigte sich ein Überlebensvorteil – ein spezieller mRNA-Effekt ließ sich nicht belegen.

Comirnaty von Biontech/Pfizer ist einer der weltweit bekanntesten mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19.

Comirnaty von Biontech/Pfizer ist einer der weltweit bekanntesten mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19. © Unsplash

Eine viel beachtete Nature-Studie hatte eine bemerkenswerte Beobachtung gemacht: Krebspatienten lebten länger, wenn sie rund um den Beginn einer Immuntherapie eine mRNA-Covid-Impfung erhalten hatten. Wir berichteten darüber. Als mögliche Erklärung galt ein besonderer Effekt der mRNA-Technik auf das Immunsystem. Die Corona-Impfung bei Krebs rückte damit weit über ihren Schutz vor Covid-19 hinaus ins Blickfeld.

Neue Daten stellen diese Erklärung nun infrage. Eine unserer Redaktion bereits vorab vorliegende Studie wertet die Angaben von 121.676 älteren Krebspatienten in den USA aus. 10.824 von ihnen begannen eine Behandlung mit sogenannten Immuncheckpoint-Inhibitoren. Im Fachjournal PNAS berichten die Wissenschaftler: Ein Überlebensvorteil trat nicht nur nach mRNA-Impfungen auf. Vergleichbare Zusammenhänge fanden sie auch beim Janssen-Impfstoff und bei Grippeimpfungen.

Corona-Impfung bei Krebs: Vorteil zeigt sich auch ohne mRNA

Gerade der Vergleich mit dem Janssen-Impfstoff ist wichtig. Denn mRNA-Impfstoffe und der Janssen-Impfstoff nutzen unterschiedliche Techniken, um das Immunsystem auf das Coronavirus vorzubereiten.

Bei den mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna gelangt eine kurzlebige genetische Bauanleitung in die Zellen. Sie enthält die Information für das Spike-Protein des Coronavirus. Die Zellen stellen dieses Protein für kurze Zeit selbst her. Das Immunsystem erkennt es als fremd und baut eine Abwehr dagegen auf.

Der Janssen-Impfstoff funktioniert anders. Er nutzt ein verändertes Adenovirus als Transportmittel. Dieses harmlose Virus dient als sogenannter Vektor und bringt DNA mit der Bauanleitung für das Spike-Protein in die Zellen. Dort wird die DNA zunächst in mRNA übersetzt. Anschließend entsteht daraus ebenfalls das Spike-Protein.

Am Ende führen beide Impfstoffarten also zu einer Immunreaktion gegen SARS-CoV-2. Der Weg dorthin unterscheidet sich jedoch deutlich. Deshalb ist der Janssen-Impfstoff für den Vergleich so interessant. Würde der beobachtete Überlebensvorteil tatsächlich auf einer besonderen Wirkung der mRNA-Technik beruhen, müsste er bei Janssen schwächer ausfallen.

Auch Grippeimpfungen passen ins gleiche Muster

Das ließ sich in den Daten jedoch nicht erkennen. Bei Krebspatienten mit einer Immuncheckpoint-Therapie war die Sterblichkeit nach einer mRNA-Impfung niedriger als bei ungeimpften Patienten. Die sogenannte Hazard Ratio lag bei 0,67.

Die Hazard Ratio vergleicht vereinfacht gesagt das Sterberisiko zweier Gruppen im Verlauf der untersuchten Zeit. Ein Wert von 1 würde bedeuten, dass sich beide Gruppen nicht unterscheiden. Werte unter 1 sprechen für ein niedrigeres beobachtetes Risiko in der geimpften Gruppe.

Beim adenoviralen Janssen-Impfstoff lag die Hazard Ratio bei 0,68. Bei der Grippeimpfung betrug sie 0,64. Die Werte lagen damit erstaunlich nah beieinander. Der Zusammenhang mit einer niedrigeren Sterblichkeit trat also auch bei Impfstoffen auf, die nicht auf der mRNA-Technik beruhen.

Kein besonderer mRNA-Vorteil bei der Immuntherapie nachweisbar

„Wir finden keinen Hinweis darauf, dass die mRNA-Covid-Impfungen einen besonderen Vorteil gegenüber anderen Impfungen bieten, wenn es um die Wirkung der Immuntherapie geht“, sagt Studienautor René Karadakic, heute an der Professur für Empirische Gesundheitsökonomie der ETH Zürich, in einem Statement für SMART UP NEWS.

Das bedeute allerdings nicht, dass mRNA-Impfungen schlechter oder unnötig seien. mRNA- und Janssen-Impfstoff zeigten in den Daten einen vergleichbaren zusätzlichen Vorteil bei Patienten mit Immuntherapie. Den zuvor angenommenen speziellen mRNA-Effekt könne die neue Analyse dagegen nicht bestätigen.

Auch ein direkter Vergleich zwischen mRNA- und Janssen-Impfung ergab keinen statistisch signifikanten Unterschied. Die Hazard Ratio lag bei 1,16. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 0,80 bis 1,68.

Dieses Konfidenzintervall beschreibt den Bereich, in dem der tatsächliche Wert mit hoher statistischer Sicherheit liegen könnte. Weil der Bereich auch den Wert 1 umfasst, lässt sich aus den Daten kein verlässlicher Unterschied zwischen beiden Impfstoffarten ableiten.

Die Forscher formulieren deshalb zurückhaltend. Die verfügbaren Daten könnten „keinen mRNA-spezifischen Mechanismus der Tumorsensibilisierung isolieren“. Mit Tumorsensibilisierung ist gemeint, dass ein Tumor durch eine bestimmte Wirkung möglicherweise empfindlicher für eine Immuntherapie wird. Genau für einen solchen besonderen Effekt der mRNA-Technik fanden die Wissenschaftler keinen eindeutigen Hinweis.

Impfungen fallen auch bei anderen Krebstherapien auf

Der Zusammenhang zeigte sich außerdem nicht nur bei Patienten mit Immuncheckpoint-Inhibitoren. Diese Medikamente lösen vereinfacht gesagt bestimmte Bremsen des Immunsystems, damit Abwehrzellen Tumorzellen stärker angreifen können.

Auch bei Patienten mit anderen systemischen Krebstherapien war eine Impfung rund um den Beginn der Behandlung mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden. Systemisch bedeutet, dass die Behandlung im ganzen Körper wirkt und nicht nur an einer einzelnen Stelle.

In dieser Gruppe lag die Hazard Ratio für mRNA-Impfungen bei 0,65. Beim Janssen-Impfstoff betrug sie 0,74 und bei der Grippeimpfung 0,67. Wieder zeigte sich damit bei allen drei Impfstoffarten ein ähnlicher Zusammenhang.

Die Wissenschaftler prüften anschließend noch genauer, ob geimpfte Patienten mit Checkpoint-Inhibitoren zusätzlich profitierten. Nach 120 Tagen lag die Sterblichkeit bei den mRNA-Geimpften dieser Gruppe um weitere 5,7 Prozentpunkte niedriger als bei geimpften Patienten mit anderen Krebstherapien. Beim Janssen-Impfstoff betrug dieser zusätzliche Unterschied 6,4 Prozentpunkte.

Auch hier lagen beide Covid-Impfstoffe ähnlich. Das spricht gegen die Annahme, dass gerade die mRNA-Technik allein für den beobachteten zusätzlichen Vorteil verantwortlich ist.

Warum der Überlebensvorteil auch am Infektionsschutz liegen könnte

Eine mögliche Erklärung ist der Schutz vor schweren Infektionen. Covid-19 und Influenza können Krebspatienten zusätzlich belasten und das Sterberisiko erhöhen. Impfungen könnten deshalb einen Teil des Überlebensvorteils erklären, ohne die Krebstherapie selbst zu verstärken.

Auch Karadakic hält diese Erklärung für möglich. Da nur die Gesamtsterblichkeit erfasst wurde, lasse sich nicht ausschließen, dass Geimpfte seltener an Covid-19 oder Influenza starben. Der beobachtete Vorteil müsste dann nicht auf einer direkten Wirkung gegen den Tumor beruhen.

Könnte die Impfung das Immunsystem ganz allgemein aktivieren?

Auch eine allgemeinere Aktivierung des Immunsystems kommt infrage. Zudem können sich geimpfte und ungeimpfte Patienten in weiteren Merkmalen unterscheiden. Karadakic verweist etwa darauf, dass Geimpfte eine ausgewählte Patientengruppe darstellen könnten, die sich beim Zugang zur medizinischen Versorgung von Ungeimpften unterscheidet. Solche Erklärungen seien mit den Ergebnissen „mindestens ebenso vereinbar“ wie eine direkte Wirkung auf den Tumor.

Für den Infektionsschutz spricht, dass die Überlebenskurven schon früh nach Beginn der Krebstherapie auseinanderliefen. Veränderungen beim Tumorwachstum brauchen meist länger, bis sie sich auf das Überleben auswirken.

Allerdings erfassten die Daten nur die Gesamtsterblichkeit. Ob Patienten an Krebs, einer Infektion oder einer anderen Ursache starben, ließ sich nicht unterscheiden.

Für Krebspatienten zieht Karadakic deshalb eine klare Grenze: Sicher sei, dass eine Impfung nahe dem Beginn der Krebsbehandlung in der großen US-Stichprobe mit einem besseren Überleben verbunden war. Der zusätzliche Vorteil bei Immuntherapie-Patienten war dabei nicht auf mRNA-Covid-Impfstoffe beschränkt.

Zu früh wäre dagegen der Schluss, dass eine mRNA-Impfung Tumoren besonders empfindlich für eine Immuntherapie macht. Ebenso wenig könne die Beobachtungsstudie beweisen, dass die Impfung selbst das längere Überleben verursacht hat.

Kurz zusammengefasst:

  • Bei Krebspatienten war eine Impfung rund um den Beginn der Behandlung mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden – bei mRNA-, Janssen- und Grippeimpfungen ähnlich.
  • Ein besonderer Vorteil der mRNA-Technik lässt sich daraus nicht ableiten, weil auch Impfstoffe ohne mRNA vergleichbare Zusammenhänge zeigten.
  • Ob Impfungen die Krebstherapie selbst verbessern, bleibt offen: Möglich sind auch Infektionsschutz, allgemeine Immunreaktionen oder Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Patienten.

Übrigens: Krebs wird zwar häufiger diagnostiziert, gleichzeitig überleben heute mehr Menschen die Krankheit – während Herzinfarkte und Schlaganfälle seltener werden. Wie medizinischer Fortschritt unsere Krankheitsrisiken und Überlebenschancen verändert, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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