Krebs wird häufiger, Herzinfarkte seltener: So verändert der medizinische Fortschritt unser Leben
Herzinfarkte und Schlaganfälle werden seltener, Krebs häufiger. Gleichzeitig steigen die Überlebenschancen nach schweren Erkrankungen.
Moderne Bildgebung entdeckt immer früher immer mehr Tumoren. So sorgen frühere Diagnosen und bessere Behandlungen dafür, dass die Überlebenschancen steigen. © Pexels
Vor gut einem Jahrhundert bedeutete ein Herzinfarkt oft den Tod. Heute überleben viele Betroffene das akute Ereignis, zudem erleiden weniger Menschen einen Herzanfall. Im Fall von Krebs verläuft die Entwicklung anders: Die Zahl der Diagnosen steigt, doch auch hier werden die Überlebenschancen besser. Der medizinische Fortschritt verändert nicht nur die Therapien. Er verändert die Krankheitslast unserer älter werdenden Bevölkerung.
Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) und des schwedischen Karolinska-Instituts haben diese Verschiebung anhand schwedischer Registerdaten gemeinsam untersucht. Ihre Analyse umfasst Menschen zwischen 60 und 90 Jahren aus den Geburtsjahrgängen 1904 bis 1960. Beobachtet wurden Herzinfarkte, Schlaganfälle, Hüftfrakturen und bösartige Krebserkrankungen im Zeitraum von 1987 bis 2022. Für die Altersgruppen 70, 80 und 90 Jahre berechnete das Team zudem, wie viele Menschen ein und fünf Jahre nach der Diagnose noch lebten.
Weniger Erkrankungen durch bessere Vorbeugung
Bei Herzinfarkten, Schlaganfällen und Hüftfrakturen gingen die Neuerkrankungsraten zurück. Gleichzeitig überlebten mehr Menschen die ersten Jahre nach der Diagnose. Der Rückgang der Erkrankungen fiel sogar stärker aus als der Zugewinn der Lebensjahre. Deshalb nahm auch der Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung ab.
Anna-Kathleen Piereth, Wissenschaftlerin am MPIDR und am Karolinska-Institut, beschreibt diesen Unterschied so: „Die Veränderungsmuster von Inzidenz und Überleben sind krankheitsspezifisch.“ Bei den drei akuten Erkrankungen seien die Erfolge der Vorbeugung besonders groß, daher erleiden weniger Menschen überhaupt einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Hüftbruch.
Wie groß der Wandel ist, zeigt das Beispiel 75-jähriger Frauen in Schweden. Innerhalb von 20 Geburtsjahrgängen halbierte sich die Herzinfarktrate. Zugleich stieg der Anteil der Frauen, die ein Jahr nach dem Infarkt noch lebten, von 51 auf 75 Prozent. Die medizinische Versorgung war offenbar an zwei Stellen erfolgreich: Sie verhinderte Erkrankungen und verbesserte die Chancen nach dem Notfall.
Trotz höherer Krebsrate überleben mehr Menschen die Krankheit
Bei Krebs ist das Muster deutlich komplizierter. Mehr Menschen erhalten eine Diagnose, zugleich sterben weniger Betroffene früh an der Erkrankung. Dadurch wächst die Zahl jener, die über Jahre mit Krebs leben. Eine wachsende Häufigkeit in der Bevölkerung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Behandlungen versagen. Sie kann auch die Folge besserer Diagnostik und längerer Überlebenszeiten sein. Zugleich erreichen mehr Menschen ein Alter, in dem das Krebsrisiko deutlich zunimmt.
So nahm bei Männern zwischen 80 und 89 Jahren der Anteil der Krebsdiagnosen seit 1987 spürbar zu. In der Geburtskohorte von 1912 erhielten 17,3 Prozent in diesem Alter eine solche Diagnose. Bei den 1931 Geborenen waren es bereits 20,7 Prozent. Das entspricht einem Anstieg um rund ein Fünftel.
Piereth ordnet die Entwicklung so ein: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Fortschritte bei der Prävention von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Hüftbrüchen im Bereich der Vorbeugung am stärksten waren.“ Bei Krebs konzentrierten sich die Verbesserungen dagegen vor allem auf Diagnosestellung und Behandlung.
Was das für das Gesundheitssystem bedeutet
Die Zahlen aus Schweden zeigen zwei sehr verschiedene Entwicklungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Hüftfrakturen treten seltener auf. Krebserkrankungen werden häufiger festgestellt, aber erfolgreicher behandelt. Für das Gesundheitssystem entsteht daraus ein neuer Bedarf. Mehr Menschen benötigen langfristige Kontrollen, Nachsorge, Rehabilitation und Hilfe bei möglichen Spätfolgen. Auch Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen und Pflegebedarfe können daraus über Jahre erfolgen.
Die Forscher sprechen von einer veränderten Gesundheitsbiografie. Viele ältere Menschen überleben heute schwere Erkrankungen, leben danach aber mit mehreren Diagnosen gleichzeitig. Die medizinische Versorgung muss deshalb stärker über Fachgrenzen hinweg arbeiten. Hausärzte, Kliniken, Pflege und Reha-Einrichtungen begleiten zunehmend komplexe Krankheitsverläufe über viele Jahre hinweg.
Übergreifende medizinische Versorgung wird wichtiger
„Ansätze der integrierten Versorgung gewinnen zunehmend an Bedeutung“, erklärt Piereth. Gemeint ist eine Behandlung, die verschiedene Fachrichtungen und Versorgungsbereiche besser verbindet. Patienten mit Krebs, Herzproblemen oder Folgen eines Schlaganfalls haben oft mehrere Ansprechpartner. Ohne eine Abstimmung zwischen Ärzten drohen doppelte Untersuchungen, widersprüchliche Therapien oder Lücken in der Nachsorge.
Die Ergebnisse stammen aus Schweden, einem Land mit niedriger Sterblichkeit und gut ausgebautem Gesundheitssystem. Unterschiede zu anderen Ländern bleiben möglich. Dennoch halten die Forscher ähnliche Entwicklungen in anderen wohlhabenden Staaten für wahrscheinlich. Prävention, Diagnostik und Behandlung verbessern sich dort auf vergleichbare Weise, auch wenn Tempo und Zugang zur Versorgung unterschiedlich ausfallen.
Kurz zusammengefasst:
- In Schweden treten Herzinfarkte, Schlaganfälle und Hüftfrakturen heute deutlich seltener auf, weil Vorbeugung und medizinische Versorgung wirksamer geworden sind.
- Krebs wird dagegen häufiger diagnostiziert, doch gleichzeitig steigen die Überlebenschancen durch Früherkennung und bessere Behandlungen.
- Dadurch leben heute mehr ältere Menschen über viele Jahre mit schweren oder mehreren Erkrankungen, was eine langfristige Nachsorge und eine gut abgestimmte Versorgung wichtiger macht.
Übrigens: Während dank des Fortschritts in der Medizin Herzinfarkte seltener werden und die Überlebenschancen bei Krebs steigen, geraten in den USA die jüngeren Generationen der nach 1970 geborenen gesundheitlich zunehmend ins Hintertreffen. Sie sterben häufiger an Herzkrankheiten, Krebs und Überdosierungen als frühere Jahrgänge im selben Alter. Warum? Mehr dazu in unserem Artikel.
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