Nach 1970 Geborene sterben früher als Generationen vor ihnen

Über Generationen hinweg stieg die Lebenserwartung in den USA. Neue Daten stellen diese Gewissheit jetzt gehörig infrage.

Jüngere Generationen in den USA leben offenbar nicht mehr automatisch länger als ihre Eltern.

Jüngere Generationen in den USA leben offenbar nicht mehr automatisch länger als ihre Eltern. © Unsplash

Lange galt: Jede Generation lebt länger als die vorige. Eine neue Analyse zur Lebenserwartung jüngerer Generationen in den USA stellt diese Entwicklung nun infrage. Nach 1970 Geborene sterben bereits heute häufiger an Herzkrankheiten, Krebs oder Überdosierungen als frühere Jahrgänge im selben Alter.

Medizinischer Fortschritt, bessere Hygiene und wirksamere Therapien ließen die Lebenserwartung von Generation zu Generation steigen. Doch seit etwa 2010 geht es kaum noch voran. Eine Auswertung von Forschern der University of Texas Medical Branch (UTMB) liefert nun Hinweise darauf, warum sich dieser Trend in den USA verändert hat.

Lebenserwartung jüngerer Generationen in den USA verschlechtert sich

Die Wissenschaftler betrachteten nicht nur einzelne Jahre, sondern verfolgten ganze Geburtsjahrgänge über Jahrzehnte hinweg. Dafür werteten sie Sterbedaten von 1979 bis 2023 aus und untersuchten Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs sowie äußere Ursachen wie Überdosierungen, Suizide, Tötungsdelikte und Verkehrsunfälle.

Dabei zeigte sich ein Muster, das sich durch nahezu alle wichtigen Todesursachen zieht. Menschen, die vor den 1950er-Jahren geboren wurden, profitierten meist von besseren Überlebenschancen als die Generation vor ihnen. Bei den in den 1950er-Jahren Geborenen begann sich die Entwicklung zu drehen. Jede nachfolgende Generation schnitt tendenziell schlechter ab.

Die 1950er markieren den Wendepunkt

Besonders auffällig waren die Jahrgänge 1950 bis 1959. Sie bilden nach Einschätzung der Forscher eine Art Übergangsgeneration. Während frühere Geburtsjahrgänge von stetigen Verbesserungen profitierten, verschlechterten sich die Sterblichkeitsmuster danach schrittweise.

Mehrere Entwicklungen könnten dazu beigetragen haben. Die Autoren nennen unter anderem frühe Raucherkarrieren, die Folgen der HIV/AIDS-Epidemie, die Opioidkrise sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastungen. Vor allem bei Lungenkrebs zeigten diese Jahrgänge deutlich schlechtere Werte als ihre Vorgänger.

Nach 1970 Geborene bereiten Forschern besonders große Sorgen

Noch ernster fällt der Blick auf Menschen aus den Jahrgängen 1970 bis 1985 aus. Sie haben das Rentenalter noch lange nicht erreicht. Dennoch weisen sie bereits heute ungünstigere Sterblichkeitsraten auf als ältere Generationen im gleichen Alter.

„Diese Jahrgänge entwickeln sich schlechter als ihre Vorgänger bei der Gesamtsterblichkeit, bei Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, insbesondere Darmkrebs, sowie bei äußeren Todesursachen“, sagte Erstautorin Leah Abrams von der Tufts University in einer Mitteilung der University of Texas.

Studienautor Neil Mehta äußerte sich noch deutlicher. Die nach 1970 Geborenen hätten „überhaupt nicht gut“ ausgesehen. Das deute darauf hin, dass sie die Entwicklung der Lebenserwartung in den kommenden Jahrzehnten weiter belasten könnten.

Herzkrankheiten bremsen Fortschritte zunehmend aus

Besonders überraschend ist die Rolle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele Experten hatten die Opioidkrise lange als wichtigste Ursache für die stagnierende Lebenserwartung angesehen. Die Auswertung kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen erwiesen sich als einer der größten Treiber der Entwicklung. Jahrzehntelang gingen die Sterberaten bei Herzinfarkt und Schlaganfall zurück. Um 2010 verlor dieser Fortschritt deutlich an Tempo. Teilweise verschlechterten sich die Werte sogar wieder.

Warum das geschieht, bleibt offen. Die Forscher diskutieren mehrere mögliche Ursachen. Dazu zählen steigende Fettleibigkeit, die nachlassenden Effekte des Rückgangs beim Rauchen sowie eine größere Zahl von Menschen, die dank moderner Medizin schwere Herzkrankheiten überleben, aber weiterhin ein erhöhtes Risiko tragen.

Darmkrebs nimmt bei jüngeren Erwachsenen zu

Auch bei Krebs fanden die Forscher besorgniserregende Entwicklungen. Insgesamt gingen viele Krebssterbefälle über Jahrzehnte zurück. Doch bei jüngeren Geburtsjahrgängen tauchten neue Probleme auf.

Besonders Darmkrebs fiel auf. Bereits bei Menschen, die etwa ab Mitte der 1950er-Jahre geboren wurden, verschlechterten sich die Sterblichkeitsraten. Bei späteren Generationen setzte sich dieser Trend fort. Die Autoren verweisen auf den möglichen Einfluss von Übergewicht und Ernährungsgewohnheiten.

Mehta sagte, dass gerade diese Zunahme bestimmter Krebsarten bei jüngeren Erwachsenen Anlass zur Sorge gebe. Die Entwicklung sei schon vor der Corona-Pandemie sichtbar gewesen.

Überdosierungen und andere Todesursachen steigen deutlich an

Parallel dazu verschlechterten sich die Werte bei äußeren Todesursachen. Besonders Überdosierungen nahmen seit den späten 1990er-Jahren stark zu. Auch Suizide, Tötungsdelikte und Verkehrsunfälle entwickelten sich zeitweise ungünstig.

Die Forscher sprechen deshalb von zwei gleichzeitig wirkenden Entwicklungen. Einerseits schneiden jüngere Geburtsjahrgänge schlechter ab als ihre Vorgänger. Andererseits setzte um 2010 eine Verschlechterung ein, die nahezu alle Erwachsenen betraf – unabhängig vom Geburtsjahr.

Trotz besserer Medizin werden mehr Menschen krank

Gerade dieser Widerspruch beschäftigt die Wissenschaftler. Die Medizin erzielt heute Erfolge, die vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. Viele Menschen überleben Krankheiten, die früher tödlich verliefen. „Wir retten mehr Leben durch bessere Medizin, aber mehr Menschen werden krank, und genau diese Diskrepanz treibt die besorgniserregenden Trends an“, so Mehta.

Die Entwicklung ist nach Einschätzung der Autoren deshalb nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückzuführen. Herzkrankheiten, Krebs, Übergewicht, soziale Ungleichheit, Stress und Drogenprobleme greifen ineinander – diese Mischung macht die Lage so schwer berechenbar.

Während die Lebenserwartung in vielen wohlhabenden Staaten weiter steigt, haben die USA in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend den Anschluss verloren. Sollten die heute 40- bis 55-Jährigen ihre ungünstigen Trends mit ins höhere Alter nehmen, könnte die längste Phase stagnierender Lebenserwartung der modernen US-Geschichte erst noch bevorstehen.

Kurz zusammengefasst:

  • In den USA leben jüngere Generationen nicht mehr automatisch länger als frühere: Besonders nach 1970 Geborene sterben im gleichen Alter häufiger an Herzkrankheiten, Krebs und äußeren Ursachen wie Überdosierungen.
  • Der Wendepunkt liegt bei den Jahrgängen der 1950er-Jahre; seitdem verschlechtern sich die Sterblichkeitsmuster von Generation zu Generation, während der Fortschritt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit etwa 2010 kaum noch vorankommt.
  • Die Forscher sehen keine einzelne Ursache, sondern ein Zusammenspiel aus mehr chronischen Krankheiten, Übergewicht, Darmkrebs bei Jüngeren, Drogenkrise, sozialem Stress und Ungleichheit.

Übrigens: Während in den USA jüngere Generationen zunehmend früher sterben, wächst auch in Europa die Ungleichheit bei der Lebenserwartung. In Teilen Spaniens, Norditaliens und der Schweiz gewinnen Menschen weiter Lebensjahre hinzu, während andere Regionen immer stärker zurückfallen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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