Ärmere Darmflora hängt bei älteren Frauen mit mehr Stürzen zusammen

Bei älteren Frauen hängt einer neuen Studie zufolge weniger Vielfalt in der Darmflora mit mehr Gebrechlichkeit, Sturzrisiken und höherer Sterblichkeit zusammen.

Zwei Frauen auf einem Schiff

Ältere Frauen sind besonders häufig von Gebrechlichkeit und Sturzrisiken betroffen. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass auch die Darmflora Hinweise auf körperliche Schwäche im Alter liefern könnte. © Pexels

Gebrechlichkeit im Alter macht sich meist durch Stürze, nachlassende Kraft oder einen unsicheren Gang bemerkbar. Weniger bekannt ist, dass sich diese körperliche Schwäche offenbar auch im Darm erkennen lässt. Ältere Menschen mit höherer Gebrechlichkeit hatten eine deutlich geringere Vielfalt ihrer Darmflora und ein verändertes bakterielles Profil.

Die Arbeit dazu erschien im Fachjournal Nature Communications und stammt von einem Team der Universität Göteborg. Grundlage waren Daten von 2.081 schwedischen Frauen im Alter von 75 bis 80 Jahren. Viele Muster prüfte das Team zusätzlich in einer chinesischen Vergleichsgruppe mit 1.448 älteren Menschen, darunter 775 Frauen und 673 Männer. Die Studie belegt Zusammenhänge, aber keine direkte Ursache.

Wie sich Gebrechlichkeit messen lässt

Gebrechlichkeit ist nicht gleichzusetzen mit normalem Älterwerden. Mediziner meinen damit einen Zustand, in dem die Reserven des Körpers abnehmen. Betroffene erholen sich schlechter, stürzen leichter und verlieren an Selbstständigkeit. Auch Infekte oder Knochenbrüche können dann schwerere Folgen haben, Klinikaufenthalte werden häufiger. Für Familien wird das oft plötzlich sichtbar: Eine ältere Person schafft Treppen nicht mehr sicher, steht langsamer vom Stuhl auf oder meidet Wege außer Haus.

Für die Auswertung nutzten die Forscher einen eigens erstellten Gebrechlichkeitsindex. Er bündelte unter anderem Alter, Gewicht, Gehgeschwindigkeit, Ergebnisse eines Aufsteh-Tests, Rauchen, Vorerkrankungen, psychische Lebensqualität und Krankenhausaufenthalte. Frauen mit dem höchsten Wert hatten im Vergleich zur robustesten Gruppe ein rund fünffach höheres Sterberisiko. Auch Stürze mit Verletzungen und Hüftbrüche kamen häufiger vor.

Darmvielfalt und Verfassung hängen zusammen

Parallel untersuchte das Team Stuhlproben mit genetischen Analysen. Dabei ging es nicht nur darum, welche Bakterien vorkommen. Wichtig war auch, wie vielfältig die Darmflora war und welche Funktionen die Mikroben vermutlich erfüllen können. Bei stärkerer Gebrechlichkeit sank die bakterielle Vielfalt. Auch die Zahl mikrobieller Gene war geringer. Vereinfacht heißt das: Der Darm wirkte weniger artenreich und weniger funktional breit aufgestellt.

Die Wissenschaftler fanden 404 Bakterienarten, die statistisch mit dem Gebrechlichkeitsindex zusammenhingen. Einige Arten traten eher bei höherem Risiko auf. Dazu gehörten bestimmte Enterocloster- und Clostridium-Arten. Andere Arten fanden sich häufiger bei Menschen in besserem körperlichen Zustand. Darunter waren Bakterien aus der Gruppe Faecalibacterium, die in der Mikrobiomforschung oft mit einer günstigen Darmumgebung verbunden werden.

Was die Darmflora über die Verletzungsgefahr verrät

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Darmmikrobiota wichtige Aspekte von Gebrechlichkeit bei älteren Erwachsenen abbildet“, sagt Studienautorin Marina Vilar Geraldi von der Sahlgrenska Akademie. Eine geringere Vielfalt und weniger mikrobielle Genfülle hingen mit Sterblichkeit und Sturzverletzungen zusammen. Für Hüftbrüche fiel dieser Zusammenhang jedoch nicht eindeutig aus. Trotzdem ist der Befund wichtig, weil Stürze im hohen Alter häufig den Beginn einer längeren Abwärtsspirale markieren. Nach einem Bruch folgen oft Operation, Immobilität, Muskelabbau und Angst vor weiterer Bewegung.

Interessant sei laut Vilar Geraldi auch, dass mehrere Zusammenhänge in einer unabhängigen Gruppe aus China erneut auftauchten. Das stärke die Bedeutung der Befunde.

Ergebnisse taugen nicht als Test auf Gebrechlichkeit

Dennoch wäre es falsch, aus den Ergebnissen der Göteborger Arbeit einfache Versprechen abzuleiten. Denn die Daten sagen nicht, ob veränderte Darmbakterien Gebrechlichkeit verursachen. Es kann auch umgekehrt sein: Wer weniger mobil ist, anders isst, mehr Medikamente nimmt oder häufiger krank ist, verändert damit möglicherweise seine Darmflora. Die Forscher berücksichtigten zwar Faktoren wie Alter, Körpergewicht, Bildung, Rauchen, Alkohol und bestimmte Medikamente in ihrer Auswertung, ganz ausschließen lassen sich solche Einflüsse aber nicht.

Auch der Begriff Gebrechlichkeit bleibt vielschichtig. Er umfasst Muskeln, Immunsystem, Entzündung, Psyche, Ernährung, Bewegung und Vorerkrankungen. Der Darm könnte ein Teil dieses Geflechts sein. Er beeinflusst Stoffwechsel, Immunreaktionen und Entzündungsprozesse. Im Alter können diese Systeme empfindlicher reagieren. Deshalb wirkt der Zusammenhang biologisch plausibel, auch wenn er noch keine Therapieanleitung liefert.

Was die Darmflora im Alter wirklich aussagt

Mattias Lorentzon, Professor an der Universität Göteborg und Oberarzt am Sahlgrenska Universitätskrankenhaus, formuliert es vorsichtig: „Gebrechlichkeit ist ein komplexer Zustand, und unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Darmmikrobiota ein wichtiger Teil des Gesamtbildes sein könnte.“ Der nächste Schritt sei die Frage, ob solche mikrobiellen Muster eines Tages bei der Risikobewertung helfen oder Grundlage für spätere Maßnahmen werden können.

Für den Alltag bleibt vorerst ein praktischer Nutzen: Die Studie stärkt den ganzheitlichen Blick auf den Körper. Wer im Alter Kraft, Beweglichkeit und Selbstständigkeit erhalten will, sollte nicht nur an Knochen und Muskeln denken. Auch Ernährung, Bewegung, Medikamentengebrauch und Entzündungsprozesse, die mit dem Darm zusammenhängen, spielen eine Rolle für gesundes Altern. Aus einem einzelnen Stuhlprofil lässt sich damit noch kein persönliches Sturzrisiko ablesen, aber ein Blick auf die Darmflora könnte künftig helfen, frühe Warnzeichen besser zu deuten.

Kurz zusammengefasst:

  • Gebrechlichkeit im Alter zeigt sich nicht nur an Muskelschwäche, unsicherem Gang oder häufigen Stürzen. Bei älteren Menschen mit höherem Risiko war die Darmflora weniger vielfältig und funktional eingeschränkt.
  • Die Studie fand bestimmte Bakterienmuster, die mit Sturzverletzungen und Sterblichkeit verbunden waren: Einige Keime traten häufiger bei gebrechlicheren Personen auf, andere eher bei besserer körperlicher Funktion.
  • Noch ist unklar, ob die Darmflora Gebrechlichkeit mitverursacht oder vor allem ein Warnsignal ist: Praktisch wichtig bleibt deshalb der ganzheitliche Blick auf den Körper, der Alter, Ernährung, Bewegung, Medikamente, Entzündung und Darmgesundheit miteinbezieht.

Übrigens: Medikamente können den Darm lange prägen – manche Wirkstoffe verändern die Darmflora noch Jahre nach der letzten Einnahme und könnten damit beeinflussen, wie widerstandsfähig der Körper bleibt. Besonders Antibiotika, Beruhigungsmittel und Antidepressiva wirken nachhaltig auf das Mikrobiom. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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