Ohne Hörnerven geboren: Zweites Hirnstammimplantat soll Zweijährige hören lassen

Ein zweijähriges Kind ohne Hörnerven hat an der MHH ein zweites Hirnstammimplantat erhalten. Damit ist ein weltweit seltener Eingriff gelungen.

Konzentration am OP-Tisch: Die Implantation eines ABI gehört zu den anspruchsvollsten Eingriffen in der Hörrehabilitation. © Daniela Beyer/MHH

Konzentration am OP-Tisch: Die Implantation eines ABI gehört zu den anspruchsvollsten Eingriffen in der Hörrehabilitation. © Daniela Beyer/MHH

Damit ein Mensch hören kann, müssen Geräusche vom Ohr bis ins Gehirn gelangen. Dafür braucht es den Hörnerv. Bei einem zweijährigen Mädchen aus Hannover fehlt dieser Nerv auf beiden Seiten – es wurde taub geboren.

Ein Cochlea-Implantat hilft in diesem Fall nicht. Es wandelt Schall zwar in elektrische Signale um, braucht aber einen funktionierenden Hörnerv, der diese Reize weiterleitet. Bei dem Mädchen gibt es diese Verbindung nicht.

Zweites Implantat soll räumliches Hören ermöglichen

Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben deshalb direkt am Hirnstamm angesetzt. Dort implantierten sie dem Kind ein zweites Auditory Brainstem Implant, kurz ABI. Das Gerät umgeht die fehlenden Hörnerven und überträgt elektrische Reize unmittelbar an die Bereiche des Gehirns, die Töne verarbeiten.

Schon mit dem ersten Implantat hatte das Mädchen mit ersten Sprechversuchen reagiert. Nun hoffen die Ärzte, dass es Stimmen und Geräusche besser unterscheiden und räumlich einordnen kann.

Warum das zweite Implantat wichtig ist

Das erste Hirnstammimplantat erhielt das Mädchen bereits vor gut einem Jahr. Danach begann es, einzelne Wörter zu sprechen, darunter Namen aus seiner Familie. Für das Behandlungsteam war das ein Hinweis darauf, dass das Gehirn die elektrischen Reize aufnehmen und mit Sprache verbinden kann.

Mit dem zweiten Implantat kommt nun die andere Seite hinzu. Beim natürlichen Hören arbeiten beide Ohren zusammen. So lassen sich Geräusche besser räumlich zuordnen und Stimmen leichter voneinander unterscheiden. Diese Fähigkeiten sollen sich nun auch bei dem Mädchen weiterentwickeln.

HNO-Klinikdirektorin Prof. Dr. Anke Leichtle erklärt: „Für diese Kinder stellt ein ABI häufig die einzige Chance dar, Höreindrücke wahrzunehmen und Sprache zu entwickeln.“

Die Ärzte hoffen vor allem auf:

  • eine klarere Wahrnehmung von Stimmen und Geräuschen
  • eine bessere Orientierung im Raum
  • günstigere Voraussetzungen für die weitere Sprachentwicklung

Eine Garantie gibt es nicht. Das Gehirn muss erst lernen, die elektrischen Reize richtig zu deuten. Dieser Prozess kann lange dauern und verläuft bei jedem Kind anders.

Zweites Hirnstammimplantat verlangt viel Erfahrung

Die Implantation gehört zu den schwierigsten Eingriffen der modernen Hörmedizin. Die Elektrode wird in der Nähe empfindlicher Strukturen im Schädelinneren platziert. Schon kleine Abweichungen können dort andere Nervenbereiche reizen.

Deshalb übernehmen solche Operationen weltweit nur wenige hochspezialisierte Zentren. Eine beidseitige Versorgung ist selbst bei Erwachsenen selten. Bei einem zweijährigen Kind gilt sie als außergewöhnlich.

An der MHH führten gemeinsam mit Prof. Leichtle noch Prof. Dr. Rolf Salcher und Prof. Dr. Thomas Lenarz den Eingriff durch. Lenarz leitete die HNO-Klinik über viele Jahre und war an der Entwicklung implantierbarer Hörsysteme beteiligt.

Nach Angaben der MHH braucht es bei solchen Operationen nicht nur chirurgische Präzision. Entscheidend sind auch die spätere Einstellung des Implantats und die langfristige Begleitung des Kindes.

Erste Reaktion kam ungewöhnlich früh

Bereits zwei Tage nach der Operation aktivierte das Team das neue Implantat erstmals. Für ein Hirnstammimplantat ist dieser Zeitpunkt ungewöhnlich früh.

Beim sogenannten Probenton messen Fachleute zunächst die elektrischen Widerstände des Systems. Danach geben sie vorsichtige Reize ab und beobachten jede Reaktion des Kindes. Dabei achten sie etwa auf Bewegungen, Blicke oder Veränderungen im Verhalten.

Das Mädchen zeigte nach Angaben der MHH erste Reaktionen, die auf Höreindrücke hindeuten könnten. Eine sichere Aussage ist zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht möglich. Gerade bei einem Kleinkind lassen sich einzelne Bewegungen nicht sofort eindeutig zuordnen.

Leichtle formuliert deshalb vorsichtig: „Die nun abgeschlossene beidseitige Versorgung eröffnet diesem Kind weitere Möglichkeiten für seine Hör- und Sprachentwicklung.“

Nach der Operation beginnt das Hörtraining

Nach dem Eingriff folgt die Erstanpassung. Spezialisten stellen die Stärke und Verteilung der elektrischen Reize so ein, dass das Kind sie wahrnehmen kann, ohne überfordert zu werden.

Diese Einstellungen bleiben nicht dauerhaft gleich. Das Kind wächst, sammelt neue Höreindrücke und entwickelt seine Sprache weiter. Deshalb muss das Implantat in regelmäßigen Abständen neu angepasst werden.

Zur Betreuung gehören Ärzte, Audiologen, Logopäden und Pädagogen. Auch die Familie ist eng eingebunden. Sie hilft dem Kind dabei, Geräusche im Alltag mit Personen, Gegenständen und Situationen zu verbinden.

„Die Versorgung von Kindern mit Hirnstammimplantaten erfordert nicht nur höchste chirurgische Expertise, sondern auch eine langfristige interdisziplinäre Begleitung“, so Lenarz.

Für das Mädchen beginnt damit ein langes Training. Es muss lernen, Stimmen zu erkennen, Geräusche zu unterscheiden und neue Höreindrücke mit Wörtern zu verbinden.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein zweijähriges Kind ohne Hörnerven hat an der Medizinischen Hochschule Hannover ein zweites Hirnstammimplantat erhalten.
  • Anders als ein Cochlea-Implantat umgeht ein Hirnstammimplantat den fehlenden Hörnerv und reizt direkt Bereiche im Hirnstamm.
  • Der weltweit seltene Eingriff soll dem Kind helfen, Geräusche besser wahrzunehmen und seine Sprachentwicklung weiter zu fördern.

Übrigens: Wenn ein Hirnstammimplantat neue Höreindrücke ermöglichen soll, zeigt die Rhythmusforschung, warum Klang für das Gehirn so viel mehr ist als bloße Information. Erst über das Hören entsteht ein stabiler Takt im Kopf – Fühlen allein reicht dafür offenbar nicht aus. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Daniela Beyer/MHH

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