Schlafapnoe-Medikament statt Maske: Neue Pille reduziert Atemaussetzer

Ein neues Schlafapnoe-Medikament wird als Pille vor dem Zubettgehen eingenommen. Es senkt Atemaussetzer im Schlaf und verbessert die Sauerstoffwerte.

Eine Tablette vor dem Schlafengehen statt Maske und Schlauch: AD109 soll die Atemwege im Schlaf stabilisieren.

Eine Tablette vor dem Schlafengehen statt Maske und Schlauch: AD109 soll die Atemwege im Schlaf stabilisieren. © Pexels

Jede Nacht dasselbe Risiko: Der Atem stockt, der Sauerstoff im Blut fällt, der Körper schlägt Alarm. Manchmal dauert so ein Aussetzer nur wenige Sekunden. In einzelnen Fällen bleibt die Atmung aber eine Minute oder sogar länger unterbrochen.

Schlafstörungen sind in Deutschland weit verbreitet. Etwa jeder vierte Mensch leidet an Beschwerden, die behandelt werden sollten. Die Ursachen reichen von Stress bis zu Erkrankungen der Atemwege. Eine davon ist die obstruktive Schlafapnoe. Dabei erschlafft im Schlaf die Muskulatur im Rachen, die Atemwege verengen sich oder fallen zeitweise zusammen.

Schlafapnoe-Medikament stabilisiert den Rachen gezielt

Forscher aus den USA arbeiten nun an einer neuen Option: einem Schlafapnoe-Medikament, das abends als Tablette eingenommen wird. Die Pille AD109 soll die Muskulatur im Rachen stabilisieren und so nächtliche Atemaussetzer verringern. In einer großen Phase-3-Studie sank die Zahl der Atemstörungen deutlich. Für Patienten, die mit der CPAP-Maske nicht zurechtkommen, könnte das ein neuer Weg sein – allerdings mit einem klaren Haken bei den Nebenwirkungen.

AD109 wurde sechs Monate lang an 69 Standorten in den USA und Kanada geprüft. An der SynAIRgy-Studie nahmen 646 Erwachsene mit leichter bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe teil. Alle hatten die CPAP-Therapie zuvor nicht vertragen oder lehnten sie ab. Die Ergebnisse wurden im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine veröffentlicht; die University of Pittsburgh berichtete darüber.

Maske hilft vielen, wird aber oft abgelehnt

CPAP gilt bisher als Standardtherapie bei obstruktiver Schlafapnoe. Das Gerät erzeugt einen leichten Überdruck und hält so die Atemwege offen. Medizinisch kann das sehr wirksam sein. Im Alltag empfinden viele Betroffene die Maske aber als störend. Manche klagen über trockene Schleimhäute. Andere schlafen schlechter, fühlen sich eingeengt oder setzen das Gerät nach einiger Zeit wieder ab.

Damit bleibt ein Teil der diagnostizierten Patienten unbehandelt oder nur unzureichend behandelt. Studienautor Patrick John Strollo von der University of Pittsburgh beschreibt dieses Problem mit einem Vergleich: „Bei vielen anderen chronischen Erkrankungen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Typ-2-Diabetes, wäre es undenkbar, dass die Mehrheit der diagnostizierten Patienten unbehandelt oder unzureichend behandelt bleibt. Bei obstruktiver Schlafapnoe ist genau das jedoch weiterhin Realität.“

AD109 setzt bei Muskeln und Nerven an

AD109 kombiniert zwei Wirkstoffe: Aroxybutynin und Atomoxetin. Gemeinsam sollen sie die Nerven- und Muskelsteuerung in den oberen Atemwegen beeinflussen. Vereinfacht gesagt soll der Rachen im Schlaf weniger leicht erschlaffen. Der Luftweg bleibt dadurch stabiler, die Atmung wird seltener unterbrochen.

Strollo sieht darin den entscheidenden Unterschied zu vielen bisherigen Ansätzen. „Eine Tablette, die die zugrunde liegenden neuromuskulären Treiber des Atemwegskollapses während des Schlafs behandelt, könnte helfen, diese Lücke zu schließen und das Spektrum wirksamer Optionen für Patienten zu erweitern, die heute unbehandelt bleiben“, so der Mediziner. AD109 ist allerdings noch kein zugelassenes Medikament. Es handelt sich um ein Prüfpräparat.

Atemaussetzer gingen deutlich zurück

Der wichtigste Messwert in der Studie war der Apnoe-Hypopnoe-Index, kurz AHI. Er gibt an, wie viele Atemaussetzer oder Phasen stark verringerter Atmung pro Stunde Schlaf auftreten. Zu Beginn lag der mittlere Wert der Teilnehmer im Bereich einer moderaten Schlafapnoe.

Nach 26 Wochen sank der AHI in der AD109-Gruppe rechnerisch um 44,1 Prozent. In der Placebogruppe lag der Rückgang bei 17,6 Prozent. Auch die absoluten Zahlen sind wichtig: Unter AD109 verringerte sich der AHI im Mittel um 3,3 Ereignisse pro Stunde. In der Placebogruppe stieg er leicht um 0,7 Ereignisse pro Stunde. Daraus ergab sich ein Unterschied von 4,0 Ereignissen pro Stunde zugunsten von AD109.

Sauerstoffwerte verbesserten sich zusätzlich

Die Pille wirkte sich nicht nur auf die Zahl der Atemstörungen aus. Auch Messwerte zur Sauerstoffversorgung verbesserten sich. Der Sauerstoffabfall-Index sank unter AD109 stärker als unter Placebo. Dieser Wert beschreibt, wie oft der Sauerstoffgehalt im Blut während der Nacht abfällt. Auch die sogenannte hypoxische Belastung nahm ab. Gemeint ist die Gesamtlast durch Sauerstoffmangel während des Schlafs.

Bei 41,8 Prozent der Teilnehmer unter AD109 verbesserte sich die Einstufung der Schlafapnoe-Schwere. 17,6 Prozent erreichten nach 26 Wochen einen AHI unter 5. Nach dem verwendeten Messschema entspricht das einer vollständigen Kontrolle der Erkrankung. In der Placebogruppe lag dieser Anteil bei 9,3 Prozent. Erste Effekte traten bereits nach vier Wochen auf.

Müdigkeit besserte sich nicht eindeutig

Bei der Müdigkeit fiel das Ergebnis weniger klar aus. Beide Gruppen berichteten nach sechs Monaten über bessere Werte. Der Unterschied zwischen AD109 und Placebo erreichte beim Fatigue-Wert jedoch keine statistische Signifikanz. Die Tablette verbesserte also objektive Messwerte der nächtlichen Atmung. Ein sicherer Zusatznutzen bei Müdigkeit ließ sich in der gesamten Studiengruppe nicht belegen.

Für die Einordnung ist das wichtig. Schlafapnoe kann tagsüber müde machen, aber nicht jeder Betroffene spürt die Erkrankung gleich stark. Manche Patienten haben deutliche Beschwerden. Andere merken kaum etwas, obwohl ihre Sauerstoffwerte nachts wiederholt fallen. Die Studie fand Hinweise, dass stärker betroffene Teilnehmer beim Müdigkeitsgefühl eher profitieren könnten. Für die Gesamtgruppe blieb dieser Punkt aber offen.

Nebenwirkungen stoppten viele Teilnehmer früh

Die Verträglichkeit ist der größte Vorbehalt. 70,8 Prozent der Teilnehmer unter AD109 berichteten über Nebenwirkungen. In der Placebogruppe waren es 46,7 Prozent. Am häufigsten traten Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Probleme beim Wasserlassen auf. Die meisten Beschwerden wurden als mild eingestuft.

Trotzdem beendeten 21,2 Prozent der Teilnehmer unter AD109 die Behandlung wegen Nebenwirkungen. In der Placebogruppe waren es 3,1 Prozent. Viele Abbrüche passierten früh nach Beginn der Einnahme. Schwere therapiebedingte Nebenwirkungen meldete die Studie nicht. Auch Todesfälle traten nicht auf. Dennoch zeigt die Abbruchquote, dass eine Tablette nicht automatisch für jeden die einfachere Lösung ist.

Zulassung könnte 2027 näher rücken

Der Hersteller Apnimed hat für AD109 bei der US-Arzneimittelbehörde FDA den Fast-Track-Status erhalten. Außerdem wurde ein Zulassungsantrag eingereicht. Nach Angaben aus der Mitteilung könnte ein möglicher FDA-Zieltermin im ersten Quartal 2027 liegen, sofern die Behörde den Antrag zur Prüfung annimmt.

Bis dahin bleibt CPAP die etablierte Standardtherapie. AD109 könnte sie nicht einfach ersetzen. Die Studiendaten sprechen eher für eine zusätzliche Option für Menschen, die mit der Maske nicht zurechtkommen oder sie ablehnen. Vor einer breiten Anwendung müssen Zulassung, Langzeitdaten und die Verträglichkeit im Alltag geklärt werden.

Kurz zusammengefasst:

  • AD109 ist ein neues Schlafapnoe-Medikament, das abends als Tablette eingenommen wird und die Muskulatur im Rachen stabilisieren soll.
  • In der SynAIRgy-Studie mit 646 Erwachsenen sanken die nächtlichen Atemaussetzer unter AD109 deutlich stärker als unter Placebo; auch die Sauerstoffwerte verbesserten sich.
  • Die Pille könnte Patienten helfen, die CPAP-Masken nicht vertragen oder ablehnen – allerdings brach rund jeder fünfte Teilnehmer die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab.

Übrigens: Während AD109 die nächtlichen Atemaussetzer direkt verringern soll, zeigen kanadische Langzeitdaten, wie stark Schlafapnoe auch die Psyche belasten kann. Wer ein hohes Risiko für Schlafapnoe hat, entwickelt häufiger Depressionen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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